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Prozess gegen Ex-Soldaten: Der Finger wohl irgendwie bewusst am Abzug

Patrick S. tötete in Afghanistan seinen Kameraden mit der Dienstpistole. In Gera wurde ihm der Prozess gemacht, nun fiel das Urteil: Der Ex-Soldat habe bewusst abgedrückt, befand der Richter, der dennoch Milde walten ließ.

Von Uta Eisenhardt, Gera

Sie wollten gemeinsam in den Urlaub fahren, gleich nach dem Afghanistan-Einsatz. Das war bereits ausgemachte Sache. Doch dann kam der 17. Dezember 2010. Am späten Abend dieses Tages war der 21-jährige Hauptgefreite Oliver Ö. tot: Sein Freund Patrick S. hatte ihn aus einer Distanz von weniger als zwei Metern in den Kopf geschossen.

Seit Ende September drückt der 21-Jährige mit gesenktem Blick eine Anklagebank im Landgericht Gera: Ein kleiner, hübscher, sportlicher Mann mit akkuratem Haarschnitt und blondiertem Deckhaar. Er trägt Schwarz, so wie die Mutter seines getöteten Freundes, eine schlanke Schwarzhaarige, die ihm gegenüber sitzt, demjenigen, der ihren Sohn aus Leichtsinn tötete. Beständig suchte sie seinen Blick, presste ihre gefalteten Hände vor den Mund oder wischte sich mit einem Taschentuch die Tränen ab. Es ginge ihr nicht um Rache, ließ die Mutter von Oliver Ö. ihren Anwalt erklären, es ginge ihr um eine gerechte Strafe.

Erleichterung ist ihm nicht anzumerken

Darüber entschied nun das Gericht. Die fahrlässige Tötung und der schwere Ungehorsam sollen mit zwei Jahren Haft bestraft werden, die zur Bewährung ausgesetzt werden, verkündet der Vorsitzende Richter Martin Giebel. Reglos nimmt der seit März 2011 fristlos aus der Armee entlassene Soldat dieses Urteil zur Kenntnis. Die Erleichterung, von der seine beiden Verteidiger sprechen, ist ihm nicht anzumerken.

Am ersten Verhandlungstag berichtete der Angeklagte, er habe seine Pistole, eine P8 von Heckler und Koch, auseinander genommen und gereinigt. Anschließend habe er sie wieder zusammen setzen wollen. Dabei verklemmte sich, wie so oft, das Magazin. Er habe es mit der linken Hand einschlagen wollen, dabei müsse sich der tödliche Schuss gelöst haben. Genauer erinnern könne er sich aber nicht, sagte Patrick S.

"Die Soldaten waren bedrückt"

Mit Hilfe von Zeugen, den Kameraden und Vorgesetzten des Angeklagten sowie zweier Waffenexperten, verschaffte sich die 11. Strafkammer ein eigenes Bild von dem Vorfall. Der 17. Dezember 2010 war für die Soldaten des A-Zuges, des bei Pol e Khomri stationierten Außenposten Nord, ein ganz besonderer Tag: Denn sie bekamen den Befehl, am nächsten Morgen in einem mehrtägigen Einsatz Konvois abzusichern und zu patrouillieren. Es würde ein anstrengender, nicht ungefährlicher Einsatz werden, man rechnete mit Schlafdefizit und Feindberührung. "Die Soldaten waren bedrückt", so der Vorsitzende Richter.

Gegen 21 Uhr schliefen einige von ihnen bereits in dem Zehn-Mann-Zelt. Patrick S. wollte noch mit einem Kameraden zum Internet-Zelt gehen. Zuvor aber beschäftigte er sich mit seiner Dienstpistole, die er laut Befehl ständig am Mann zu tragen hatte. Er reinigte und prüfte sie, dies mussten alle Soldaten zwei Mal täglich tun.

"Alter, ej"

Nun hätten der Angeklagte und ein Zeitsoldat "Blödsinn" mit der Waffe veranstaltet, wie Zeugen berichten. Sie hätten ihre Pistolen "spielerisch" aufeinander gerichtet, als Oliver Ö. vom Rauchen in das Zelt zurück kam und auf die beiden zu ging. "In diesen Sekunden hielt der Angeklagte die Waffe in Richtung von Ö.", sagt der Vorsitzende. Das spätere Opfer habe angesichts dessen "Alter!" gesagt. Als der Schuss fiel, entfuhr ihm noch ein "Ej!" Dann stürzte der tödlich Verwundete zu Boden, er hatte sofort das Bewusstsein verloren.

"Patrick S. hat bewusst den Abzugshebel gedrückt, nicht aus Versehen", sagt der Richter. Er stützt sich dabei auf das Gutachten eines Sachverständigen vom Landeskriminalamt Thüringen. Der hatte die Waffe als funktionstüchtig bezeichnet und von einem gewissen Kraftaufwand gesprochen, mit dem der Abzug betätigt wird.

"Die Hand muss wohl irgendwie am Abzug gewesen sein"

Die gerade, eher nach unten gerichtete Flugbahn des Neun-Millimeter-Projektils und die Schmauchspuren sprächen für den gezielten Nahschuss. Auch die Wucht des ausgetretenen Projektils, das knapp über dem Kopf eines weiteren Soldaten durch die Zeltwand schlug, bestätigt diese Einschätzung.

"Eine linke Hand an der Waffe", wie sie beim Einschlagen des Magazins zu beobachten gewesen wäre, war auch einem ehemaligen Kameraden von Patrick S. nicht aufgefallen, obwohl er direkt hinter ihm stand, als der Schuss fiel. So räumte der Anwalt des Angeklagten im Laufe des Prozesses ein, dass sein Mandant "wohl irgendwie am Abzug gewesen" sein müsse.

Gegen menschliche Kardinalsregel verstoßen

Jetzt kamen die Richter zum Schluss, dass Patrick S. der irrigen Meinung gewesen sein müsse, die Waffe wäre nicht geladen gewesen. Möglicherweise sei er beim Reinigen abgelenkt gewesen. In jedem Fall habe er mit seiner Tat nicht nur gegen Sorgfalts- und soldatische Pflichten verstoßen, sondern auch gegen die menschliche Kardinalregel, dass man mit Waffen nicht auf Menschen ziele und diese schon gar nicht betätige, es sei denn, man ist gerade in eine kriegerische Auseinandersetzung verwickelt.

Doch warum passierte dies gerade diesem Soldaten, dem mehrere Zeugen eine "tadellose Dienstauffassung" bescheinigten, der auf die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften achtete, der Kameraden sogar rügte, wenn sie so genannte Poser-Fotos mit Waffen von sich anfertigten? "Das war mein bester Mann", sagte der unmittelbare Vorgesetzte über den Angeklagten. "Das war kein Rambo-Typ, genau das Gegenteil", meint auch der Richter.

Laxer Umgang mit Waffen

Reagierte dieser zuverlässige Soldat so seine Angst vor dem morgigen Tag ab? Oder war auch ihm inzwischen der Respekt vor der Waffe abhanden gekommen? Im Prozess wurde deutlich, dass nach einem Vierteljahr in Afghanistan die Dienstpistole ein alltäglicher Gegenstand geworden sei, vergleichbar mit einem Handy, so das Argument des Verteidigers Sebastian Weber. Auch äußerlich manifestierte sich diese Laxheit: So seien die Waffen unter oder neben den Betten gelagert worden - eine spezielle Aufbewahrungseinrichtung fehlte.

Das Landgericht Gera geht von einem einmaligen Aussetzer aus, der "in seiner Dimension erschreckend" sei, so der Richter. Er nimmt Patrick S. seine Betroffenheit ab, der sich zu Anfang und auch zum Ende des Prozesses mit zögernder, stockender Stimme bei der Mutter seines Opfers entschuldigte: "Mein letztes Wort richtet sich wirklich an die Familie, weil ich es sehr bereue. Es fällt mir schwer, darüber zu reden. Ich hätte es verhindern können, das auf jeden Fall. Ich würde mir wünschen, wenn Sie meine Entschuldigung annehmen können." Dabei schaute der Angeklagte die Mutter seines Freundes an, die seinem Blick Stand zu halten versuchte, am Ende aber doch in ihr Taschentuch schluchzen musste.

Soviel Reue gezeigt, wie ihm möglich ist

"Das war kein Lippenbekenntnis", so der Vorsitzende. Zwar hätte das Gericht gern ein unumwundenes, klares Geständnis gehört, doch habe Patrick S. den Eindruck gemacht, als ob er noch immer unter Schock stünde. "Er hat genauso viel Reue gezeigt, wie ihm psychisch möglich ist." Die genaueren Gründe für sein Verhalten wird der Angeklagte wohl erst mit psychotherapeutischer Hilfe ergründen, die möchte er sich nach dem Prozess holen. Er müsse lernen, sagt der Richter "dieser ganzen bitteren Wahrheit ins Auge zu sehen".

Helfen wird ihm dabei sicherlich das Sechs-Augen-Gespräch mit der Mutter von Oliver Ö. und einem Seelsorger der Bundeswehr, das er noch vor der Urteilsverkündung führte. Vielleicht will Frau Ö. darum auch keine Revision gegen das Urteil einlegen: Sie wolle, so ihr Anwalt, dem sinnlosen Tod ihres Sohnes Verzeihen entgegen setzen.

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