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Prozess-Auftakt: Tödlicher Betrug mit Krebswundermittel

167 Menschen litten an unheilbarem Krebs. Ihre letzte Hoffnung: ein russisches "Krebswundermittel", für das sogar ein TV-Star warb. Doch das Medikament ist in Wahrheit nur ein billiger Entzündungshemmer. Geholfen hat es nur fünf skrupellosen Geschäftemachern, die Millionen verdient haben sollen. Sie stehen jetzt in Kassel vor Gericht, ihnen drohen langjährige Haftstrafen.

Von Malte Arnsperger, Kassel

Darmkrebs, Endstadium. Kein Arzt konnte Walter Zahn mehr helfen, der 63-Jährige hatte den Kampf gegen den tödlichen Tumor schon aufgegeben. Doch dann taucht am Horizont ein Hoffnungsschimmer auf. Im Fernsehen sieht seine Frau Marlene Anfang 2001 einen Bericht über Galavit, das russische "Wundermittel" gegen Krebs. Sofort wendet sie sich an Dr. Kurt Eike R., der Tumorpatienten in einer hessischen Klinik mit Galavit behandelt. Gutgläubig zahlt das Ehepaar Zahn 16.800 D-Mark (rund 8600 Euro) für diesen letzten Strohhalm. Doch der Strohhalm bricht schnell. "Galavit hat überhaupt nichts geholfen. Im Gegenteil. Es ging meinem Mann nach der Galavit-Behandlung immer schlechter. Wenige Monate später ist er dann gestorben", berichtet seine Witwe stern.de. "Dabei hatte mir Dr. R. zu 100 Prozent versprochen, dass mein Walter geheilt wird. Ich habe so eine Wut auf diesen Verbrecher."

"Der hat sich's gut gehen lassen"

Im Landgericht Kassel trifft die kleine Frau rund fünf Jahre nach dem Tod ihres Gatten das Objekt ihrer Wut. Dr. R., ein breitschultriger, kräftiger 65-jähriger Mann mit hängenden Augenliedern und puterrotem Gesicht, ist hier zusammen mit vier Komplizen wegen Betruges und Wucher angeklagt. "Der ist aber fett geworden" sagt Marlene Zahn mit Abscheu, als sie den Arzt im Gericht entdeckt. Während Dr. R., begrüßt von einem Blitzlichtgewitter, auf der Anklagebank Platz nimmt, fügt Marlene Zahn mit Bitterkeit in der Stimme hinzu: "Der konnte es sich ja von unserem Geld gut gehen lassen."

Es war ein ausgeklügeltes und zugleich menschenfeindliches System, mit dem die fünf Angeklagten in den Jahren 1999 bis 2001 das angebliche "Wundermittel" medienwirksam angepriesen und teuer verkauft haben sollen. Den Schauspieler Ivan Desny, bekannt aus dem ARD-Krimi "Tatort", spannten sie vor ihren Karren. In bunten Blättern trat Desny mit dem stolzen Dr. R. auf und verkündete, mit Galavit habe er seinen Prostata-Krebs besiegt. "Der Tumor ist weg. Es ist wie ein Wunder", behauptete Desny. Aber Desny hatte nie Krebs. Dem stern beichtete der TV-Star kurz vor seinem Tod 2002, er habe seinem alten Kumpel Falko D., laut Anklage der Drahtzieher des Galavits-Betrugs, helfen wollen. "Das war nur Werbung für einen Freund."

Millionengewinn eingesackt

Die Werbung verfehlte ihre Wirkung nicht. Dem Heilsversprechen sind angeblich 167 Krebskranke aufgesessen. Wie Walter Zahn sollen sie rund 8600 Euro für die Behandlung mit 15 Ampullen gezahlt haben, außerdem mehrere tausend Euro für den mehrwöchigen Klinikaufenthalt. Falko D. und sein Team sollen für die 15 Ampullen Galavit gerade einmal 320 Euro bezahlt haben - ein Billigimport aus Russland. Den Gewinn, insgesamt rund 1,3 Millionen Euro, teilte der 63-jährige Falko D. unter seinen Partner auf. Dazu gehörten zwei für die Abwicklung des Geschäfts zuständige Männer, sowie der Journalist Theo von K., der für die öffentlichkeitswirksame Verbreitung der medizinischen Sensation sorgte. Dr. R. hat die Behandlungen geleitet und soll den Patienten die Wirksamkeit des Präparats zugesichert haben. Er kassierte dafür ein fürstliches Monatsgehalt von 10.000 Euro und fuhr einen luxuriösen Bentley als Dienstauto.

Den verzweifelten Krebskranken wurde der Staatsanwaltschaft zufolge vorgegaukelt, die Arznei sei in der russischen Weltraumforschung erfolgreich getestet worden, stoppe die Tumorbildung, beseitige die Krebszellen und verlängere so die Überlebenszeit. "Die Angeklagten haben die Zwangslage der Patienten ausgenützt", so die Staatanwältin.

Anwälte plädieren auf Freispruch

Das bestätigt Marlene Zahn. "Uns wurde so viel Honig um den Mund geschmiert", sagt sie rückblickend. Doch selbst in Russland ist Galavit nur als Entzündungshemmer und Medikament gegen Durchfall zugelassen. Deutsche Krebs-Experten warnen deshalb vor falschen Hoffnungen. "Wir raten vom Einsatz diese Präparats ab", heißt es von der Krebsgesellschaft und der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Es gebe keine Beweise zur Wirksamkeit gegen Krebs.

Von Betrug wollen die Angeklagten aber nichts wissen. Selbstsicher und scheinbar unbeeindruckt von der Schwere der Vorwürfe verfolgen sie, wie vor Gericht die Daten der 167 betroffenen Patienten vorgelesen werden. Selber äußert sich zwar keiner der fünf am ersten Prozesstag, dafür lassen ihre Anwälte starke Worte fallen. "Ich wünsche mir einen Freispruch. Mein Mandant war offen gegenüber den Patienten, er hat Galavit nicht als Krebsheilmittel angepriesen", sagt Sabine Zeh, Anwältin von Dr. R. "Als Wundermittel gibt es Galavit nur in den Medien und der Anklageschrift. So ist es aber nie verkauft worden."

Ähnlich sieht es auch der Rechtsbeistand des Hauptangeklagten Falko D. "Es ist die Frage, ob überhaupt eine Schuld vorliegt. Es gibt nämlich keine Studie, die beweist, das Galavit unwirksam ist", meint Ullrich Goetjes, dessen Mandanten bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft drohen. Zudem, so der Anwalt, gebe es Krebserkrankte, die durchaus zufrieden mit der Behandlung gewesen seien. Auf Nachfrage, wie viele glückliche Galavit-Patienten es denn gebe, weiß Gotjes jedoch keine genaue Antwort. "Es gibt einige."

"Ich werde es ihm berichten"

Walter Zahn kann damit nicht gemeint sein. Wie bei den übrigen 167 Betroffenen, von denen die meisten schon gestorben sind, hat Galavit bei ihm und seiner Frau nur falsche Hoffnungen geschürt. "Heute Nachmittag werde ich meinem Mann erzählen, was heute im Gericht passiert ist", sagt Marlene Zahn. Zum ersten Mal muss die tapfere Frau schlucken, Tränen schießen ihr in die Augen. "Ich werde es ihm am Grab berichten."

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