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Prozess gegen Schweizer Jugendliche: "Lust am Klatschen"

Grundlos verprügelten drei Schweizer Jugendliche fünf Menschen in München. Heute wird ihnen der Prozess gemacht. stern.de sprach mit Anwälten und Psychologen über den Fall.

Von Malte Arnsperger

Was soll ein Vater sagen, dessen Sohn gerade mehrere Menschen krankenhausreif geprügelt haben soll und jetzt im Gefängnis sitzt? Antonio B. schluchzt und stammelt: "Es ist ein Alptraum, nichts anderes als ein Alptraum." Das war im Juli 2009, wenige Tage nach der Gewaltorgie seines Sohnes Mike in der Münchner Innenstadt. Als "Amoklauf ohne Waffen" bezeichnete damals ein Staatsanwalt die grundlose Attacke der drei Schweizer Jugendlichen, Mike B., Ivan Z. und Benji D. Sie hatten mehrere Passanten angegriffen und schwer verletzt. Von Montag an wird den drei Berufsschülern wegen versuchten Mordes in der bayerischen Landeshauptstadt der Prozess gemacht. "Ich habe so viele Fragen", sagte Vater Antonio B. kurz nach der Tat. Auch viele seiner Landsleute hoffen auf Antworten, wie es am 30. Juni zu diesem Gewaltexzess kommen konnte. Die Öffentlichkeit ist allerdings wegen des jugendlichen Alters der drei Angeklagten vom Prozess ausgeschlossen.

"Leute wegklatschen"

Mike, Ivan und Benji, 16-jährige Schüler an der Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht am Zürichsee, waren Ende Juni 2009 mit ihren Klassenkameraden und einigen Lehrern auf Abschlussreise. In München wollten die Schüler der 10. Klasse ein paar unbeschwerte Tage genießen, bevor für sie das Berufsleben begann. Am zweiten Abend bekamen die Jugendlichen nach dem Essen Ausgang bis nach Mitternacht, weil es am Abend zuvor keine Probleme gegeben hatte. Mike, seine beiden Kumpels und einige andere Schüler setzten sich mit Wodka und Tequila in einen Park. Laut Anklage, aus der die Schweizer Zeitung "Tagesanzeiger" zitiert, rastete Mike wegen einer Nichtigkeit aus: Er hatte bemerkt, dass er seinen Geldbeutel verloren hatte. Er wollte deshalb Leute "wegklatschen". Mike, Ivan und Benji gingen den Ermittlern zufolge plötzlich auf völlig unbeteiligte Mazedonier los, die dort saßen und Schach spielten. Einer der Männer hat einen verkrüppelten Arm und konnte sich kaum wehren. Mit dem Fuß soll Mike auf dessen Kopf eingetreten haben, als das Opfer wehrlos auf der Bank lag. Auch zwei weitere Männer aus dieser Gruppe wurden schwer verletzt. Wenig später sollen die drei Schüler einen Geschäftsmann aus Ratingen und einen bulgarischen Studenten verprügelt haben. Auch diese beiden Männer waren nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Zufallsopfer. Der 46-jährige Versicherungskaufmann Wolfgang O. lag mit schweren Gesichtsverletzungen im Krankenhaus und verlor beinahe sein Augenlicht.

Die Ermittler bezeichneten die Tat als "noch alarmierender" als den Fall der Münchner U-Bahn-Schläger im Vorjahr. Anfang 2008 hatten zwei junge Männer einen Rentner wegen einer Ermahnung in einer Halle der U-Bahn lebensgefährlich verletzt. Diese Täter hätten zumindest noch einen Anlass benennen können, sagte ein Polizeisprecher. Bei den Schweizern sei das einzige Motiv die "Lust am Klatschen" gewesen. Am Alkohol jedenfalls kann es kaum gelegen haben. Volltrunken, wie es anfangs hieß, waren die drei Jungs nicht: Laut Anklage hatten sie 0,01 bis 0,89 Promille im Blut.

Die grundlose Gewalt und das Alter der Täter lösten nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz eine heftige Debatte über die Brutalität mancher Jugendlicher aus. "Das Entsetzen in unserem Land war groß", sagt Marcel Gyr, Redakteur bei der angesehenen "Neuen Züricher Zeitung". Und der Schweizer Jugendpsychologe Hans Hinderer meint: "Wir sind zwar keine Insel der Glückseligkeit, aber in dieser Brutalität haben auch wir das selten erlebt."

Unbekannte Vorstrafen

Zwei Aspekte wurden im Alpenland besonders intensiv diskutiert. Zum einen waren die drei Jungen wegen Körperverletzung und Raub vorbestraft. Davon wusste ihre Schule aber nichts. Journalist Gyr: "Es gibt die Forderungen etwa vom Schweizer Lehrerverband, dass den Schulen Vorstrafen gemeldet werden müssen, damit klar ist, wen man unterrichtet und auf Klassenreise schickt." In Deutschland ist dies Ländersache. In Bayern werden die Schulen nach Angaben einer Sprecherin des Kultusministeriums informiert, wenn einer ihrer Schüler etwa einer schweren Körperverletzung verdächtigt wird.

Der zweite Diskussionspunkt waren die erheblich milderen Strafen für Jugendliche in der Schweiz. Während das deutsche Jugendstrafrecht bei Mord bis zu zehn Jahre Gefängnis vorsieht, liegt die Höchststrafe in der Schweiz bei vier Jahren. "Dieser Fall hat uns veranschaulicht, dass Jugendliche in Deutschland sehr viel härter bestraft werden", sagt Marcel Gyr. "Die Wahrnehmung am Stammtisch ist, dass junge Täter hierzulande mit Samthandschuhen angefasst werden." Vor allem konservative Politiker hätten eine härtere Gangart gefordert, erinnert sich der Journalist. Dabei sei das Jugendstrafrecht erst 2007 reformiert und die Höchststrafe von einem auf vier Jahre angehoben worden. "Die milden Strafen für Jugendliche haben bei uns Tradition. Wir haben eigentlich auch gute Erfahrungen damit gemacht, die Rückfallquote ist gering."

Erziehungsgedanke im Mittelpunkt

Das Schweizer Jugendstrafrecht stellt, stärker noch als das deutsche, den Erziehungsgedanken in den Mittelpunkt. Bei den drei Berufsschülern jedenfalls hat er nicht gegriffen. Wegen ihrer Vorstrafen mussten die drei Jugendlichen zwar Sozialstunden ableisten, einer steckte sogar mitten in einem Anti-Aggressions-Training. Aber in München reichte offenbar schon der Frust über einen fehlenden Geldbeutel aus, um auszurasten. Mike B. blieb eine Erklärung dafür bislang schuldig. Deshalb gibt es in der Schweiz auch durchaus Kritik an dem Umgang mit jungen Straftätern. In einem Beitrag für die Wochenzeitung "Weltwoche" schreibt der Journalist Alex Baur: "Jugendliche nehmen heute früher am Erwachsenenleben teil - und es wäre an der Zeit, sie früher in die Verantwortung mit einzubinden. Voraussetzung ist, dass Verbrechen als das wahrgenommen werden, was sie sind - und echte Sanktionen nach sich ziehen. Wer nicht strafen kann, sollte konsequenterweise nicht von 'Strafrecht' reden."

Für den 16-jährigen Mike B. und seine Kumpels geht es vor dem Münchner Landgericht vor allem darum, den Vorwurf des Mordversuchs zu entkräften. Sein Anwalt hält den für völlig übertrieben. "Das war kein versuchter Mord. Dafür brauche ich einen Tötungsvorsatz. Ich sehe nicht, dass es hier so war", sagt Christian Bärnreuther zu stern.de. Es gebe zwar nichts schönzureden, es war eine "massive Körperverletzung". Aber gegen die Schüler laufe eine "unerträgliche Kampagne" der Medien, unterstützt von der Münchner Staatsanwaltschaft. Ob sein Mandant vor Gericht Angaben machen wird, ließ er offen.

Wie es dem schwer verletzten Geschäftsmann aus Ratingen inzwischen geht, dazu wollte sich dessen Anwalt nicht äußern. Eines der Opfer aus Mazedonien, ein körperlich behinderter Mann, leide noch unter Ohren- und Kopfschmerzen, sagte seine Anwältin, die auch einen weiteren Mann als Nebenkläger vor Gericht vertritt. Den Vorsitz der Jugendkammer hat Reinhold Baier. Der Richter hatte die U-Bahn-Schläger, die im Jahr 2008 den Rentner lebensgefährlich verletzt hatten, zu Haftstrafen von zwölf und achteinhalb Jahren verurteilt - wegen Mordversuchs.

  • Malte Arnsperger