HOME

Prozess gegen Jörg Kachelmann: Der mysteriöse Kachelmann-Alarm

Verwirrung um Jörg Kachelmann: Angeblich hat ein Richter im Sommer mit drastischen Worten vor dem Wettermoderator gewarnt. In Gesprächen mit stern.de streiten die vermeintlichen Beteiligten dies jedoch ab.

Von Malte Arnsperger

Es ist eine mysteriöse Geschichte, die sich da am Rande der Verhandlung gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann abspielt. Im Mittelpunkt: ein Richter des Oberlandesgerichts Karlsruhe und der Therapeut des mutmaßlichen Kachelmann-Opfers, Günther Seidler. Die "Bild"-Zeitung schreibt, Seidler habe von einem Anruf des Richters am Tag der Freilassung Kachelmanns am 29. Juli 2010 berichtet. In diesem Gespräch habe der Senatspräsident ihn mit folgenden Worten vor Kachelmann gewarnt: "Wir lassen jetzt den Kachelmann raus, bring deine Patientin in Sicherheit, es könnte sein, dass der die umbringt."

Kachelmann saß seit dem 20. März 2010 in Untersuchungshaft, da ihn seine Ex-Geliebte Silvia May (Namen geändert) der schweren Vergewaltigung bezichtigt. Erst das OLG Karlsruhe hob mit Beschluss vom 29. Juli den Haftbefehl aus, Kachelmann kam sofort frei. Der Sprecher des OLG bestätigte nun stern.de, dass der Vorsitzende Richter des 3. Strafsenats kurz vor der Verkündung des Urteils den Anwalt von Silvia May, Thomas Franz, angerufen habe, um ihn von der bevorstehende Freilassung Kachelmanns zu unterrichten. "Dieser Anruf diente dazu, dass Herr Franz seine Mandantin vorbereiten kann. Keinesfalls sind in diesem Gespräch solche Äußerungen gefallen, über die nun die 'Bild'-Zeitung berichtet." Ein direktes Gespräch zwischen Seidler und dem Richter habe es nie gegeben.

Aussagen in nicht-öffentlicher Sitzung

Anlass der ganzen Affäre ist ein Auftritt des Kachelmann-Anwalts Johann Schwenn beim letzten Prozesstag. Schwenn verlas darin zwölf Fragen, die er gerne an Seidler in öffentlicher Sitzung stellen würde. In diesen Fragen bezog sich Schwenn größtenteils auf Aussagen des Therapeuten in nicht-öffentlicher Sitzung. Eine der Fragen Schwenns: Hat Seidler am 29. Juli einen Anruf von Rechtsanwalt Franz bekommen, in welchem dieser eine Warnung des OLG Karlsruhe vor Kachelmann weitergegeben habe? Der Anwalt hätte in diesem Fall also als ein Mittler gedient, das Gericht hätte demnach nicht direkt mit Seidler gesprochen.

Wolfgang Steffen, Anwalt von Günther Seidler, bestätigte stern.de: "Es gibt einen Vermerk in den Unterlagen von Herrn Seidler über ein Gespräch mit dem Senatsvorsitzenden. Da dies aber in nicht-öffentlicher Sitzung behandelt wurde, darf ich nicht sagen, was dort besprochen wurde und wer mit wem gesprochen hat."

Thomas Franz bestreitet im Gespräch mit stern.de, eine Warnung weitergegeben zu haben. Er habe zwar einen Anruf des OLG-Richters bekommen. Dieser habe ihn von der bevorstehende Haftentlassung berichtet. Eine Warnung vor Kachelmann habe es dabei aber nicht gegeben. Auch habe er den Therapeuten Seidler nicht von einer Warnung des OLG vor Herrn Kachelmann berichtet. "Zu einer Warnung gab es keinen Grund", sagte Franz.

Kachelmann-Anwalt Schwenn war für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar. Am 3. Februar soll Günter Seidler nochmal aussagen und dabei auch die zwölf Fragen beantworten - um das Mysterium so vielleicht aus der Welt zu schaffen.

  • Malte Arnsperger