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Prozess gegen Kachelmann: Zwölf Fragen an den Therapeuten

Er ist einer der wichtigsten Zeugen im Vergewaltigungsprozess gegen Jörg Kachelmann: Günter Seidler, Traumaexperte und Therapeut des mutmaßlichen Opfers. Am 24. Verhandlungstag hat Kachelmanns Verteidigung versucht, Seidlers Glaubwürdigkeit zu untergraben - mit zwölf Fragen.

Von Malte Arnsperger, Mannheim

Jörg Kachelmann lacht und scherzt mit seinen Anwälten, mit kürzeren Haaren als noch vor einigen Wochen präsentiert er sich gutgelaunt am Landgericht Mannheim. Vor ein paar Tagen hatte der Wettermoderator zum ersten Mal seit seiner Festnahme im Frühjahr 2010 in einem Schweizer Lokalradiosender das Wetter präsentiert und auch dabei den einen oder anderen kleinen Witz eingebaut. Doch der Abstecher in sein Berufsleben ändert nichts daran, dass sich Kachelmann immer noch mit ernsthaften Vergewaltigungsvorwürfen auseinandersetzen muss, die seine Ex-Geliebte Silvia May (Name geändert) gegen ihn erhebt.

Um diese zu entkräften, hat sein Verteidiger Johann Schwenn am 24. Verhandlungstag des Prozesses einen der wichtigsten Zeugen der Anklage angegriffen. Der Traumaexperte Günter Seidler ist Therapeut von Silvia May. Die Frau hat in ihren Vernehmungen über die angebliche Vergewaltigung durch Kachelmann einige Erinnerungslücken erkennbar werden lassen. Seidler erklärt dies damit, dass May durch die Vergewaltigung ein Trauma erlitten habe, an ihren Anschuldigen sei nicht zu zweifeln. Die Begründung für die lückenhaften Angaben der Frau ist zwischen Anklage und Verteidigung sehr umstritten. Während die Staatsanwaltschaft Seidler und May glaubt, wetterte Schwenn in den Prozesspausen gegen den Heidelberger Wissenschaftler: Die Geschäftsgrundlage von Seidler sei der "Zirkelschluss", deshalb seien solche Traumatheorien "fauler Zauber". Die Erklärungen des Experten bezeichnete Schwenn als "Seidler-Quatsch." Seidlers Rechtsbeistand hat sich bereits in einem Schreiben an das Gericht gegen die "unberechtigten" Angriffe Schwenns gewehrt, die zu "diffamierenden" Berichten über Seidler geführt hätten.

Schwenn versucht, Seidlers Eignung in Frage zu stellen

Um die Glaubwürdigkeit von Seidler, der in dem Prozess als Zeuge auftritt, zu untergraben, formulierte Schwenn nun zwölf Fragen. Diese will er Seidler in öffentlicher Sitzung stellen. So will der Hamburger Anwalt von dem Psychotherapeuten wissen, ob er versucht habe, den Vorsitzenden Richter davon zu überzeugen, dass Silvia May auf keinen Fall von einem Nicht-Trauma-Experten und nicht von einem Mann begutachtet werden dürfe. Auch möchte Schwenn die Frage beantwortet haben, ob die Staatsanwaltschaft Seidler vermittelt habe, wie ein Gutachten gegen den Angeklagten eingesetzt werden könnte. Weiterhin möchte Schwenn erörtern, ob und warum Seidler vorgeschlagen habe, mehrere der Geliebten Kachelmanns zu versammeln. Auch die Frage, warum in seinen Protokollen über die Sitzungen mit May nicht auftauche, dass die Frau Kontakt mit der Kachelmann-kritischen Journalistin Alice Schwarzer gehabt habe, möchte Schwenn gerne an Seidler richten.

Schwenn versucht durch diese Taktik ganz offensichtlich, Seidlers Unabhängigkeit von der Belastungszeugin Silvia May sowie dessen Eignung in Frage zu stellen. Inwieweit ihm dies durch die zwölf Fragen gelingt, wird sich erst in der Sitzung am 3. Februar zeigen, in der Seidler Stellung nehmen soll.

An dieser Sitzung wird auch die Psychologin Luise Greuel teilnehmen. Greuel hat Mays Aussagen auf deren Glaubhaftigkeit überprüft und war zu dem Schluss gekommen, dass man einen Erlebnisgehalt nicht bestätigen könne. Eine Einschätzung, die Kachelmann durchaus gefallen wird. Sein früherer Rechtsanwalt Reinhard Birkenstock hatte Greuel deswegen auch immer als Kronzeugin für die Unschuld seines Mandanten angeführt. Trotzdem hat Schwenn sie wegen der Besorgnis der Befangenheit angelehnt. Unter anderem warf er ihr vor, ihre Kompetenzen überschritten zu haben. Diesem Antrag widersprach das Gericht nun. Er sei "unbegründet", sagte der Vorsitzende Richter Michael Seidling. So habe Birkenstock ausreichend Gelegenheit zur Stellungnahme über Greuel gehabt und keine Einwände geltend gemacht. Auch habe Greuel keineswegs ihre Kompetenzen überschritten, die Methodik und der Inhalt des Gutachtens seien "nicht geeignet, Misstrauen gegen ihre Unparteilichkeit zu haben".

Der Prozess wird am 1. Februar mit der Aussage des Rechtsmediziners Rainer Mattern fortgesetzt.