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Prozess gegen Jörg Kachelmann, 20. Tag Der Professor der Selbstverstümmelung


Wie klärt man, woher die Verletzungen des mutmaßlichen Kachelmann-Opfers stammen? Mit Selbstversuchen. Der Sachverständige Brinkmann schilderte, wie er sich Hämatome zufügte.
Von Mathias Rittgerott, Mannheim

Zuerst kauft sich Bernd Brinkmann ein Messer. Er spannt es in eine Maschine, die ihm ein Ingenieurbüro konstruiert hat. Er setzt die Klinge auf seinen Oberarm - in der Absicht, sich zu verletzen.

"Das tat fürchterlich weh", berichtet er am Montag vor dem Landgericht Mannheim. Bernd Brinkmann ist keiner, der sich selbst verstümmelt. Der Professor ist einer der renommiertesten Rechtsmediziner Deutschlands. Sein nächstes Gutachten schreibt er im Auftrag der Generalbundesanwaltschaft, für den Prozess gegen Verena Becker. Doch an diesem Montag sagt er als Sachverständiger im Prozess gegen Wettermoderator Jörg Kachelmann aus, als Zeuge der Verteidigung.

Ein mutiger Selbstversuch

Wie er den Gerichtssaal betritt, kann man ihn für einen etwas zerstreuten Greis halten. Der 71-Jährige hat nicht parat, wann er Unterlagen bekommen hat. Schwimmt, sagt "vielleicht", und "vermute ich".

Doch als es um die Verletzungen des mutmaßlichen Opfers Silvia May (Name geändert) geht, ist Brinkmann auf seinem Terrain. Da macht ihm keiner etwas vor. Er hat die Verletzungen von May an Hals und Beinen vermessen. Und das schildert er so genau und detailliert, dass sein Referat die Zuhörer im Saal schnell ermüdet.

Doch dann berichtet Brinkmann von seinen Selbstversuchen - und das Publikum hört gebannt zu. Der Professor benutzte dazu kein gewöhnliches Küchenmesser. "Wir sind zu einem professionellen Messerschleifer gegangen und haben Kerben einschneiden lassen", schildert er. So wie sie die acht Zentimeter Tatwaffe aufweist.

Er steigerte das Gewicht, mit dem das Messer in seine Haut drücke. Bis bei 4,5 Kilo der Schmerz unerträglich wurde. Auch an seinen Beinen nahm Brinkmann Versuche vor. Und bekam, was er wollte: Dellen in der Haut, Rötungen, Hämatome.

Als er und seine Mitarbeiter das Messer an ihren Hals setzten, ließen sie es in der Scheide. "Schon mit wenig Druck bekommt man keine Luft mehr", so der Professor. Auch seine Mitarbeiterinnen, allesamt jünger als er, unterzogen sich den Prozeduren. Damit war belegt: Seine unbestreitbar ältere Haut verfälscht das Ergebnis nicht.

"Es gab einige Unglücke"

Manchmal floss auch ein wenig Blut aus dünnen Schnitten, berichtet der Professor in einem sachlichen Ton, der seine anfängliche Zerstreutheit vergessen lässt. Wenn er das Messer schräg ansetzte oder hin und her zog. "Es gab einige Unglücke", sagt er und schmunzelt.

Dann kommt Brinkmann auf Fingerfarbe zu sprechen. Die hat er benutzt, um Knieabdrücke zu imitieren, wie sie auf Mays Schenkel diagnostiziert wurden. Als Ersatz für einen Oberschenkel diente ihm "ein mehrfach gefalteter Arztkittel", auf den er sich kniete. Um auszuprobieren, ob man sich solche Abdrücke auch selbst zufügen kann, schlug er sich selbst und dokumentierte, welche Spuren Faustschläge hinterlassen.

Und schließlich der Trick mit dem Käse. Mitarbeiterinnen kratzten mit ihren Fingern durch Käsestücke. Das Resultat: Egal ob gefeilt oder geschnitten, Fingernägel hinterlassen ein Riefenmuster.

Schwenn poltert gegen Gutachterin

Doch die entscheidende Frage bleibt an diesem 20. Prozesstag unbeantwortet: Was belegen die Experimente? Stammen die Verletzungen des mutmaßlichen Opfers von einer Vergewaltigung? Oder hat May sie sich selbst zugefügt?

Was hat das alles mit Jörg Kachelmann zu tun? Nichts, zumindest scheint es so, wenn man ihn beobachtet, als Brinkmann aussagt. Fast durchgehend beschäftigt er sich mit seinem Laptop. Selten schaut er auf.

Dafür ist Verteidiger Johann Schwenn umso präsenter und überlässt die Bühne nicht dem Sachverständigen allein. Als Auftakt schimpft er die Gutachterin Luise Greuel eine Radikalfeministin. Sie habe sich bereits bei ihrer Doktorarbeit "übernommen", ihr Gutachten sei eine "Laiendiagnose".

Deshalb lehne sein Mandant sie als befangen ab.

"Der Ton ist daneben!"

Schwenn erneuert auch seine Verwürfe gegen "Focus" und "Bunte" - und fordert wieder strafrechtliche Schritte. Die Staatsanwaltschaft begehe Strafvereitelung im Amt; Pressefreiheit finde ihre Grenzen bei "ordinärer Kriminalität". Drunter macht es ein Johann Schwenn nicht.

Später merkt er lässig an die Richterbank gelehnt an, das Publikum habe ein Recht darauf, laut zu hören, wie herablassend Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge den Sachverständigen Brinkmann in einer Unterredung im Saal behandelt. "Der Ton ist daneben!" Das Publikum applaudiert, der Vorsitzende Richter Michael Seidling schäumt und verbittet sich die Show. Doch Schwenn hört nicht auf, wirft dem Gericht "Desinteresse" vor.

Ernsthaft Prügel bezieht heute jedoch der Ankläger. Der schimpft auf Schwenn ein, schlägt sogar mit der Faust auf den Tisch. Da brüllt der Beisitzende Richter Joachim Bock: "Es reicht!"


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