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Prozess gegen Jackson-Arzt Murray soll Wiederbelebung verpatzt haben


Ist er ein gewissenloser Arzt, Lügner und Vertuscher? Die Vorwürfe im Prozess gegen Michael Jacksons Leibarzt Conrad Murray verdichten sich. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt ihn, den Tod des Sängers grob fahrlässig verursacht zu haben.

Die Anspannung ist Conrad Murray ins Gesicht geschrieben. Auf der Anklagebank in Los Angeles schrumpft der Zwei-Meter-Mann vor den Gerichtskameras zu einer ausdruckslosen Figur zusammen. Seit Prozessbeginn vor einer Woche schaut der 58-jährige Herzspezialist mit starrer Miene in den Raum, während die Vorwürfe auf ihn niederprasseln. Die Anklage fährt schweres Geschütz auf. Sie will beweisen, dass der Mediziner "grob fahrlässig" den Tod seines prominenten Patienten verursacht hat.

Glaubt man den Aussagen der ersten Dutzend Zeugen, so hat Murray den Popstar an seinem Todestag im Juni 2009 mit starken Präparaten versorgt, seinen Patienten dabei aus den Augen gelassen, in heller Panik eine mögliche Wiederbelebung verpatzt, Spuren vertuscht und erst viel zu spät den Notarzt gerufen.

Vielleicht hätten sie Jacksons Herz bei raschem Eingreifen wieder zum Schlagen bringen können, warf der Sanitäter Richard Senneff in den Raum. Mehr als 40 Minuten habe er sich mit einem Kollegen in Jacksons Schlafzimmer vergeblich abgemüht. An einem leblosen Körper, denn nach seiner Einschätzung war der Sänger bereits tot. Murray habe sie belogen, als er nur ein Schlafmittel genannt habe, das er Jackson gegeben hatte, aber das starke Narkosemittel Propofol verschwiegen habe.

"Er starb so schnell, so augenblicklich"

Diesen schweren Vorwurf hörten die zwölf Geschworenen am Montag, zu Beginn der zweiten Prozesswoche, auch von zwei Ärztinnen vom UCLA Medical Center, wo sich ein Team von 14 Helfern ebenfalls um Jackson bemüht hatte. Murray habe Propofol "absolut nicht" erwähnt, bekräftigte die Herzspezialistin Thao Nguyen. Überhaupt habe der Arzt "verzweifelt" gewirkt und ihr keine hilfreichen Antworten geben Können. "Er sagte, dass er keinen Bezug zur Zeit habe und dass er keine Uhr hatte", erklärte die Zeugin. Die Notärztin Richelle Cooper ließ keine Zweifel daran, dass Jackson "klinisch tot" und "schon lange vorher" gestorben war, bevor er in die Notaufnahmen eingeliefert wurde. Nur auf Drängen von Murray hin hätten sie die Wiederbelebung noch länger fortgesetzt.

Im Kreuzverhör räumte Cooper ein, dass es im Grunde auch nichts genützt hätte, wenn Murray die Notärzte sofort über Propofol unterrichtet hätte. Der Patient sei bereits tot gewesen.

Nach eigenen Angaben hatte der Leibarzt nur eine kleine, harmlose Dosis des Narkosemittels etliche Stunden vor Jacksons Tod gespritzt. Jackson selbst sei der Täter gewesen. Auf diese Strategie setzt die Verteidigung. Sie wollen beweisen, dass der Sänger ohne Wissen des Arztes aus eigenen Stücken zu dem tödlichen Medikamenten-Cocktail griff und sich dabei versehentlich selbst tötete. "Er starb so schnell, so augenblicklich, er hatte nicht einmal Zeit, seine Augen zu schließen", beschrieb Verteidiger Ed Chernoff Jacksons plötzlichen Überdosis-Tod.

Murray drohen bis zu vier Jahre Haft

Bevor die Verteidigung zum Gegenangriff startet, will die Anklage noch viele Zeugen vorführen: Freundinnen von Murray, mit denen der Arzt telefonierte, während Jackson betäubt im Bett lag. Ermittler, die bei der Hausdurchsuchung jede Menge leere und volle Medikamenten- Behälter fanden. Möglicherweise auch Prince, den ältesten Sohn des Sängers, der zusammen mit seiner Schwester Paris das dramatische Ende seines Vater hautnah miterlebte.

Keines der drei Kinder hat bisher den Gerichtssaal betreten. Doch der Jackson-Clan ist täglich vertreten. Die Eltern des Popstars, Joe, 82, und Katherine ,81, wurden zum Auftakt von den Geschwistern La Toya, Janet, Randy, Jermaine und Tito begleitet. Katherine, die ihre Enkel aufzieht, brach mehrmals in Tränen aus.

Mit einem Schockeffekt sorgte die Anklage gleich zu Beginn für ein emotionales Drama. Im abgedunkelten Gerichtssaal leuchtete eine Foto des Popstars auf, bleich und leblos auf einer Krankenbahre. Dann klang die lallende Stimme des Verstorbenen durch den Saal. In einer Aufnahme, sechs Wochen vor seinem Tod, spricht Jackson über sein geplantes Konzert-Comeback. Die Leuten sollen nach der Show sagen können, er sei "der größte Entertainer der Welt", stammelt der Sänger mit verzerrter Stimme, offensichtlich unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln. Die soll ihm Murray über Wochen hinweg "grob fahrlässig" gegeben haben. Wochen wird es auch dauern, alle Beweise vorzulegen. Das Gerichtsdrama kann sich nach Einschätzung des Richters über einen Monat hinziehen. Im Falle eines Schuldspruchs muss Murray mit vier Jahren Haft rechnen.

fro/DPA DPA

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