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Prozess: Folterknechte im Vollrausch

Sie hatten ihr Opfer gefoltert, vergewaltigt, zum Essen von Taubenkot gezwungen und ihm in den Mund uriniert - angeblich im Rausch. Drei Neonazis, die das Leben eines 23-Jährigen zerstört haben, wurden zu hohen Haftstrafen verurteilt.

Andreas Dielitz ist beileibe kein unerfahrener Strafrichter. In der Prozess vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) mit dem Aktenzeichen 21 Kls 25/04 aber war selbst ihm als Vorsitzenden in den vergangenen Monaten oft die Fassungslosigkeit bleich ins Gesicht geschrieben. Wegen der stundenlangen Folterung und Vergewaltigung eines 23-jährigen Mannes sind drei Brandenburger Neonazis zu hohen Haftstrafen zwischen neuneinhalb Jahren und 13 Jahren und sechs Monaten verurteilt worden. Das Landgericht sprach die Männer zwischen 20 und 29 Jahren wegen besonders schwerer Vergewaltigung, schwerer Körperverletzung, Hausfriedensbruchs und Beleidigung schuldig. Zwei 20 und 25 Jahre alte Frauen erhielten wegen Beihilfe dazu Bewährungsstrafen von zwei Jahren.

Dem Tode nahe

Es war der frühe Morgen des 5. Juni 2004, als die Angeklagten das Leben des Gunnar S. zerstörten. Auf dem Heimweg von der Disco lief ihnen im Frankfurter Plattenbauviertel Neuberesinchen der 23-jährige Arbeitslose über den Weg. Die drei von Muskel aufbauenden Präparaten und Krafttraining aufgepumpten Männer zwangen ihn, in eine nahe Wohnung mitzukommen. Dort begannen sie eine zweistündige Gewaltorgie, an deren Ende S. dem Tode nahe war. Das Opfer überlebte nur dank einer Notoperation und wird sein Leben lang unter den Folgen zu leiden haben. Dem Mann musste ein künstlicher Darmausgang gelegt werden, er leidet an einer halbseitigen Bauchlähmung und ist noch immer schwer traumatisiert. Aus Angst lebt er von seinem dreijährigen Sohn getrennt. Die Täter hatten gedroht, das Kind umzubringen, falls der Mann zur Polizei gehe. "Ohne ärztliche Hilfe wäre er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gestorben", sagte Staatsanwalt Jörg Tegge im Prozess.

Im Prozess hatten die Neonazis all die grausamen Einzelheiten jenes Morgens gestanden. Sie räumten ein, das Opfer geschlagen und getreten, mit Küchengeräten und einem Bürstenstiel mehrfach vergewaltigt, mit einem heißen Bügeleisen, glühenden Zigaretten und Spray verbrannt sowie zum Schlucken von Erbrochenem, Spülmittel, Öl und Taubenkot gezwungen zu haben. Sie stachen mit Messern und Gabeln auf ihn ein und würgten ihn bis zur Ohnmacht. Mit den Brutalitäten ging die Erniedrigung des Opfers einher. Unter anderem urinierten sie dem längst hilflosen Mann auf den Kopf und in den Mund.

Einer soll den Mann als "nicht arisch" und "weniger wert als ein Hund" beschimpft haben. Die Frauen sahen den Folterungen zu und schritten nicht ein, sondern feuerten die Männer sogar mit Gelächter und Rufen an. Ein Motiv der kahl geschorenen Angeklagten sah Tegge auch darin, dass es der Misshandelte früher zur Punkszene gehörte. Nebenklage-Anwalt Martin Rubbert sprach von "typischen Skinhead-Straftaten". "Es ging darum, meinen Mandanten so brutal wie möglich zu erniedrigen und zu foltern", sagte Rubbert. "Es dürfte schwierig sein, einen anderen Fall zu finden, bei dem an einer Person an einem Tag so viele Verbrechen begangen wurden."

Alkohol, Drogen, Arbeitslosigkeit und Gewalt

Die einschlägig vorbestraften Angeklagten stammen aus zerrütteten Familien, ihr Leben war geprägt von Alkohol, Drogen, Arbeitslosigkeit und Gewalt. Es war nicht leicht, bei ihnen Zeichen der Reue zu erkennen. Zwar entschuldigten sich alle vor Gericht. Der mutmaßliche Haupttäter Ronny B. etwa fügte mit Blick auf seinen angeblichen Rausch zur Tatzeit an: "Aber das war nicht ich, der das gemacht hat."

Vor Gericht blieb die Beklemmung angesichts der Gewaltorgie während der vielen Verhandlungstage auf Juristen und einige Beobachter beschränkt. Die Angeklagten dagegen gaben sich oft unbekümmert. Ronny B, 29, Daniel K., 23, und David K., 21, grinsten sich und ihre Kumpels auf den Zuschauerbänken an, hielten ab und an ein Schwätzchen während der Verhandlung. Besonders genau war ihr Erinnerungsvermögen nur bei den Alkohol- und Drogenmengen, die sie angeblich vor der Tat zu sich genommen haben. Ramona P., 25, und Stephanie L., 20, wurden von den Richtern immer wieder gefragt, warum sie nicht eingriffen oder wenigstens weg liefen und Hilfe holten. Ihre Antworten darauf waren mitunter dreist. Ramona P. erschien stets solariumgebräunt und mit lackierten Fingernägeln zur Verhandlung, ihre engen Hosen und knappen Pullover gaben den Blick auf Bauchnabelpiercing und Tanga frei.

Der Staatsanwaltschaft hatte wegen schwerer Vergewaltigung, sexueller Nötigung, gefährlicher Körperverletzung bis "in die Nähe des Todes", Freiheitsberaubung und Hausfriedensbruchs vierzehn Jahre und sechs Monate Haft für den Haupttäter sowie neuneinhalb und zehneinhalb Jahre Haft für die anderen beiden Männer beantragt. Für die Frauen hatte sie zwei Jahre auf Bewährung gefordert. Dagegen hatten die Verteidiger für Haftstrafen zwischen vier und sechs Jahren für die Männer und kurze Bewährungsstrafen für die Frauen plädiert.

AP/DPA / AP / DPA