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Prozess gegen Silvio S.: "Er hat schon gesagt, dass er gerne mal eine Frau kennenlernen würde"

Im Leben des wegen Kindesmordes angeklagten Silvio S. wurde aus allem immer nichts. Die Aussagen eines Kumpels zeichnen das Bild eines trostlosen, einsamen Mannes. Bericht von einem Prozess, in dem sich eine erstaunliche Wende ankündigt.

Silvio S. will im Prozess sein Schweigen brechen - und über den Mordfall Elias berichten

Silvio S. will im Prozess sein Schweigen brechen - und über den Mordfall Elias berichten.

Stickig und heiß ist es im Saal 8 des Landgerichts Potsdam. Die Luft ist zum Schneiden und die beiden Justizwachtmeister, die direkt hinter Silvio S. sitzen und den mutmaßlichen zweifachen Kindermörder nicht eine Sekunde lang aus den Augen lassen dürfen, können ihr Gähnen nur noch mit Mühe unterdrücken.

Aber freundlich-unerbittlich stellt der Vorsitzende Richter der ersten Großen Strafkammer, Theodor Horstkötter, seine Fragen. Er fragt nach Kilometerständen von Autos, nach Darlehensverträgen, nach Bierdosen in einer Werkstatt, nach einer Plastikfolie in einem Gartenteich. Er hört gar nicht mehr auf zu fragen. Minutiös wird hier das Alltagsleben eines Mannes rekonstruiert, der Taten von schwer zu ertragender Grausamkeit begangen haben soll. Gerade die Banalität des Alltäglichen, dem mit kriminalistischer Akribie nachgespürt wird, steigert die Wirkung des Verbrechens noch, bis ins Unheimliche.

Silvio S.: Der? Hätte ich nie gedacht!

Tag zwei im Prozess gegen Silvio S., den Mann, der die Kinder Elias (6) und Mohamed (4) im Juli und Oktober vergangenen Jahres entführt, bestialisch gequält und dann aus ihrem jungen Leben gerissen haben soll. Eine Tragödie wird in Saal 8 verhandelt. Was eigentlich nicht fassbar ist, will Theodor Horstkötter fassbar – und damit justiziabel – machen.

Einen Zeugen nach dem anderen bittet er in den Gerichtssaal und belehrt: "Auch, wenn Sie Erinnerungslücken haben, sich nur noch unvollständig erinnern können, müsse Sie uns das genau so sagen. Das gehört zu einer wahrheitsgemäßen Aussage dazu, zu der Sie verpflichtet sind." Und dann erzählen Nachbarn aus der Kleingartenanlage, in der Silvio S. die Leiche von Elias vergraben hatte; erzählt der direkte Vorgesetzte der Wachschutzfirma, bei der Silvio S. arbeitete; erzählt der einzige Freund, den Silvio S. wohl hatte, ein Kumpel, mit dem er an alten Autos rumschraubte. Und alle erzählen im Grunde dieselbe Geschichte. Es ist die Geschichte eines unnahbaren, zurückgezogenen Einzelgängers. Klar, er war ein bisschen sonderbar. Aber alle Zeugen haben auch dieses Erstaunen in der Stimme: Der? Ausgerechnet der? Hätte ich nie gedacht!

Die Nachbarin aus der Kleingartenanlage Eckbusch in Luckenwalde erinnert sich, dass der kleine Teich auf der Parzelle 27, die Silvio S. gepachtet hatte, plötzlich zugeschüttet war. Und dass Silvio S. eines Tages eine große Kiste aus seinem Auto lud, die Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Sie dachte, in der Kiste seien Gartengeräte. Ein anderer Nachbar erinnert sich, wie Silvio S. die Teichgrube mit Erde zuschütten wollte: "Mit bloßen Händen. "Da hab ich gedacht, dit kannste ja nich mit ansehen. Und hab ihm ne Schippe gegeben. Das bereue ich noch heute."

"Aber dann warst Du ja plötzlich weg"

In der großen Kiste war vermutlich die Leiche des kleinen, blonden Elias, den Silvio S. in unmittelbarer Nähe der elterlichen Wohnung in seinen weißen Dacia gelockt und dann umgebracht haben soll. Der Mord wäre auch geschehen, wenn der Gartennachbar die Schaufel nicht abgegeben hätte. Aber traumatisiert ist auch er, der durch eine kleine Gefälligkeit Mitbeteiligter wurde, an einem Verbrechen, das Deutschland aufgewühlt hat. Der ehemalige Vorsitzende der Kleingartenanlage spricht Silvio S. sogar direkt an; er schildert die Episode, wie das Unkraut vom Garten des mutmaßlichen Kindermörders auf die Nachbar-Parzelle wuchs. Dann sagt er zu Silvio S. : "Aber dann warst du ja plötzlich weg. Dann warst du ja nicht mehr da. Wir hätten dir nen Rasentrimmer gegeben, dann hättest du dit richtig schön machen können!"

Du hättest es richtig schön machen können. Es ist, als wolle der Mann zu Silvio S. sagen: Warum nur bist du nicht rechtzeitig umgekehrt, warum nur nicht rechtzeitig vor dem Bösen noch zurückgezuckt?

Warum? Warum mussten Mohamed und Elias sterben?

Silvio S. trägt wie schon am ersten Prozesstag einen grauen Kapuzenpulli mit der Aufschrift "College Team". Aufrecht sitzend verfolgt er das Geschehen, mit wachem Blick, die auffällig schlanken Hände vor sich wie zum Gebet gefaltet und auf der Tischplatte abgelegt. Manchmal muss er schlucken oder tief durchatmen. Manchmal schüttelt er unmerklich den Kopf – als wolle er etwas richtig stellen. Es scheint, als treffe ihn der nachträgliche Vorwurf, dass seine Kleingartenparzelle nicht ordentlich gepflegt war, mehr als die Morde an zwei kleinen Kindern, die ihm zur Last gelegt werden.

Über allem schwebt, unsichtbar, doch immer drängender, die eine Frage durch den Saal: Warum? Warum tut ein Mensch so etwas? Wie kann ein Mensch zu so viel Grausamkeit fähig sein? Ausgerechnet dieser Mensch.

Sein früherer Kumpel erscheint, Martin K., 30 Jahre alt, mit dem er in einer kleinen, angemieteten Werkstatt an alten Autos herumschraubte. Vielleicht der einzige Freund, den er je hatte. Martin K. und Silvio S. kannten sich seit Kindheitstagen. K. sagt: "Ich hätte ihm so etwas nie zugetraut." Silvio S. blickt in sich hinein, während vor ihm wie in einem Film sein altes Leben aufgeführt führt – ein Leben, in das er wohl nie wieder zurückkehren wird.

Silvio S. kam nicht bei Frauen an

"Ich habe ihm gezeigt, wie man die Bremsen macht", erzählt K. Manchmal spielten sie zusammen das Computerspiel "Battlefield" auf dem PC, manchmal schauten sie auf gemeinsam Youtube-Videos. "Auch Videos mit pornografischem Inhalt?", will der Richter wissen.

"Nee, so was war nicht dabei", sagt Martin K.

Manchmal erzählte K. von seiner jeweils aktuellen Freundin. "Aber von seiner Seite aus kam da gar nichts. Er hat schon gesagt, dass er gerne mal eine Frau kennenlernen würde, aber ist anscheinend nichts draus geworden." Einmal hat Silvio S. es über ein Dating-Portal versucht. Aber er wusste nicht, was er den Frauen, die er kontaktierte, schreiben sollte. "Ein 'Hallo!' reicht da ja nicht. Aber er wusste nicht, wie er die Konversation weiter schreiben sollte", sagt der Freund. Silvio S. konnte immer nur "Hallo" schreiben.

Einmal schwärmte Silvio S. für eine junge Frau, die auch in Kaltenborn lebte, dem kleinen 95-Einwohn-Dorf, ungefähr eine Autostunde südlich von Berlin. Aber auch daraus wurde anscheinend nichts, meint Martin K.

Silvio S: Ein bisschen trostlos, ein bisschen einsam

Es wurde aus allem irgendwie immer nichts, in dem Leben, das Silvio S vor seinen Mordtaten lebte. Es war ein bisschen trostlos, ein bisschen einsam. Aber muss das zur Katastrophe führen?
Dann plötzlich, im Oktober 2015: sein Bild in der Zeitung. Das Foto von der Überwachungskamera in der Nähe des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin-Moabit, wo er den kleinen bosnischen Flüchtlingsjungen Mohamed im Chaos der Wartenden mit einem großen Teddy weg- und in den Tod lockte. Martin K. bekommt das Bild per WhatsApp-Nachricht von einem Freund zugeschickt, mit dem Zusatz: "Hat aber schon ne Ähnlichkeit mit Silvio!"

Martin K. erkennt auf dem Foto sofort seinen Freund sofort: Es ist Silvio. Aber er glaubt zunächst an einen schlechten Scherz. Dann ruft er doch Silvio S. an. Der sagt: "Ich bin das nicht, der Mann auf dem Foto. Ich kann das gar nicht gewesen sein, hast du nicht den Artikel dazu gelesen? Der Typ soll da öfter am Lageso gewesen sein, dafür hab ich doch gar keine Zeit. Ich muss doch arbeiten."

Tage später gesteht er vor den Vernehmungsbeamten der Polizei die Taten. Aber seitdem sagt er nichts mehr, schon gar nichts zum Mord an Elias, dem Jungen aus dem Neubaugebiet in Potsdam-Schlaatz. Elias war nur kurz draußen im Hof zum Spielen, direkt vor der Erdgeschosswohnung, in der seine Mutter das Abendessen vorbereitete. Dort oder ganz in der Nähe traf er auf seinen Mörder, traf er vermutlich auf Silvio S. Bis heute ist unklar, wie er den als sehr vorsichtig bekannten Jungen zum Mitgehen überreden konnte.

Silvio S. will offenbar doch noch einmal aussagen

Nun hat der Angeklagte über seine Anwälte übermitteln lassen: Er sei bereit, zumindest im Mordfall Elias zu erzählen, was wirklich war. Aber er stellt eine sonderbare, unheimliche Bedingung: Er will weitere Fotodokumente, die bisher nicht Teil der Ermittlungsakten waren. Gemeint sind Aufnahmen, die der Gerichtsmediziner Michael Tsokos bei der Obduktion der Leiche des Elias gemacht hat. Ein letzter perverser Missbrauch des Opfers? Tsokos hat die Aufnahmen inzwischen den Prozessbeteiligten ausgehändigt.

Andreas Schulz, Anwalt der Familie des kleinen Mohamed, vermutet, es könne sich um eine "postmortale, romantisch eingefärbte Beziehung" handeln, die der Täter zu seinem Opfer Elias aufgebaut habe. Für diese These spricht ein weiteres, grausiges Indiz, das im Prozess noch zur Sprache kommen soll: Nachdem er Elias umgebracht hatte, schickte Silvio S. eine Beileidskarte an die Opferfamilie, dabei benutzte er zur Tarnung als Absender den Namen eines Bestattungsinstituts.

Zwar erreichte die Karte die Familie von Elias nicht, weil Silvio S. eine falsche Adresse auf den Umschlag geschrieben hatte – aber die Geste des mutmaßlichen Täters verstört bis heute. Wie auch sein Verhalten in der Schrebergartenkolonie. Als Silvio S. das Paket mit dem Leichnam des kleinen Elias in der Teichmulde seiner Gartenparzelle abgelegt hatte und hektisch Erde darauf schaufelte, wollte ein Nachbar wissen, was er denn dort mache. Antwort von Silvio S.: "Da soll mal ein schönes Blumenbeet hin."