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Prozess: Fatale Salzpudding-Vergiftung

Die Bewährungsstrafe für die Stiefmutter eines tödlich vergifteten Mädchens ist rechtskräftig. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden. Die Frau hatte ihre Tochter gezwungen, einen versalzenen Pudding zu essen.

Richter sind den Umgang mit den dunklen Seiten des Lebens gewöhnt, doch was in den letzten Wochen auf den Tisch der Strafsenate des Bundesgerichtshofs (BGH) in Karlsruhe kam, konnte auch einem hartgesottenen Juristen ans Herz gehen: Ein verzweifelter Vater, der sein schwer behindertes Baby erstickt; ein gekränkter Ehemann, der seine untreue Frau mit der Tötung zweier gemeinsamer Kinder bestrafen will. Und diesmal ein vierjähriges Mädchen, das einen versalzenen Pudding essen musste und daran starb.

Mit den Kategorien des Strafgesetzbuchs lassen sich diese menschlichen Tragödien oft nur schwer erfassen. Das zeigt etwa der am Donnerstag in Karlsruhe entschiedene Fall. Mit kindlichem Eifer hatte die vierjährige Angelina zwei Esslöffel Salz - das sie offenbar für Zucker hielt - in einen Puddingbecher gerührt.

Kind hatte das Doppelte der tödlichen Menge eingenommen

Ihre Stiefmutter, eine junge Frau Anfang 20, reagierte genervt, sie hatte gerade ihr eigenes Baby gefüttert und wollte, so hat es das Landgericht Frankenthal festgestellt, die harmlose Panne für eine drastische Erziehungsmaßnahme nutzen: Angelina musste den widerwärtig schmeckenden Pudding auslöffeln. Danach lebte Angelina noch anderthalb Tage, eine sofortige Notfallbehandlung war vergebens. Was die junge Frau nicht gewusst hatte: 0,5 bis 1 Gramm Kochsalz pro Kilogramm Körpergewicht wirken tödlich. Angelina wog nur 15 Kilo.

Der 4. BGH-Strafsenat erkannte auf gefährliche Körperverletzung und bestätigte eine 14-monatige Bewährungsstrafe. Und die Senatsvorsitzende Ingeborg Tepperwien räumte ein, dass vielen die Reaktion der Justiz als zu milde erscheinen möge. Doch die Richterin machte deutlich, dass sich ein Gericht hier nicht allein an den schrecklichen Folgen der Tat orientieren kann. Denn dass gut 30 Gramm Kochsalz bei einem Kind tödlich wirken - das hätte wohl kaum jemand gewusst. Tepperwien brachte die gefühlte Widersprüchlichkeit des Urteils auf den Punkt: "Für den Tod des Kindes kann die Angeklagte, obwohl sie ihn verursacht hat, nicht verantwortlich gemacht werden."

Vater wollte durch Tod des Kindes Ehe retten

Oft genug ist es die Kluft zwischen einer vielleicht nachvollziehbaren Tat und deren schlimmen Konsequenzen, welche die Suche nach der gerechten Strafe so schwierig macht. Erst vor wenigen Wochen haderten die BGH-Richter mit dem Prozess gegen einen Krankenpfleger aus dem Raum Nürnberg.

Noch im Frühjahr 2002 hatte er sich mit seiner Frau auf Nachwuchs gefreut, doch einige Wochen vor der Entbindung zeigte sich, dass etwas nicht stimmt mit dem Jungen. Und bei der Geburt schlug die Sorge in Schrecken um: Der Kopf war zu einem "Turmschädel" verformt, Finger und Zehen waren zusammengewachsen, der Atem ging röchelnd, eine Gehirnschädigung war wahrscheinlich. Der Junge litt ein einem "Apert-Syndrom", seine Lebenserwartung war gering. Die Eltern hatten ihn Joshua - Gott hilft - nennen wollen, doch das erschien ihnen unpassend, sie gaben ihm den Namen Julian. Eines Abends beschloss der Vater, der nun um seine Ehe fürchtete, zu handeln. Er erstickte das Kind.

Schelchtes Gewissen beim Vater

Von der Sache hätte die Justiz nie erfahren, die Ärzte hatten Atemversagen diagnostiziert. Doch fast anderthalb Jahre später offenbarte er sich, vom Gewissen geplagt, der Kriminalpolizei. Die Beamten ahnten die Tragik, sie wollten ihn wieder weg schicken, damit er erstmal zum Anwalt gehen solle. Doch als die Mühlen der Justiz zu mahlen begannen, wurde aus der Familientragödie ein Totschlag in einem minder schweren Fall - und sechs Jahre Haft. Der BGH hob das Urteil vor drei Wochen auf und legte dem Landgericht Nürnberg-Fürth eine mildere Strafe ans Herz.

Dreizehn Jahre und sechs Monate Haft hatte dagegen ein Vater bekommen, der seinen knapp zwei Jährigen Sohn Hannes und die gut fünf Jahre alte Lisa Marie im Schlaf erstochen hatte. Weil sich seine Frau einem anderen Mann zugewandt hatte, wollte er sich und den Kindern das Leben nehmen - die Mutter sollte sich schuldig fühlen. Auch dies ein Grenzbereich des Lebens, doch in diesem Fall sahen die Karlsruher Richter eher Anlass für eine härtere Strafe: Im neuen Prozess beim Landgericht Mühlhausen in Thüringen droht dem 36-Jährigen nun eine Verurteilung wegen Mordes.

Wolfgang Janisch/DPA / DPA