Prozess gegen HIV-Infizierten "Bin ich etwa eine Biowaffe?"


Dennis Milholland wurde überfallen und wehrte sich, indem er den Täter in den Finger biss. Deshalb steht er ab heute vor Gericht - wegen schwerer Körperverletzung, denn Milholland ist HIV-infiziert.
Von Iris Hellmuth

Natürlich, sagt er leise, natürlich könne man diese Geschichte auch so sehen, dass ein 57-jähriger HIV-Infizierter nachts durch Potsdam streunt und kleinen Kindern in die Hand beißt. Dann lacht Dennis Milholland in seinen Telefonhörer, und fast klingt er amüsiert, aber natürlich hat es sich für ihn alles ganz anders zugetragen. Und dann erzählt er. Mit kurzen Sätzen, klar und konzentriert, er hat keine einzige Szene vergessen, obwohl das alles schon mehr als eineinhalb Jahre her ist.

Die Geschichte, die Dennis Milholland zu erzählen hat, geht so:
Am Abend des 27. Mai 2005 steht der Schriftsteller in der Straßenbahn, es ist schon spät, als er und seine beiden Freunde von drei Männern angepöbelt werden: "Ey, die Nigger fressen Türkenscheiße, wir ficken Euch bis das Hirn platzt", schreit einer der Männer. Oliver K., der 26-Jährige, rempelt Milhollands Bekannten mit dem Oberkörper an. "Oh, fuck off", schreit Milholland ihn in seiner Muttersprache an. Mit seinen Begleitern steigt er in den Zug nach Berlin, der Waggon ist leer, aber nicht lang: Oliver K. ist ihnen gefolgt, erst schlägt er den Bekannten, dann Milholland ins Gesicht.

Milholland ist auf den rechten Auge blind

Der Faust seines Angreifers kann Milholland nicht ausweichen, er kann sie nicht sehen, seit seiner Geburt ist er auf dem rechten Auge blind. "Bist du blind?", brüllt K. und Milholland antwortet: "Ja." Er blutet aus dem Ohr.

Wenn er davon erzählt, dann scheint es fast so, als erzähle er eine Geschichte, die er immer noch nicht begriffen hat.

"Vielleicht hat er da gedacht, ich mache mich über ihn lustig", sagt er. "Plötzlich war seine Hand an meiner Kehle, seinen Finger hat er in meinen Mund gedrückt, ich dachte, der will mich umbringen." Er macht eine kurze Pause, sagt: "Und da habe ich zugebissen." Ein Reflex sei das gewesen, nicht mehr.

Als Oliver K. seinen blutenden Finger aus dem Mund zieht, sagt ihm Milholland, dass er Aids hat.

Bei dem Verfahren vor dem Amtsgericht Potsdam, das am Donnerstag beginnt, geht es um die Frage, ob Milholland am Abend des 27. Mai in Notwehr gehandelt hat oder nicht. Eine Frage, die eineinhalb Jahre nach der Tat schwer zu beantworten sein dürfte. "Im Prozess wird Aussage gegen Aussage stehen, andere Beweise liegen dem Gericht meines Wissens nicht vor", sagt Milhollands Anwalt Rolf Jürgen Franke. Eine Video-Aufzeichnung von dem Vorfall gebe es nicht, die einzigen Zeugen seien die Bekannten Milhollands.

50 Tagessätze für Oliver K.

Oliver K., der Mann, der die Schlägerei begonnen hat, ist für diese Tat zu 50 Tagessätzen Geldstrafe verurteilt worden, der Staatsanwalt selbst befand dieses Urteil, laut Millholland als zu gering und legte Berufung ein. Milholland sagte in dem Verfahren als Zeuge aus. Es ist dieselbe Staatsanwaltschaft, die nun den Prozess gegen Milholland führt. "Wir haben Anklage erhoben, weil wir einen hinreichenden Tatverdacht sehen", heißt es von der Potsdamer Staatsanwaltschaft.

Für das Verfahren ist die HIV-Infektion relevant, obwohl die Ansteckungsgefahr bei einem Biss minimal ist. "Uns ist kein Fall bekannt, bei dem es zu einer Infektion gekommen ist, nachdem der Speichel eines HIV-Infizierten auf eine offene Wunde getroffen ist. Nur in äußerst seltenen Fällen kommen HI-Viren im Speichel vor", sagt Professor Dieter Neumann-Haefelin von der Uniklinik Freiburg.

Nach dem Biss gesagt, er sei HIV-Infiziert

"Natürlich habe ich nach dem Biss trotzdem gesagt, dass ich HIV-positiv bin, das sehe ich als meine Pflicht an", sagt Milholland. "Jetzt wird mir das als aggressives Verhalten ausgelegt."

Oliver K. ist kurz nach der Schlägerei ins Krankenhaus gebracht worden. "Nur ich durfte auf der Polizeiwache weiter vor mich hin bluten, niemand hat einen Arzt gerufen", sagt er. Sein Anwalt hat die Beamten deshalb wegen unterlassener Hilfeleistung verklagt. Und es ist wohl nicht das einzige, was am Abend des 27. Mai 2005 in der Polizeiwache am Potsdamer Hauptbahnhof schief gelaufen ist: Während Oliver K. zu keinem Zeitpunkt auf Drogen oder Alkohol im Blut untersucht wurde, mussten Milholland und seine Begleiter noch auf der Wache einen Alkoholtest machen. "Unsere Werte lagen bei 0,0 Promille, trotzdem hat man uns behandelt wie Vollidioten. Die Beamten haben uns die ganze Zeit geduzt, es war unerträglich."

Bis zu zwei Jahre Haft erwarten den Autor

Seinem Verfahren, bei Verurteilung erwarten ihn bis zu zwei Jahren Haft, blickt der jüdische Autor und Übersetzer gelassen entgegen. "Ich bin nicht mehr wütend, nur noch amüsiert", sagt er. Das Interesse, das der Prozess mittlerweile in Berlin ausgelöst hat, will er nutzen, um anderen HIV-Infizierten Mut zu machen. "Wir sind nicht der Urheber von diesem Scheißvirus", sagt er, seine Stimme klingt bitter. "Und eigentlich müsste man denken, dass dieser Staat uns schützt, anstatt uns als lebende Biowaffen zu behandeln." Wenn nötig, sagt Milholland, werde er sich bis zum Europäischen Gerichtshof durchklagen.


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