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Prozess gegen Juraprofessor: Sex für gute Noten

Thomas A. soll einen schwunghaften Handel mit Doktortiteln betrieben haben. Als Gegenleistung für gute Noten soll der Juraprofessor von den Studentinnen Sex verlangt haben. Erneut beginnt heute in Hildesheim der Prozess gegen den 53-Jährigen.

Von Uta Eisenhardt

Thomas A. hatte einen Lehrstuhl und eine Schwäche für Blondinen. Außerdem soll seine finanzielle Situation recht angespannt gewesen sein. Diese Konstellation mündet nun in einen einmaligen Strafprozess um Sex und Titelhandel.

Doch der Prozess gegen den Juraprofessor platzte nach nur einem Verhandlungstag. Dem 53-Jährigen, der an der Leibniz-Universität in Hannover den Lehrstuhl für bürgerliches und internationales Privatrecht bekleidete, wird Bestechlichkeit in 78 Fällen vorgeworfen. Er soll 69 minder qualifizierten Juristen den Weg zur Promotion geebnet haben. Dafür zahlte ihm das "Institut für Wissenschaftsberatung" in Bergisch-Gladbach zwischen Oktober 1996 und Mai 2005 rund 185.000 Euro. Außerdem soll er mehrere Studentinnen protegiert haben, die sich mit Sex revanchierten.

Bessere Noten durch Sex

Der erste Anlauf des Prozesses vor dem Landgericht Hildesheim endete bereits nach Verlesung der Anklage. Anschließend rügte ein Verteidiger einen formalen Fehler bei der Besetzung der Schöffen sowie die Verhandlung vor einer Wirtschaftsstrafkammer. Nach Meinung des Anwalts bedarf es bei diesem Verfahren keiner Wirtschaftskenntnisse, deshalb müsse vor einer allgemeinen Strafkammer verhandelt werden. Diesem Einwand folgten die Richter nicht, wohl aber dem ersten. Darum startet heute der Prozess noch einmal.

Gemeinsam mit Thomas A. sitzt auch eine seiner ehemaligen Geliebten auf der Anklagebank. Der 30-jährigen Simone S. wird Bestechung in sieben Fällen vorgeworfen. Der Professor soll die Klausur und die Hausarbeit der ehemaligen Studentin, mit der er Ende 2001 eine sexuelle Beziehung begann, zu wohlwollendend benotet haben. Außerdem besorgte er ihr einen Job als studentische Hilfskraft an seinem Lehrstuhl. "Wesentlicher Grund für Notengebung und Anstellung ist die sexuelle Hingabe der Angeklagten gewesen", sagte Oberstaatsanwalt Rainer Gundlach, als er vor vier Wochen zum ersten Mal die Anklageschrift verlas.

Bestechung in 69 Fällen

Der dritte Angeklagte ist einer von zwei Geschäftsführern jenes in Verruf geratenen Wissenschaftsberatungsinstitutes aus Bergisch-Gladbach. Das Institut sieht sich als Ansprechpartner für berufstätige Akademiker, die eine externe Promotion planen. Diese würden oft an der Überlastung des Hochschulsystems scheitern, argumentieren die Berater auf ihrer Website. Dort steht: "Sie können im Optimalfall durch unsere legale Unterstützung Ihren Arbeitsaufwand für die Promotion um bis zu 50 Prozent reduzieren."

Jene legale Unterstützung bestehe in der Suche nach einem geeigneten Thema, einem geeigneten Doktorvater und einer geeigneten Fakultät. Auch bei der Literaturrecherche, Erstellung von Grafiken sowie bei der Durchführung von empirischen Untersuchungen und Berechnungen könne man helfen. Der 53-jährige Instituts-Geschäftsführer Martin D. muss sich in diesem Prozess wegen Bestechung in 69 Fällen verantworten.

Kunden waren Juristen aus ganz Deutschland

"Der Schwerpunkt des Verfahrens liegt auf den Promotionsverfahren und weniger auf den Beziehungen des Angeklagten zu den Studentinnen", sagte Richter Peter Peschka zu Beginn der ersten Verhandlung. Die Kunden des Institutes waren Juristen aus ganz Deutschland, darunter ein Richter am Sozialgericht, ein Oberregierungsrat und viele Anwälte. 28 der Interessenten hatten ihr Examen nur mit "ausreichend" abgeschlossen, 37 mit "befriedigend". Wer als Jurist promovieren will, muss aber mindestens mit der Gesamtnote "vollbefriedigend" abschließen.

Der Jura-Professor konnte die erforderliche Ausnahmegenehmigung der Fakultät besorgen. Legal war das jedoch nur, wenn ihn die vorgelegte Dissertation überzeugt hätte. Doch nach Ansicht der Ermittler überzeugten ihn vor allem die 4100 Euro, die er pro Kandidaten von dem Institut kassierte. Das wiederum knöpfte jedem Kunden für die Dissertationshilfe zwischen 17.000 und 25.000 Euro ab.

Derzeit wird die Verhandlungsfähigkeit geprüft

Eigentlich hätte dieser Prozess insgesamt fünf Angeklagte vereinen müssen. Doch das Verfahren gegen den zweiten Geschäftsführer des Wissenschaftsberatungsinstitutes wurde abgetrennt. Bei dem 67-Jährigen wird derzeit die Verhandlungsfähigkeit geprüft. Das Strafverfahren wegen Bestechung gegen eine ebenfalls beschuldigte Studentin wurde bereits im November separat erledigt. Die 31-jährige ehemalige Geliebte des Professors bekam im Wintersemester 2003/2004 ein wohlwollendes "Ausreichend" in der Übung "Vertragsrecht II". Für diese Bestechung zahlt sie derzeit eine Geldbuße in Höhe von 1800 Euro an die Straffälligenhilfe e.V. Hildesheim. Das Verfahren gegen sie wurde eingestellt.

Eine dritte Studentin, gegen die ebenfalls ermittelt wurde, war im Sommersemester 2004 den Offerten des Professors nicht gefolgt. Er hatte ihr einen Job als studentische Hilfskraft angeboten und sie zu einem Kongress nach Bremen eingeladen. Im Prozess wird sie nun als Zeugin gehört. Sollten der Professor und der Geschäftsführer kein Geständnis ablegen, wird das Gericht auch die Kunden des Instituts als Zeugen laden müssen, so der Sprecher des Hildesheimer Landgerichts, Jan-Michael Seidel. Die meisten der etwa 140 von A. betreuten Promotionskandidaten haben bereits Geldbußen und Geldstrafen bezahlt. Einige Taten waren zum Zeitpunkt der Ermittlungen bereits verjährt.

Für Annette Voges, die den Jura-Professor verteidigt, ist noch nicht erwiesen, ob ihrem Mandanten überhaupt Bestechlichkeit vorgeworfen werden kann. Schließlich entschied nicht nur Thomas A. über die Vergabe des Doktortitels. Ihrer Meinung nach müsste der Jura-Professor sich lediglich wegen Vorteilsnahme rechtfertigen - ein Delikt, das mit höchstens drei Jahren Haft bestraft wird. Für Bestechlichkeit im besonders schweren Fall dagegen können bis zu zehn Jahre Haft aufgerufen werden.