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Prozess gegen Kachelmann: Rechtsmediziner Mattern kann nichts beweisen

Er sollte Klarheit in den Fall Kachelmann bringen: Hat sich das mutmaßliche Opfer des Wettermoderators seine Verletzungen selbst beigebracht oder war es der Angeklagte. Rechtsmediziner Rainer Mattern ließ bei seiner Untersuchung nichts unversucht, sein Fazit aber klingt hilflos.

Von Malte Arnsperger

Der Vergewaltigungsprozess gegen Jörg Kachelmann wird nun auch für die Mitarbeiter und sogar die Ehepartner von Gutachtern zu einer schmerzhaften Angelegenheit. Diese Menschen werden zu Versuchskaninchen für Schnitt-Experimente mit Küchenmessern, sie müssen sich sogar die Beine mit dem Oberschenkel auseinanderdrücken lassen. All das dient dem Zweck zu überprüfen, ob Silvia May (Name geändert) tatsächlich in der Nacht zum 9. Februar 2010 von dem Wettermoderator vergewaltigt wurde.

Im Verfahren gegen Kachelmann hat am 26. Verhandlungstag der Rechtsmediziner Rainer Mattern sein Gutachten erstattet und dabei über seine diversen Versuche berichtet, der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Dabei hat er sich auch seiner Mitarbeiter und seiner Ehefrau bedient. Ein teilweise kurioser Auftritt mit ernstem Hintergrund: Der 65-jährige Wissenschaftler aus Heidelberg ist ein entscheidender Sachverständiger in diesem Indizienprozess. Schließlich behauptet Silvia May nach wie vor, dass Kachelmann ihr ein Messer an den Hals gehalten und sie vergewaltigt habe. Als ein Beweis dafür wertet die Staatsanwaltschaft insbesondere Schnittwunden am Hals und große Hämatome am Oberschenkel der Frau. Der Schweizer TV-Journalist bestreitet die Vorwürfe nach wie vor.

Aussage steht also gegen Aussage, Augenzeugen gibt es nicht. Eine wichtige Methode, Mays Behauptungen zu überprüfen, sind die rechtsmedizinischen Untersuchungen. Doch auch nach Matterns stundenlangen, detaillierten Erklärungen und Deutungen sticht ein Satz heraus: "Ich kann mit meinen Methoden nicht nachweisen, dass der Angeklagte ihr diese Verletzungen beigebracht hat, aber auch nicht ausschließen, dass sich die Nebenklägerin die Verletzungen selber beigebracht hat." Also wieder kein Fortschritt in diesem scheinbar uferlosen Prozess, in dem es bislang keine klaren Beweise gibt?

Klassische Hämatome fehlen

An der Wand neben der langen Richterbank im Saal 1 des Mannheimer Landgerichts hängt eine große Leinwand, ein silberfarbener Diaprojektor steht davor. Mattern, ein eher unscheinbarer, kleiner Mann mit schwarz-grauen Haaren, nimmt auf seinem Zeugenstuhl Platz, ein Laptop steht vor ihm auf dem Tisch. Mit einem Laserpointer weist der Rechtsmediziner immer wieder auf die Leinwand, auf die er über Stunden hinweg Dutzende Bilder von Wunden, Hämatomen, Messern und Beinen projiziert, alles erklärt und deutet.

Mattern hat Silvia May am Morgen nach der angeblichen Vergewaltigung sowie zwei Tage später untersucht. Dabei hat er Schnittverletzungen an einem Oberschenkel, am Arm und am Bauch festgestellt. Das Hauptaugenmerk seines Gutachtens liegt aber auf den Wunden am Hals und den blauen Flecken an den Oberschenkelinnenseiten. Denn Druckwunden an den Armen hat er nicht entdeckt. "Es hat mich gewundert, dass es keine Hämatome an den Armen von dem Abwehrverhalten gab, so wie ich es von anderen, ähnlichen Taten her kenne."

Es ist nicht die einzige Ungereimtheit, die Mattern aufgefallen ist. Die Fotos der Beine des mutmaßlichen Opfers zeigen rote Flecken, die sich nach Angaben Matterns auf einer Fläche von zehn auf acht Zentimeter ausdehnen. Diese ganz offensichtlich ziemlich großen Verletzungen will Silvia May jedoch erst bei der Untersuchung bemerkt haben, eine Ursache habe sie ihm zudem nicht genannt, sagt Rainer Mattern. "Ich war schon verwundert, dass sie über diese Verletzungen nichts gesagt hat." Schließlich, so der Gutachter, seien sie die Folge einer massiven Gewalteinwirkung "und ich denke schon, dass man es bemerken sollte, da es schmerzhaft ist". Aber was genau hat diese Hämatome hervorgerufen? Die Knie von Jörg Kachelmann oder die Fäuste von Silvia May?

Selbstversuch mit eigener Frau

"In meinem ersten Gutachten habe ich gesagt, dass man daran denken muss, dass die Befunde mit den Knien verursacht wurden", sagt Mattern. Allerdings sei er der Ansicht, dass die Verletzungen eher durch das Auseinanderdrücken der Oberschenkel mit den Knien verursacht sein könnten und nicht durch das bloße Knien eines Menschen auf den Schenkeln. Um auf diese Weise dieselben Hämatome zu verursachen sei nämlich noch mehr Kraft nötig.

In einem Selbstversuch schmierte sich Mattern blaue Farbe auf knöchrige Stellen seiner Knie und drückte mit ihnen die Schenkel seiner Frau auseinander. Mattern berichtet von diesem Experiment vor Gericht: "Ich habe die Knie mehrfach zwischen die geschlossen Beine gestoßen. Ich durfte nicht so heftig drücken, wie es vielleicht notwendig gewesen wäre. Sie hat Schmerzen angegeben, es gab aber keine Hämatome." Eine mögliche Begründung: Ein befreundeter Hautarzt habe May attestiert, sehr stark auf mechanische Einwirkungen zu reagieren.

Jörg Kachelmann könnte also mit seinen Knien die Flecken an Mays Oberschenkeln verursacht haben. Die Verteidigung ist aber der festen Auffassung, dass sich Silvia May alle Verletzungen selber zugefügt hat. Ein von ihr bestellter Experte, der Rechtsmediziner Bernd Brinkmann, unterstützt diese Meinung. Er ist sich sicher: May hat sich mit der Faust auf die Oberschenkel geschlagen.

Kein sicherer Beweis

Brinkmanns Kollege Mattern ist ebenfalls dieser Frage nachgegangen - mit zunehmendem Eifer, wie er vor Gericht zugibt. "Dieser Fall gehört zu denen, die mich am meisten gefesselt haben." Der Rechtsmediziner hat dazu noch einmal Silvia May untersucht und die Umrisse ihrer Faust mit den Bildern der Hämatome vergleichen. Mattern erinnert sich an die Begegnung im Herbst 2010: "Sie hat widerstrebend mitgemacht und gesagt: 'Ich muss zu allem bereit sein, sonst glaubt mir ja keiner.'" Einen sicheren Beweis für die These der Selbstverletzung brachte aber dieses Experiment nicht, sagt Mattern. "Die Ähnlichkeiten sind da. Es geht mit der Faust, mit mehreren heftigen Schlägen. Aber man kann nicht sagen, es war auf jeden Fall diese Faust."

Wer sich eine eindeutige Beurteilung durch den Wissenschaftler erhofft hatte, wird auch bei der Analyse der Halswunde enttäuscht. An Aufwand und Kreativität des Sachverständigen liegt es jedoch nicht. Mithilfe vielfach vergrößerter Bilder der rund sieben Zentimeter langen und 2,5 Zentimeter breiten Verletzung versucht Mattern, Rückschlüsse zu ziehen, deutet die Schürfungen und Kratzwunden, bietet Erklärungen und Thesen an. Seine Schlussfolgerung: "Mit dem Messerrücken können solche Befunde erzeugt werden. Man muss aber schon fest drücken."

Auch May selber hielt Mattern bei seiner Nachuntersuchung im vergangenen Jahr das Messer an den Hals. "Sie war sehr betroffen. Sie hat angefangen zu zittern. Die Stimmlage hat sicher erhöht, ich konnte nicht weitermachen. Sie war sehr sensibel am Hals." Kann man daraus Schlüsse ziehen? Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn geht sofort dazwischen und ermahnt den Gutachtern mit scharfen Worten: "Ob sie sensibel ist oder ob alles Theater war, kann der Sachverständige nicht beurteilen."

Beide Lager fühlen sich bestätigt

Welches Urteil Schwenn sich über die Ausführungen Matterns gebildet hat, macht der Hamburger Anwalt in einer Prozesspause deutlich: "Mattern ist bei weitem nicht der Traumzeuge, als denen ihn die Anklage ansieht. Es gibt weiterhin keinen objektiven Beweis für die Vorwürfe gegen meinen Mandanten. Und bei Zweifeln muss das Gericht für den Angeklagten entscheiden."

Eine ganz andere Meinung vertritt naturgemäß die Staatsanwaltschaft. Für ihn sei entscheidend, dass Mattern einen Geschehensablauf wie von May geschildert für möglich hält, sagt Ankläger Lars-Torben Oltrogge. "Es ist ein Indizienprozess. Und natürlich kann man jedes Indiz auch anders werten. Man muss in einer Gesamtschau zu einem Urteil kommen. Und uns hat Mattern in der Ansicht bestätigt, dass die Anklage zutrifft."

Am übernächsten Prozesstag werden Schwenn und Oltrogge die Gelegenheit bekommen, den Rechtsmediziner eingehend zu befragen. Am 9. Februar - exakt ein Jahr nach der angeblichen Vergewaltigung.