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Prozess gegen "Düsseldorfer Zelle": Keine Chance für al Kaida im Rheinland

Mit einem Anschlag in Deutschland wollte Al Kaida sich wieder ins Bewusstsein der Welt bomben. Doch der Plan ging schief. Jetzt stehen vier Männer in Düsseldorf vor Gericht.

Von Manuela Pfohl

Es sollte eigentlich etwas "ganz Großes" werden, etwas, womit al Kaida so richtig Eindruck machen wollte. Glaubt man der Anklage der Bundesanwaltschaft, dann hatten Abdelabdim El-K. , sein Komplize Jamil S. sowie Amid C. und Halil S. monatelang für diese Aktion gearbeitet. Alles schien perfekt. Und doch ging der Plan schief. Jetzt stehen die vier Männer in Düsseldorf vor Gericht und die Bundesanwaltschaft wirft ihnen "die Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung" vor. Zweck sei es gewesen, "Mord und Totschlag zu begehen". Laut Anklage wollten die zwischen 21 und 32 Jahre alten Männer, "einen Sprengsatz in einer großen Menschenmenge zünden und eine zweite Bombe nach dem Eintreffen der Rettungskräfte hochgehen zu lassen". Ein konkretes Ziel hatten die Angeklagten zwar noch nicht ins Visier genommen. Allerdings habe sich der Marokkaner Abdeladim El-K. über Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen und öffentlichen Gebäuden informiert.

Der 31-Jährige hatte in Bochum studiert und war für die Behörden zunächst ein unbeschriebenes Blatt. Bis ein Hinweis eines US-Geheimdienstes beim Bundeskriminalamt (BKA) einging. Der Mann sei nicht ganz clean, hieß es darin. Da passte es, dass einige Zeit später, nämlich im November 2010, ein aus Deutschland stammender und ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet gereister Islamist dem BKA Hinweise auf die Existenz eines Al-Kaida-Ablegers mitten im Rheinland gab. Bald liefen die Ermittlungen auf Hochtouren. Die Gruppe um El-K., die bald den Namen "Düsseldorfer Zelle" bekam, konnte schließlich Ende April 2011 nach monatelangen Observationen ausgehoben worden.

Al Kaida geht in die Offensive

Hintergrund für das Ganze ist eine "Offensive", die die Al-Kaida-Führung um den inzwischen verstorbenen Shaik Atiyatallah al Libi Anfang 2010 höchstselbst gestartet hatte. Ziel war es, in Europa und insbesondere auch in Deutschland Terroranschläge zu verüben. In der Folgezeit rekrutierte der damalige "Außenminister" der Organisation, Scheich Younis Al Mauretani, militante Dschihadisten, die nach einer Ausbildung im Umgang mit Sprengstoff und Verschlüsselungstechniken in Europa Al-Kaida-Zellen aufbauen sollten. Einer der neuen Chefs und Anschlagsplaner sollte - zumindest behauptet das die Bundesanwaltschaft - El-K. sein.

Der in Marokko geborene und seit 2001 in Deutschland lebende Monteur hatte sich offenbar im Jahr 2009 entschlossen, am gewaltsamen Dschihad in Afghanistan teilzunehmen. Er reiste deshalb im Januar 2010 in ein Ausbildungslager der Terrorgruppe im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, wo er offenbar das Dschihadisten-Komplettprogramm bekam. Inklusive einer Trainingseinheit für den Umgang mit Schusswaffen sowie in der Herstellung von Sprengstoffen und elektronischen Zündvorrichtungen. Auch sei er in Verschlüsselungsmethoden und –programme der Terrororganisation eingewiesen worden und habe Zugriff auf Bombenbauanleitungen sowie Computerprogramme zur Produktion von Bekennervideos erhalten.

Fit für den Terror

Im Mai 2010 war El-K. nach Ansicht der "Ausbilder" offenbar fit genug. Im Auftrag der Al-Kaida-Führung fuhr er zurück nach Deutschland und rekrutierte seine alten Studienkumpel Jamil S., Amid C. und Halil S. für ein Anschlagsvorhaben.

Allerdings hätte es schon im Juli 2010 beinahe ein Aus für die Truppe gegeben. Die deutschen Behörden hatten gehofft, dem Treiben ein Ende setzen zu können, indem sie El-K. einfach aus Deutschland ausweisen. Doch mit Hilfe von Jamil S. gelang es El-K. schon Ende November 2010 mit falschen Ausweispapieren wieder nach Deutschland einzureisen. Und jetzt begann das Quartett mit Hochdruck, das Anschlagsvorhaben vorzubereiten.

Laut Bundesanwaltschaft unterrichtete El-K. die Dschihad-Schüler in konspirativem Verhalten, übte mit ihnen Selbstverteidigung und verschiedene Kampfsporttechniken und bereitete sie so auf das beabsichtigte Attentat vor. Daneben begann El-K. ab Dezember 2010 die Sicherheitsvorkehrungen an öffentlichen Gebäuden, Flughäfen und Bahnhöfen auszuspionieren.

Nach einem Besuch in Marokko von Januar bis März 2011 suchten El-K. und Jamil S. ab Anfang April 2011 nach Möglichkeiten, das nötige Material für die Herstellung von Sprengsätzen zu beschaffen. Parallel dazu richteten sich die Vier ihre eigene kleine Bombenbastelküche ein, wo Jamil S. lernen sollte, aus handelsüblichen Grundstoffen Sprengstoff herzustellen. Ende April 2011 versuchten sie in der Wohnung von Jamil S. aus Grillanzündern Hexamin für Initialsprengstoff zu gewinnen.

Es war der Moment, in dem es den deutschen Ermittlern zu "heiß" wurde. Im Auftrag der Bundesanwaltschaft rückte ein Großaufgebot der Polizei aus und nahm El-K., Jamil S. und Amid C. am 29. April 2011 in Düsseldorf und Bochum fest.

Eine verwickelte Geschichte

Nur Halil S. konnte zunächst entwischen und den Kontakt zu al Kaida aufzunehmen. Die Führung riet ihm offenbar, als Ein-Mann-Terrorgruppe die Anschlagspläne weiter zu verfolgen. Tatsächlich versuchte er, Schusswaffen nebst Munition zu beschaffen, außerdem besorgte er sich auf illegalen Wegen Geld zur Finanzierung seines Plans. Am 8. Dezember 2011 wurde schließlich auch er in Bochum festgenommen.

Eine verwickelte Geschichte, in der es noch einige Unklarheiten gibt, wie zumindest die Verteidigung der mutmaßlichen Islamisten meint. Zu Prozessbeginn erklärte sie, dass sie die Einstellung des Verfahrens fordert. Der Grund: ihnen lägen Datenträger mit der Dokumentation von Ergebnissen der Wohnraumüberwachung bei ihren Mandaten nicht vor. Die Bundesanwaltschaft beantragte dagegen, den Einstellungsantrag zurückzuweisen. Insgesamt 500 Seiten hat die Anklageschrift. 260 Aktenordner mit Prozessstoff müssen abgearbeitet werden. Das deutet nicht auf ein schnelles Ende dieses Terrorverfahrens hin. Denn es wird davon ausgegangen, dass es kaum offenherzige Geständnisse geben wird.