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Prozess gegen Jörg Kachelmann, 18. Tag Anwalt außer Rand und Band


Im Kachelmann-Prozess geht es eigentlich um eine Tragödie zwischen zwei Menschen. Inzwischen ist aus der Tragödie ein Theaterstück mit klamaukhaften Zügen geworden. Das liegt vor allem an Johann Schwenn. Der neue Anwalt von Jörg Kachelmann treibt ein gefährliches Spiel.
Von Ingrid Eißele, Mannheim

Seine Sätze können elegant wie Pfeilspitzen daher kommen, leise surren sie herbei, das Gift entfaltet erst nach und nach seine Wirkung. Doch heute griff Johann Schwenn, Rechtsanwalt aus Hamburg, zum großen Geschütz. Der Verteidiger des Angeklagten Jörg Kachelmann ist an diesem Mittwoch angriffslustig wie nie zuvor. Er attackiert nicht nur seinen Hauptgegner, Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge, oder Medien, die seiner Meinung nach versuchen, den Prozess zu beeinflussen, wie "Focus" und "Bunte". Er belehrt auch mehrfach die Richter, als säßen Schulbuben vor ihm. "Es ist Zeit, dass das Gericht etwas Distanz zur Linie der Staatsanwaltschaft zeigt, die sich so verrannt hat." Verteidiger müssen verteidigen und manchmal auch angreifen. Das ist ihr Job, doch Johann Schwenn treibt ein riskantes Spiel. Er greift nicht nur an, legt mögliche Schwächen in der Aussage der ehemaligen Geliebten von Jörg Kachelmann offen oder hinterfragt Zeuginnen und Gutachter. Er gebärdet sich, in zunehmend überheblichem Ton, als Belehrer der Justiz. Auch sein Vorgänger Birkenstock war nicht gerade zimperlich, doch Schwenn schlägt ihn um Längen.

Schwenn gibt das Tempo vor

Welche Strategie er damit verfolgt, was er damit für seinen eher teilnahmslos wirkenden Mandanten erreichen will, das weiß wohl nur er selbst. Der Vorsitzende Richter Michael Seidling jedenfalls, aus anderen Verfahren als souveräner Richter bekannt, zeigte sich angesichts der Belehrungen und Angriffe von Schwenn erstaunlich geduldig, ja defensiv. Vergangene Woche entzog er zwar dem Verteidiger einmal das Wort, der scherte sich aber nicht drum und durfte ungestört weiterreden.

Die Schwäche des Gerichts ist im Fall Kachelmann die Stärke des Verteidigers. Obwohl Schwenn erst spät, in der Mitte des Prozesses, ins Geschehen kam, reißt er das Verfahren nun an sich. Er gibt das Tempo vor, er treibt das Gericht seit drei Verhandlungstagen mit Anträgen vor sich her. Inhaltlich bewegt sich wenig. Doch worum geht es tatsächlich? Um eine Tragödie zwischen zwei Menschen, inzwischen wird aus der Tragödie eine Groteske, ein Theaterstück mit klamaukhaften Zügen.

"Wir verlassen den Saal"

Denn unerwartet fand Schwenn am Mittwoch einen ähnlich angriffslustigen Widerpart. Der ehemalige Richter, Rechtsanwalt Wolfgang Steffen, begleitete den Heidelberger Psychologen Günter Seidler, der die ehemalige Geliebte von Kachelmann behandelt hat. Seidler war in der vergangenen Woche vom Kachelmann-Verteidiger schwer gerupft worden, er hatte auf dessen Antrag seinen mitgebrachten Koffer öffnen und durchsuchen lassen müssen. Empört zeigte er darauf seine leere Brotdose vor. Dieses Mal brachte Seidler den Anwalt Steffen als Beistand mit. Sein als Traumatologe "weltweit anerkannter" Mandant sei durch Johannes Schwenn überrumpelt und dem öffentlichen Gespött preisgegeben worden. "Das war ehrabschneidend", schimpfte der Anwalt, noch bevor sein Mandant ein Wort gesagt hatte. Schwenn ziele darauf ab, den Gutachter "fertig zu machen". Es sei "mit weiteren unsachlichen Angriffen" von Schwenn zu rechnen.

Der warf ihm wiederum vor, dieselben Sätze kurz zuvor bei Alice Schwarzer in der "Bild"-Zeitung gelesen zu haben. Und überhaupt. "Seidler, der weltbekannte Traumatologe?", lästerte Schwenn. "Außerhalb von Deutschland, von Mannheim, hat man nichts von Professor Seidler gehört. Im vorläufig letzten Akt stand der Beistand auf, machte sich breit, als ging es um eine Szene in einem amerikanischen Spielfilm, holte Luft. Er wolle eine Erklärung abgeben zu den "diffamierenden Berichten" über Seidler. Nur mit Mühe konnte ihn der Richter bremsen. Darauf Schwenn sichtlich enerviert: "Unterbrechen Sie das. Wir verlassen den Saal."


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