Prozess Dutroux-Anklage steht und fällt mit Aussagen seiner Ex-Frau


Im Prozess gegen den belgischen Kinderschänder Marc Dutroux hatte am Dienstag die Mitangeklagte und Ex-Frau Michelle Martin das Wort. Die Anklage stützt sich im wesentlichen auf ihre Aussage.

Im Prozess gegen den belgischen Kinderschänder Marc Dutroux wird dessen mitangeklagte Ex-Frau Michelle Martin zunehmend zur Schlüsselfigur. So ist Martin die Kronzeugin gegen Dutroux im ersten der angeklagten Entführungsfälle, wie Untersuchungsrichter Jacques Langlois am Dienstag vor dem Schwurgericht in Arlon einräumte. Sie hat laut Langlois auch die Versorgung der beiden Kinder Julie und Mélissa versäumt, die in Dutroux’ Kellerverlies verhungerten. Insgesamt starben vier von sechs entführten Mädchen, bevor Dutroux festgenommen wurde und die Fahnder zu dem Versteck führte.

Martin folgte den Ausführungen des Untersuchungsrichters am Dienstag zunächst regungslos. Doch als Langlois die grausigen Ereignisse im Keller eines Dutroux-Hauses ansprach, verdeckte die 44-Jährige ihr Gesicht hinter beiden Händen. Wochenlang hatte die Angeklagte im Dezember 1995 demnach gezögert, bevor sie den Keller des leer stehenden Hauses bei Charleroi betrat. Dutroux saß wegen eines anderen Falls für 105 Tage in Haft. "Ich hatte so große Furcht, dass ich die Kellertreppe auf allen Vieren rückwärts hinabgestiegen bin", sagte Martin dem Chefermittler später.

"Da hätte ich rufen sollen:'Kommt heraus!'"

Als die dreifache Mutter den beiden Achtjährigen schließlich zwei Beutel mit Lebensmitteln in ihr enges Verlies brachte, war es vielleicht schon zu spät: Sie habe die gefangenen Kinder weder gesehen noch gehört, als sie die aus den Angeln gekippte schwere Betontür wieder vor die Öffnung wuchtete. "Da hätte ich rufen sollen: 'Kommt heraus!' - aber das habe ich nicht getan", sagte Martin in ihrer Vernehmung. Den Kindern brachte Martin danach nichts mehr zu essen - wohl aber den beiden Schäferhunden, die sie auf Dutroux’ Wunsch zum Schutz gegen Einbrecher in dem Haus einschloss.

Das Bild, das Ermittlungsrichter Langlois von Martin als Täterin auch in früheren Fällen zeichnete, entspricht deren eigener Darstellung nur zum Teil: Die 44-Jährige gab sich vor Gericht als willenloses Werkzeug ihres Ex-Mannes, von dessen Einfluss sie sich erst im Gefängnis habe lösen können. Dennoch beruht die Anklage gegen Dutroux in wesentlichen Teilen auf Martins Aussagen. Mit der Entführung von Julie und Mélissa habe sich Dutroux damals vor ihr gebrüstet: "Er war stolz auf seine Tat." Doch der so Beschuldigte streitet jede Beteiligung ab.

Gegenseitige Beschuldigungen

Dutroux und Martin bezichtigen sich gegenseitig der Lüge. Die Anklage zur Entführung der beiden Achtjährigen steht deshalb möglicherweise auf schwachen Füßen: Nur eine einzige Augenzeugin sah Julie und Mélissa in ein Auto einsteigen. Doch stand die alte Dame in einiger Entfernung und konnte den oder die Täter lediglich vage beschreiben. Und die Geschworenen, die in einigen Wochen über Schuld und Unschuld der vier Angeklagten richten sollen, bekamen auch in diesem Fall von Pannen der Polizei zu hören: Ein Spürhund sei ganz offensichtlich falsch eingesetzt worden, erläuterte Langlois.

Fehler und Versäumnisse bei den Ermittlungen Mitte der 90er Jahre sind in den ersten sechs Prozesstagen schon häufiger zur Sprache gekommen. Belgiens Bürger debattieren inzwischen offen über die Probleme ihrer Polizei. Doch die Betroffenen schweigen lieber, wie die Zeitung "La Meuse" von den Leitern der Kriminalpolizeien in Charleroi und Lüttich erfuhr. "Sie vermeiden es, auf die angeblichen Fehler des einen oder anderen zurückzukommen", sagte der Lütticher Kripochef Jacques Chantry über seine Fahnder. Zu leicht, so sein Argument, könnten solche Diskussionen abgleiten.

Roland Siegloff / DPA DPA

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