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Prozess gegen Jörg Kachelmann: Die bizarre Schlacht der Gutachter

Der Kachelmann-Prozess geht weiter, er ist vor allem ein Festival der Gutachter. Viel zur Wahrheitsfindung haben sie nicht beigetragen, Richter und Schöffen sind auf sich selbst angewiesen.

Von Nina Poelchau

Wie viele Gutachten haben sich im Prozess gegen Jörg Kachelmann inzwischen angesammelt? Zehn? 15? Sogar 20? Die meisten hat die Verteidigung von Jörg Kachelmann in Auftrag gegeben, kaum war der Mann in Haft. Nicht alle sind öffentlich geworden.

So richtig kam die Gutachtenflut in Fahrt, als die Bremer Aussagepsychologin Luise Greuel im Mai von der Staatsanwaltschaft beauftragt wurde. Sie lieferte die dickste Expertise: 126 Seiten. Und zunächst erweckte das Werk den Anschein, dass man jetzt der Wahrheit näher komme. Die Psychologin hatte sich die Klägerin, Silvia May*, mehr als elf Stunden lang zur Brust genommen, das mögliche Kachelmann-Opfer erzählte viel. Anschließend hatte May das Gefühl, durch und durch gut verstanden worden zu sein, wie sie ihrem Psychotherapeuten, dem Traumatologen Günter Seidler, später schilderte. Luise Greuel gab sich allerdings noch im Herausgehen aus dem Besprechungszimmer einen Ruck. Sie klärte Silvia May auf, die Sache sei "höchst kompliziert und alles andere als eindeutig." Damit sollte sie definitiv Recht haben.

Sätze, die ihre Glaubwürdigkeit zerschmetterten

Es muss ein ziemlicher Schock für May gewesen sein, dass Greuel ihr nicht einfach rundherum glaubte. In der Öffentlichkeit, in der via Medien Teile des Gutachten sofort zerpflückt und bewertet wurden, wirkte das Greuel-Epos sogar wie ein Fallbeil. Es wurden Sätze zitiert, die die Glaubwürdigkeit von Silvia May geradezu zerschmetterten. Für viele eine enorme Überraschung - mithin für die Staatsanwaltschaft. Silvia May hatte Jörg Kachelmann vorgeworfen, er habe sie in der Nacht vom 8. zum 9. Februar mit einem Messer bedroht und vergewaltigt. Man hatte ihr bei der polizeilichen Vernehmung geglaubt. Kachelmann kam sofort in U-Haft, nachdem die Behörden ihn nach einer Kanada-Reise am Flughafen abgefangen hatten.

Greuel hatte geschrieben: Mays Darstellung sei nicht belastbar. Die Erinnerungslücken seien außergewöhnlich umfassend, zum Kerngeschehen habe sie kaum Details zu bieten.

In anderen Prozessen wäre das fast ein Freispruch gewesen. Im Fall Kachelmann wurde nun mit Verve das spannende Exempel statuiert, dass es auf die Frage "Was ist Wahrheit?" je nach Perspektive unterschiedliche Antworten gibt.

In Luise Greuels Ausführungen gab es schließlich auch diese kleine Passage: Vielleicht könnten die Erinnerungslücken von Silvia May mit einer Traumatisierung zusammenhängen.

Keine Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit

So beantragte die Staatsanwaltschaft vorsichtshalber eine Stellungnahme von Mays Psychotherapeuten: Günter Seidler betrat den Ring. Er ist Traumatologe und hatte keinen Zweifel: Silvia May, seine Patientin, sei schwer traumatisiert, sie habe in jener Nacht in Todesangst viele Details ausgeblendet und sich nur aufs Überleben konzentriert. Es gebe keine Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit. Womit es eins zu eins stand.

So engagierte das Gericht, den nächsten Gutachter. Der Berliner Charité-Forensiker Hans Kröber riss das Ruder sofort wieder herum. Er nutzte das Scheinwerferlicht, in das zwischenzeitlich jedes Detail des Kachelmann-Prozesses getaucht war, um sich selbst eitel zu präsentieren: Brillant, brutal und genüsslich befasste er sich auf vielen Seiten weniger mit der Glaubwürdigkeit der Silvia May als mit der Unglaubwürdigkeit von traumapsychologischen Ansätzen. Er höhnte über Seidlers Interpretationsangebote. Zum Beispiel die Sache mit dem Halstuch: Seidler fiel auf, dass May überhaupt erst seit jener hässlichen Nacht mit Kachelmann Halstücher trägt, und dass sie sich, sobald die Sprache in der Therapiestunde auf die mögliche Vergewaltigung kam, geradezu panisch an den Hals fasste, als wollte sie diesen schützen. Er brachte das wie einen Beleg für eine Traumatisierung vor. Hans Kröber hält das für blanken Blödsinn.

Seidler erscheint am Montag erneut vor Gericht. Inzwischen ist er ein blamierter Mann. Nicht nur Kollege Kröber hat ihn verbal zum gefühlsduseligen Schmuse-Therapeuten abgewatscht. Auch der neue Kachelmann-Anwalt Johann Schwenn hat ihn lächerlich gemacht: In einer der vergangenen Sitzungen ließ er Seidlers Tasche konfiszieren - der Betroffene zeigte verdattert seine Terminkalender und eine bis auf ein paar Krümel leer gefutterte Brotdose vor. Beim nächsten Auftritt hatte er einen Rechtsbeistand dabei.

Spezialist oder Scharlatan?

Dass man als sachverständiger Zeuge in diesem hochgepeitschten Verfahren vom Spezialisten zum Scharlatan gestempelt werden kann, hat Schwenn nicht nur am Beispiel Seidler demonstriert. Luise Greuel wird auch zu kämpfen haben, sobald sie vor Gericht das Wort hat. Sie wird an einem der nächsten Verhandlungstage ihr eigenes Werk interpretieren dürfen - und sich mit Anwalt Schwenn auseinandersetzen müssen. Der hat die als zurückhaltend geltende Wissenschaftlerin bereits als "Anhängerin einer feministischen Irrlehre" gegeißelt. Und Hans Kröber, der starke Mann aus Berlin, wird sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, über die einzig wahre Disziplin im Fachbereich der Psychologie vor großem Publikum zu dozieren - ob das der Wahrheitsfindung im Falle Kachelmann dient: fraglich.

Ähnlich wie die psychologischen Gutachter liefern sich die Mediziner inzwischen einen bizarren Kampf, der vor allem den Glauben in ihre Fachkenntnisse erschüttert. Der Gerichtsmediziner Rainer Mattern aus Heidelberg hält es zumindest für möglich, dass die Blutergüsse an den Oberschenkeln der Silvia May von fremden Knien herrühren und die Spuren am Hals von einem Messer. Andere Gutachter, die die Verteidigung Kachelmanns rekrutiert hat, sind vollkommen sicher, dass Silvia May sich die Hämatome und Wunden selbst beigebracht hat.

Der Kachelmann-Scanner

Fehlt in der Expertengarde noch der Psychiater Hartmut Pleines. Ein freundlich wirkender Mann, der Prozesstag für Prozesstag im Landgericht Mannheim sitzt und zuschaut. Er sieht Jörg Kachelmann zu, der nichts sagt (was sein Recht ist), der seit dem ersten Verhandlungstag seine Hände faltet und wieder entfaltet und elegische Blicke durch den Raum schickt. Auch Pleines wird wohl bei aller analytischen Spezialkompetenz zur Wahrheitsfindung rein gar nichts beitragen können.

Für die Strafkammer bedeutet das: Die drei Berufsrichter und die beiden Schöffen sind auf sich selbst zurückgeworfen. Zurück auf Los. Sie müssen selbst entscheiden, was ihnen einleuchtet. Am Montag geht es in die nächste Runde. Der Fall Kachelmann ist, kann man folgern, nicht nur ein Lehrstück dafür, dass es oft fast unmöglich ist aufzuklären, ob Menschen freiwillig oder unfreiwillig miteinander im Bett waren. Sondern auch: Es hat seine Gründe, dass Gutachter normalerweise nur dann in die Arena gehören, wenn Zeugen geistig minderbemittelt oder psychisch krank sind oder während der Tat unter Drogeneinfluss standen. Silvia May und Jörg Kachelmann sind beide intelligent, sie hatten an diesem Abend lediglich ein harmloses Gläschen Pino Grigio intus.

*Name von der Redaktion geändert