Prozess "Aufs tiefste menschenverachtend"


Weil er "nicht arisch" sei, haben drei Neonazis einen 23-Jährigen auf brutalste Art und Weise stundenlang gefoltert und fast zu Tode gequält. Dafür müssen sie sich nun vor Gericht verantworten.

Es sind Vorwürfe unglaublicher Brutalität, die Staatsanwalt Jörg Tegge im Saal 488 des Landgerichts Frankfurt an der Oder verlas. Drei Neonazis und zwei junge Frauen haben sich seit Donnerstag wegen eines schockierenden Gewaltexzesses zu verantworten. Opfer war der 23-jährige Gunnar S., den einer der Angeklagten als "nicht arisch" und deshalb "nichts wert" beschimpfte, wie es in der Anklage hieß.

Den drei nun in Frankfurt vor Gericht sitzenden Männern im Alter von 21 bis 29 Jahren wird unter anderem gefährliche Körperverletzung und Freiheitsberaubung vorgeworfen. Sie sollen Gunnar S. am 5. Juni 2004 auf der Straße überfallen und in eine Wohnung verschleppt haben. Dort begannen sie eine Gewaltorgie, an deren Ende das Opfer dem Tode nahe war. "Ohne ärztliche Hilfe wäre es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gestorben", sagte der Staatsanwalt. Die Mediziner diagnostizierten einen Darmdurchbruch, Rippenbrüche und schwere Verbrennungen. An den Folgen wird der 23-Jährige sein Leben lang zu leiden haben.

Mit Messern und Gabeln stachen sie auf ihr Opfer ein

In der Anklage hieß es, die Männer hätten Gunnar S. geschlagen, getreten, mit Messern und Gabeln auf ihn eingestochen, ihm Brandverletzungen mit einem Bügeleisen sowie Spray und einem Feuerzeug zugefügt, Zigaretten auf dessen Haut und der Zunge ausgedrückt. Zudem würgten sie ihn bis zur Ohnmacht. Sie zwangen ihr bereits schwer verletztes Opfer der Staatsanwaltschaft zufolge, Rasierschaum und Spülmittel zu schlucken sowie anschließend aus einer Toilettenschüssel sein Erbrochenes und Vogelkot zu essen.

Außerdem sollen sie ihn mit einem Bürstenstiel und anderen Gegenständen schwer sexuell misshandelt und sich auch selbst an ihm vergangen haben. Dabei zerrissen sie Gunnar S. die Darmwand und verursachten schwere innere Blutungen. Mit den Brutalitäten ging die Erniedrigung des Opfers einher. Unter anderem zwangen sie den bereits hilflosen Mann, auf allen Vieren auf dem Boden zu kriechen, urinierten ihm auf den Kopf und in den Mund. „Dadurch sprachen sie ihm ab, ein Mensch zu sein“, erklärte Tegge.

Den beiden 20 und 25 Jahre alten Frauen wird Beihilfe vorgeworfen. Sie sollen die drei Haupttäter mit Beifallsbekundungen und Gelächter zu deren Verbrechen angefeuert haben. Vor Gericht bemühten sich die solariumgebräunten Frauen, von denen eine mit bauchfreiem Shirt und hohen Absatzschuhen erschien, sich keine äußere Regung anmerken zu lassen. Auch zwei der drei angeklagten Männer blieben weitgehend reglos. Als sie an Händen und Füßen gefesselt in den Saal geführt wurden, verbargen die Kurzhaarigen ihre Gesichter hinter Mützen und Kapuzen.

Die pure Lust an der Gewalt

Ungewöhnlich deutlich verwies Staatsanwalt Tegge auf die "auf tiefster Stufe stehende menschenverachtende dumpfe rechtsextremistische Einstellung" der Angeklagten sowie auf deren pure Lust an der Gewalt. "Die drei Männer haben alle Verbindungen in die Neonazi-Szene, zwei sind einschlägig vorbestraft", sagte Dominique John vom Verein "Opferperspektive", der Opfer fremdenfeindlicher und rassistischer Gewalt betreut. "Leider werden wir in unserer Arbeit mehr und mehr mit äußerst brutalen Fällen konfrontiert", klagte John.

Während der gesamten Sitzung blickt nur einer der Angeklagten mit provozierender Kälte in Richtung Staatsanwalt. Reue war weder bei den Männer noch den Frauen zu erkennen. Ob sie sich zu den Vorwürfen äußern werden, blieb zunächst offen.

Das Opfer hat die Tortur nur knapp überlebt

Das Opfer wird der Verhandlung fernbleiben. "Er ist noch immer traumatisiert und in medikamentöser Behandlung", sagte Nebenklage-Anwalt Martin Rubbert. Nicht nur an den seelischen, sondern auch den körperlichen Folgen wird Gunnar S. ein Leben lang zu leiden haben. Vor wenigen Wochen musste ihm ein künstlicher Darmausgang gelegt werden.

Das Opfer hatte die Tortur nur überlebt, weil es sich noch in die eigene Wohnung schleppen konnte, nachdem seine Peiniger es schwer verletzt zurückgelassen hatten. Dort musste ein Bekannter Gunnar S. erst überreden, zum Arzt zu gehen und die Geschehnisse der Polizei zu melden. Die Neonazis hatten ihm und seinem kleinen Sohn für diesen Fall mit dem Tod gedroht. Aus Furcht machte das Opfer bei den Ermittlern zunächst keine Angaben zu den Tätern, wie Staatsanwalt Tegge sagte.

Sven Kästner/AP AP

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