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Prozess gegen den "Eisengel": Amanda Knox - Madonna oder Mörderin?

Der Fall um den "Engel mit den Eisaugen" geht in die letzte Runde. Ein Gericht in Perugia wird sich entscheiden müssen: Ist die Amanda Knox Justizopfer oder kaltblütige Mörderin?

Von Anke Helle

Durch die große Türe, vorbei an den Tischen der Staatsanwaltschaft bis zum Platz ganz vorne rechts, direkt neben ihren Anwälten. Wie oft Amanda Knox diesen Weg in den letzten vier Jahren zurückgelegt hat, weiß sie vermutlich selbst nicht mehr - hunderte, wahrscheinlich eher tausende Male. Immer begleitet vom Surren und Klicken der Kameras. Das begehrte Motiv hat sich in dieser Zeit gewandelt: Statt bunte T-Shirts trägt die Amerikanerin heute konservative Blusen. Das früher charmante Lächeln, wirkt längst gequält, die Schritte bis zu ihrem Platz, wie ein Kraftakt.

Nach vier Jahren hinter Gittern ist vom einstigen Engelsgesicht nicht mehr viel übrig. Auch ihr Charakter habe sich verändert, sagt Vater Curt Knox: "Sie hat den Glauben an das Gute verloren." Er hoffte, dass seine Tochter am kommenden Montag das letzte Mal ihren einsamen Weg beschreiten muss. Dann wird das Gericht erneut darüber urteilen, ob die heute 24-Jährige gemeinsam mit ihrem Ex-Freund Raffaele Sollecito ihre englische Mitbewohnerin umgebracht hat.

Sie ist "rein wie Wasser und Seife"

Sicher ist: Das Urteil im Mordfall Meredith Kercher wird kein einfaches sein. Es gibt kein Geständnis, keine eindeutigen Beweise, stattdessen nur unzählige Indizien, die Verteidigung und Anklage jeweils zu ihren Gunsten auslegen. Am Ende werden Richter und Jury vor allem eine Frage für sich beantworten müssen. Wer ist Amanda Knox? Ist die Amerikanerin "so natürlich, schlicht und rein wie Wasser und Seife", wie ihre Verteidiger behaupten? Oder steckt hinter ihrem Engelsgesicht doch eine "dämonische, satanische, diabolische Teufelin" wie sie die Nebenanklage beschreibt? Madonna oder Mörderin? Freispruch oder lebenslänglich?

Fast vier Jahre sind seit dem Mord an der englischen Austauschstudentin Meredith Kercher vergangen: Am Morgen des zweiten November 2007 wird ihre Leiche in einer Studenten-WG im italienischen Perugia gefunden. Die 21-Jährige wurde sexuell missbraucht, gewürgt und erstochen. Auf und in ihrem Körper findet die Spurensicherung DNA von Rudy Guede, einem stadtbekannten Kleinkriminellen. Zwei Wochen nach der Tat wird er in Mainz auf der Flucht gefasst. Fall gelöst? Nur scheinbar.

Ein möglicher Täter hat ein Alibi

Denn die Polizei hat längst zwei andere Hauptverdächtige im Visier. Amanda Knox, die amerikanische Mitbewohnerin des Mordopfers, und ihren Freund Raffele Sollecito. Die Begründung: Die beiden hätten sich bei den Befragungen merkwürdig verhalten und zunehmend in Widersprüche verwickelt. Nach 14 Stunden Verhör, ohne Anwalt und Übersetzer, bringt Amanda Knox ihren Chef, den Barbesitzer Patrick Lumumba, als möglichen Täter ins Spiel. Doch der hat ein Alibi. Nennt die Amerikanerin den Namen eines Unschuldigen, um den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen? Oder wurde sie von der Polizei unter Druck gesetzt, wie es später heißt?

Für die Ermittler ist der Fall klar: Gemeinsam mit Rudy Guede haben sich Amanda und Raffaele zu einer Sexorgie verabredet und unter der Einwirkung von Haschisch versucht, Meredith Kercher in ihr Spielchen zu involvieren. Als sich die Engländerin dagegen wehrte, habe Amanda zugestochen. Wieso ein frisch verliebtes Pärchen aus gutem Hause sich mit einem ihnen quasi unbekannten Dealer zu einer Sexorgie verabredet haben sollte, dafür hat die Staatsanwaltschaft keine Erklärung. Dafür verweist sie auf angebliche DNA-Spuren des Paars: Von Raffaele am BH-Verschluss des Opfers und von Amanda auf der vermeintlichen Mordwaffe. Auch einen Augenzeugen präsentieren die Ermittler, der die beiden am Mordabend in der Nähe des Tatorts gesehen haben will.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Bei der Neuauflage des Prozesses gibt es zwar keine neuen Beweise aber neue Richter und Geschworene - und beide Seiten sind siegessicher

Was versteckt sich hinter diesem Lächeln?

Sex, Drogen und eine tragisch-schöne Hauptfigur, der Fall ist wie geschaffen für die Schlagzeilen in aller Welt. Mit ihren Übertragungswagen überrollen Journalisten das umbrische Städtchen, immer auf der Jagd nach dem besten Bild von Amanda - und nach einer Antwort auf die Frage: Ist ihr Lächeln das einer Mörderin? Der Fall "Meredith Kercher" entwickelt sich zum "Reality Tatort", bei dem die ganze Welt mitermittelt. Im Internet spielen sich Amanda Verehrer und Hasser als Indizien-Experten auf - jeder darf seine Meinung äußern, schließlich gibt es keine eindeutigen Beweise. In unzähligen Büchern machen sich Autoren auf die Suche nach dem wahren Ich der Amanda Knox und im Frühjahr erscheint ein Film, mit US-Schönheit Hayden Panettiere in der Hauptrolle. Die Realität als fantasievollster Drehbuchautor.

Aus der amerikanischen Studentin Amanda Knox wird so "der Engel mit den Eisaugen" - eine Kunstfigur, erschaffen von Staatsanwalt und den Medien. Als sich das Gericht im Dezember 2009 zur Beratung zurückzieht, ist das öffentliche Urteil längst gefällt - und wird bestätigt: Richter und Jury sehen es als erwiesen an, dass sich hier zwei Menschen für "das Böse" entschieden haben. Das Urteil: 26 Jahre Haft für die Amerikanerin, 25 Jahre für ihren Ex-Freund. Nur wenige Tage danach erhält auch Rudy Guede in einem separaten Verfahren seine endgültige Strafe: 16 Jahre Gefängnis. Ein mildes Urteil für den Mann, dessen Spuren als einzige eindeutig am Tatort gefunden wurden. Die Familie von Meredith Kercher zeigt sich dennoch erleichtert: "Endlich können wir Ruhe finden."

Als ein Jahr später der Berufungsprozess beginnt, zeigt sich jedoch, auf welch wackeligen Beinen die Verurteilung ersten Grades steht. Neue Beweise gibt es nicht, aber dafür einen neuen Richter und neue Geschworene. Unter deren frischen Blicken verlieren viele Puzzleteil-Indizien plötzlich ihre Glaubwürdigkeit.

Der obdachlose Augenzeuge, der Amanda und Raffaele in der Nähe des Tatorts gesehen haben will, gibt zu, am Tatabend auf Heroin gewesen zu sein. Ein erneutes DNA-Gutachten bestätigt nicht nur, dass das BH-Verschluss mit den angeblichen Spuren von Raffaele Sollecito verunreinigt wurde, sondern besagt vor allem, dass anders als im ersten Verfahren behauptet, auf der angeblichen Tatwaffe doch kein Blut des Mordopfers gefunden worden sei. Eine Fehlinterpretation der Spurensicherung. Die unabhängigen Forensik-Experten aus Rom sprechen von gravierenden Ermittlungsfehlern und Schlampereien.

Beide Seiten geben sich siegessicher

Das neue Gericht jedenfalls hat genug gesehen, so scheint es zumindest: Die Forderung der Staatsanwaltschaft nach einem erneuten rechtsmedizinischen Gutachten wird abgelehnt, man könne sich auch so eine Meinung bilden .Mehr als ein Hoffnungsschimmer für Amanda Knox. "Sie sieht das Licht am Ende des Tunnel", freut sich auch Vater Curt. Er hofft, seine Tochter nächste Woche endlich wieder mit nach Hause nehmen zu können. Doch auch die Staatsanwältin gibt sich siegessicher: "Wir haben genug Beweise", sagt Manuela Comodi und verlangt die Höchststrafe: Lebenslänglich plus sechs Monate Sicherheitsverwahrung.

Im Zweifel für den Angeklagten, das gilt auch in Italien. Dass es im Prozess von Perugia viele Zweifel gibt, wird niemand bestreiten. Die Frage ist, ob sie stärker wiegen werden als die Faszination der Schauergeschichte vom Engel mit den Eisaugen.

Das Urteil fällt voraussichtlich am Montagabend, das Gericht hat entschieden, dass die Verkündung live im Fernsehen übertragen werden darf.