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Prozess gegen Kachelmann "Ich bin heute Nacht vergewaltigt worden"


Im dritten Verhandlungstag im Fall Kachelmann ist der Notruf des mutmaßlichen Vergewaltigungsopfers gehört worden. Der Wettermoderator blieb dabei äußerlich ungerührt.
Von Malte Arnsperger, Mannheim

Die weibliche Stimme auf dem Tonband ist dünn, leicht zitternd. "Mein Name ist Silvia May*. Ich bin heute Nacht vergewaltigt worden. Ich weiß nicht, was ich machen soll." Eine männliche Stimme fragt: "Von wem?" Kurzes Warten, dann die Antwort, diesmal fester: "Von meinem Freund." – Rückfrage: "Wie geht es ihnen jetzt". Zögernd: "Ok, so weit."

Der Freund, um den es in dem Gespräch geht, ist dabei, als diese Aufnahme abgespielt wird. Wohl zum ersten Mal hört Jörg Kachelmann den Notruf, mit dem sich seine Ex-Freundin nach einer gemeinsamen Nacht am 9. Februar bei der Polizei gemeldet und in dem sie ihn der Vergewaltigung beschuldigt hat. Während er dem Tonband lauscht, hat der Wettermoderator seine Hände gefaltet vor sich auf den Tisch gelegt, äußerlich scheint er ungerührt.

Dabei begannen mit diesem Notruf im Februar die Ermittlungen gegen ihn. Rund sieben Monate später wurde er im Gerichtssaal abgespielt. Damit begann das Landgericht, am dritten Tag des Verfahrens, nach zahllosen juristischen Winkelzügen, schließlich mit der Beweisaufnahme im sogenannten "Prozess des Jahres".

"Ich würde sagen es war rumknutschen"

Olympische Spiele in Vancouver, Februar 2010. Während Jörg Kachelmann als Wetterexperte der ARD an den Pisten und Loipen steht und die Zuschauer über Schneevorhersagen und Minustemperaturen informiert, ermittelt in Deutschland die Polizei bereits gegen ihn. Mehrfach wird das mutmaßliche Opfer von der Polizei über jene Nacht befragt. Die Ermittler sind in regem Austausch mit der Lufthansa, um herauszubekommen, wann Kachelmann wieder in Deutschland eintrifft.

Am 20. März ist es dann soweit, der Wettermoderator kehrt zurück. Es ergeht Haftbefehl, nun sollen die Handschellen klicken. Am Flughafen in Frankfurt wird der 52-Jährige von rund einem Dutzend Polizisten erwartet. "Wir wollten die Festnahme so gestalten, dass es möglichst wenig Wirbel gibt", sagt ein Beamter vor Gericht.

Was er und seine Kollegen dann über die Beschattung in dem Flughafengebäude erzählen, klingt nach bester Krimihandlung: Bereits am Gepäckband wird Kachelmann von sechs bis acht Beamten observiert. Sie verfolgen ihn nach draußen, wo ihn eine weitere Freundin, Miriam K., erwartet. Sie begrüßten sich "innig", so beschreibt es ein Polizist, sein Kollege meint: "Ich würde sagen es war rumknutschen." Leichtes Grinsen von Kachelmann im Gerichtssaal.

Ruhig, abgeklärt, emotionslos

Der TV-Journalist erfährt dann, wie ihm die Polizisten damals quer durch den Frankfurter Airport bis ins Parkhaus gefolgt sind. "Auf dem Weg zum Auto ist das Publikum weniger geworden", erzählt einer der Beamten. "Unmittelbar vor seinem Auto habe ich ihn dann angesprochen, habe ihm den Haftbefehl gegeben und ihm erklärt, dass er zur Polizei mitkommen muss."

Wie reagiert jemand, dem im Parkhaus nach einer langen Dienstreise plötzlich ein Haftbefehl wegen eines so gravierenden Deliktes ausgehändigt wird? Während seine Begleiterin Miriam K."„entsetzt" gewesen sei, habe der Moderator "ruhig, abgeklärt, emotionslos" gewirkt, so schildern es die Polizisten vor Gericht.

Hat Kachelmann geahnt, dass gegen ihn ermittelt wird? Auf keinen Fall, meint sein Anwalt Reinhard Birkenstock. Sein Mandant habe sich nach den Olympischen Spielen schließlich nicht in die Schweiz abgesetzt, sondern sei freiwillig nach Deutschland zurückgekehrt. "So handelt niemand, der eine Verfolgung fürchtet."

Chat-Protokolle füllen fünf Leitz-Ordner

Miriam K. war hautnah dabei, als Kachelmann festgenommen wird. Als Zeugin begegnete sie ihm vor Gericht wieder. Bestimmt kein einfacher Gang für die 24-jährige Studentin. Denn auch sie war eine von vielen Frauen, die offensichtlich nichts von dem unsteten Beziehungsleben ihres Freundes ahnten.

Mit versteinerter Miene, ohne einen Blick auf den Wettermoderatoren zu werfen, setzt sie sich auf die Zeugenbank, eine zierliche, hochgewachsene Frau mit markantem Gesicht und langen dunklen Locken. Mit knappen Worten bestätigt sie ihre Personalien, dann schließt der Richter die Öffentlichkeit aus. Persönlichkeitsschutz, schließlich wird es in der Befragung auch um ihre sexuelle Beziehung zu Kachelmann gehen.

Viel wichtiger für den Ausgang des Prozesses ist jedoch die Frage, wie sich Beziehung von Silvia May und Jörg Kachelmann gestalte. Der Moderator hat bisher stets behauptet, die elfjährige Verbindung habe für ihn nie eine längerfristige Perspektive gehabt. Trotzdem pflegte er mit May einen derart intensiven elektronischen Austausch, dass die Chat-Protokolle fünf Leitz-Ordner der Polizei füllen. Und alleine in den fünf Wochen vor dem 9. Februar gab es laut Staatsanwaltschaft 270 Chat-Kontakte.

Messer, blutiges Tampon, Spermaspuren

Doch worauf weist dies hin? War Silvia May so enttäuscht, als sie dann an jenem Abend von den vielen Affären Kachelmanns erfuhr, dass sie ihn nun fälschlicherweise beschuldigt? Oder war Kachelmann so wütend, weil er zum ersten Mal mit seinen Betrügereien konfrontiert wurde, dass er May vergewaltigte?

Anhaltspunkte könnten die Spuren liefern, die die Polizei am mutmaßlichen Tatort fand. Sorgfältig und gründlich, wie nach einem Mord, seien er und seine Kollegen in der Wohnung Mays vorgegangen, mit Ganzkörperschutzanzügen und stundenlanger Untersuchungen, berichtete der verantwortliche Kriminalbeamte vor Gericht. Die wichtigsten Funde: Das Messer, mit der Kachelmann das Opfer bedroht haben soll, ein blutiges Tampon, das der Wettermoderator angefasst haben soll, sowie mögliche Blut- und Spermaspuren auf dem Bett.

Wie diese Beweise zu werten sind sei Aufgabe der Experten des Landeskriminalamtes, meinte Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge. Kachelmann will das Messer nie gegen May eingesetzt und keinen Tampon berührt haben.

Einen Gegenstand hat der Wetterfrosch jedoch sicher berührt. Seine Autogrammkarte, die auch am Tag nach der angeblichen Vergewaltigung noch am Kühlschrank Mays klebte.

*Name geändert


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