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Prozess gegen einen "Schlecker"-Räuber Von der Psychiatrie in den Knast


Ein Räuber hatte dem Gericht erzählt, er höre Stimmen - und wurde als psychisch krank freigesprochen. Jetzt gestand er und muss hinter Gitter.
Von Uta Eisenhardt

Joel B. hat nicht gewusst, wie schrecklich es in der Psychiatrie ist. "Es ist kaum vorstellbar, wie die Leute da drauf sind", lässt der 24-Jährige seine Anwältin Claudia Lind vor vier Wochen vor dem Berliner Landgericht verlesen. "Als ich das Gefühl bekommen habe, dass ich das als Gesunder nicht über Jahre aushalte, dachte ich, ich muss das jetzt sagen, dass das mit den Stimmen nicht wahr ist." Im März 2010 beichtete der angeblich Schizophrene dem Chefarzt des Berliner Maßregelvollzuges, der Klinik für psychisch kranke Straftäter, seine Simulation.

Dieses überraschende Geständnis führte zu einem einmaligen Wiederaufnahmeverfahren gegen einen Räuber, von November 2008 bis März 2009 vier Schlecker-Märkte und einen McPaper-Laden überfiel. Vor seinem ersten Prozess narrte er einen psychiatrischen Gutachter und eine große Strafkammer, indem er "einen auf Macke machte" und deshalb im Dezember 2009 von der strafrechtlichen Verantwortung freigesprochen und im Maßregelvollzug untergebracht wurde. Hätte er dort seine Show durchgehalten, wäre er nach den juristischen Regeln 2011 erneut begutachtet worden. Da es zu diesem Zeitpunkt keinen Anhaltspunkt mehr für eine geistige Erkrankung gab und er auch nicht als gefährlich eingestuft wurde, wäre er wohl Ende 2011 entlassen worden, so der Staatsanwalt. Doch Joel B., der mit seiner Beichte durchaus eine Entlassung bezweckte, kannte dieses Procedere nicht – sein genialer Coup scheiterte. Heute verurteilten ihn die Richter zu sieben Jahren Haft - wegen schweren Raubes, dreifacher schwerer räuberischer Erpressung und unerlaubten Waffenbesitzes.

Volles Vorstrafenregister

Er ist ein kräftiger Mann mit mehlweißer Haut, die mit seinen dunklen Augen kontrastiert. Trotz seines kahlgeschorenen Schädels wirkt Joel B. nicht bedrohlich. Sein schwermütiger Blick und sein sinnlicher Mund verpassen ihm vielmehr den Charme eines Hundewelpens, insbesondere wenn er seine Stirn in viele kleine Falten legt. Höflich entschuldigt er sich bei den Verkäuferinnen der von ihm überfallenen Läden, genauso höflich antwortet er auf die Fragen des Gerichts und bittet darum, seine Angehörigen und Freunde begrüßen zu dürfen, die Männer mit einem "Take Five", die Frauen mit Umarmungen, die Verlobte mit Händchenhalten.

Einzig seine an "Kanak-Sprak" erinnernde Artikulation verrät das schwierige soziale Milieu, in dem der Sohn einer Krankengymnastin und eines Süchtigen mit einem älteren und zwei jüngeren Brüdern aufwuchs. Vor dreizehn Jahren trennten sich seine Eltern - die Gewalttätigkeiten des alkoholabhängigen Vaters gegen seine Familie waren "nicht mehr zu verheimlichen", wie Joels religiös geprägte Mutter dem Gericht erzählt. Unter der Scheidung hätten ihre beiden Ältesten sehr gelitten. Joel B. sollte als Klassenbester eigentlich das Gymnasium besuchen. Doch er suchte sich nun starke Freunde in der Kreuzberger Nachbarschaft, einem "Krisengebiet", als das es seine Mutter bezeichnet, in dem viele Türken und Araber leben.

Er habe seine Familie beschützt, sogar seinen älteren Bruder, der Streitereien mied. Ab der sechsten Klasse schwänzte Joel B. regelmäßig die Schule, mehrfach musste er sie wegen Disziplinarverstößen wechseln. In den zehn Jahren seit seiner Strafmündigkeit füllte sich sein Vorstrafen-Register rasant, von 2003 bis 2005 saß er wegen schwerer Brandstiftung 32 Monate lang in Jugendhaft: Er hatte Mülltonnen angezündet und diese in Hausflure geschoben, "damit es in den Häusern auch richtig brennt", wie der Staatsanwalt sagt.

Eine Kriminalbeamtin nennt ihn einen "netten Räuber"

2006 lernte der Drogen-Konsument dann seine heutige Verlobte kennen, eine damals 13-Jährige aus Mecklenburg-Vorpommern. In deren Heimatdorf wollte er 2008 ein neues Leben anfangen, habe aber in der Enge ihres Elternhauses keinen Drogenentzug durchführen können, erklärt der Angeklagte. So fuhr er immer wieder nach Berlin, besuchte seine Familie, die drogenabhängigen Freunde und beging die Schlecker-Überfälle, wahrscheinlich mehr als angeklagt wurden, so mutmaßt es die Vorsitzende Richterin heute in ihrem Urteil. Seine Scham vor seiner Freundin und deren Familie sei es letztlich gewesen, die ihn auf die Idee mit den Stimmen gebracht habe: "Die hatten ja ein sehr gutes Bild von mir. Ich dachte, wenn ich krank bin, könnte mir keiner etwas vorwerfen."

Seit Dezember 2011 hieß es für das Gericht, sich erneut mit Joel B. und dessen Taten und wegen des Geständnisses vor allem mit dessen geistiger Verfassung zu beschäftigen. Dabei entstand ein sehr widersprüchliches Bild. So bezeichnete ihn eine Kriminalbeamtin als "netten Räuber", einer, der von November 2008 bis März 2009 zwar vermummt und mit Messer beziehungsweise Schreckschusswaffe agierte, sich aber während seiner Taten bei seinen Opfern entschuldigte und bedauerte, dass es gerade sie träfe. Dennoch richtete er bei seinen Überfällen erheblichen psychischen Schaden an: Alle Frauen mussten danach ihren Arbeitsplatz wechseln, viele gingen in Therapie, eine weinte sogar noch drei Jahre nach der Tat beim Anblick des Täters und den Gedanken an das Geschehene. Weil der Räuber auffällig gemusterte Jacken im Hip-Hop-Style trug, in denen er sich dann zu nahe gelegenen U-Bahnhöfen begab, wo ihn Überwachungskameras erfassten, wurde er nach einer öffentlichen Fahndung zehn Tage nach dem letzten Überfall gefasst. Als Motiv benannte er seinen Kokain-Konsum.

Gute und böse Stimmen gehört

Wie aber gelang es ihm, den psychiatrischen Gutachter Thomas Kasten vor dem ersten Prozess an der Nase herumzuführen? Rückblickend gesehen ermöglichte wohl nicht allein das Auftreten von Joel B. die Manipulation. Bereits 2003 wurde der damals 16-jährige Brandstifter im Auftrag des Gerichts psychiatrisch untersucht. Schon in diesem Gutachten war von Stimmen die Rede. Solche Erscheinungen sind nicht ungewöhnlich bei Drogen-Konsumenten. Sie werden nur dann strafmildernd berücksichtigt, wenn sie das Handeln beeinflussen.

Im Juli 2009 behauptete der Untersuchungshäftling, Einweg-Rasierklingen verschluckt zu haben. Das brachte den Suizidgefährdeten in die Psychiatrie. Dort entschloss sich der intelligente Schulabbrecher, dessen IQ 115 bis 121 beträgt, zur Simulation. In einer Aufklärungsbroschüre, die er von einer Ärztin erhielt, habe er von den Symptomen der Schizophrenie gelesen, zu denen eben auch das Stimmenhören gehört. Bei ihm sei es eine gute, die seiner Verlobten ähnele, und eine böse, männliche. Letztere hätte ihm befohlen, die Schlecker-Überfälle zu begehen.

Geschickt gelang es ihm, "immer nur so viele Informationen zu bieten, um den Verdacht im Raum stehen zu lassen", meint der Gutachter. So äußerte Joel B. etwa: "Wenn ich Ihnen das erzähle, dann läuft es auf den Maßregelvollzug hinaus, das will ich nicht." Als dann noch die Mutter und die Mutter der Verlobten berichteten, sie hätten gehört, wie der Angeklagte regelmäßig mit sich selbst sprach, stießen sich die Richter des ersten Gerichtsverfahrens nicht mehr an der Zielstrebigkeit, mit der die Taten begangen wurden und bestätigten per Urteil eine "paranoide Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis".

Schnell ließ er die Maske fallen

Im Dezember 2009 wurde Joel B. freigesprochen und im Maßregelvollzug untergebracht. Schnell ließ er dort die Maske fallen, von Stimmen war keine Rede mehr. Zusätzlich zu seiner Verlobten legte er sich eine psychisch kranke Frau als Freundin zu, auf der Station soll er den Platzhirschen gegeben haben. "Seine Mitpatienten verließen fluchtartig den Tagesraum, wenn er erschien", so Gutachter Thomas Kasten, der eine Schizophrenie-Erkrankung mittlerweile "für eher unwahrscheinlich hält". Joel B. sei egozentrisch, rücksichtslos und manipulativ, so beschreibt ihn der psychiatrische Gutachter Frank Wendt im zweiten Gerichtsverfahren. Der Psychiater bezweifelt selbst die vom Angeklagten vorgegebene Kokain-Abhängigkeit. Im Urin des frisch verhafteten Glatzkopfs wurde die Substanz jedenfalls nicht nachgewiesen.

"Er weiß sehr genau, welche Verhaltensmuster er zeigen muss, um seine Ziele zu erreichen, aber er hat wenig Ausdauer", meint der Gutachter. Selbst an ein gutes soziales Umfeld könne sich der dissozial gestörte Mann nicht längerfristig anpassen. Es bestünde eine immense Rückfallgefahr.

Erst einmal aber muss Joel B. noch mehr als vier Jahre absitzen: Die Zeit, die er seit März 2009 im Gefängnis und im Maßregelvollzug verbracht hat, wird ihm eins zu eins angerechnet.

Uta Eisenhardt

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