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Prozess gegen Thomas Drach: Unter Ratten

Hat Reemtsma-Entführer Thomas Drach versucht, seinen Bruder aus dem Gefängnis heraus zu erpressen? Ja, befand nun ein Hamburger Gericht. Aber weil beide Berufskriminelle seien, verzichtete es auf eine hohe Strafe.

Von Niels Kruse

Als die Anträge einer nach dem anderen abgeschmettert werden, wird der ohnehin schon atemlose Anwalt Helfried Roubicek noch fahriger. Seine Hände nesteln während der richterlichen Ausführungen nervös am Kugelschreiber, irgendwann wirft er den Stift auf seine prallgefüllten Leitz-Ordner und verschränkt die Arme. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Ein letzter Kniff sollte doch am letzten Prozesstag seinen Mandanten Thomas Drach rausboxen. Roubiceks Idee: Ein forensischer Linguist könnte beweisen, dass der Angeklagte mit seinen Briefen, deretwegen er vor Gericht sitzt, niemanden erpressen wollte. Sie seien nur Provokation gewesen, behauptet der Verteidiger ernsthaft, ein Spiel mit der Justiz, zum Dampfablassen.

Wenig überraschend geht seine Taktik nicht auf. Denn die Briefe sind nicht irgendwelche Schriften in einer Reihe von Indizien, sondern die Hauptbeweisstücke. Und der Angeklagte ist nicht irgendein naiver Kleinkrimineller, sondern Thomas Drach - ein mehrfach verurteilter Straftäter, seit 2001 in Haft wegen der Entführung des Hamburger Zigarettenmillionenerben Jan Philipp Reemtsma. "Die Auswertung der Tatmittel ist die ureigenste Aufgabe des Gerichts", stellte Richterin Ulrike Taeubner kühl fest. Das Ergebnis ihrer Analyse: Drach habe versucht, seinen Bruder zu erpressen und sich damit der versuchten Anstiftung zur räuberischen Erpressung schuldig gemacht. Weitere 15 Monate muss er deswegen im Gefängnis bleiben.

"Ich traue der Ratte nicht"

Anfang 2009 hatte der 51-Jährige zwei Briefe aus seiner Haft geschrieben. Adressaten waren seine Mutter und ein alter Knastkollege. Und obwohl der "Berufsverbrecher" (Staatsanwalt Karsten Hoffmann) wusste, dass seine Korrespondenz von der Gefängnisleitung überwacht wurde, wählte er reichlich deutliche Worte: "Wenn du nichts zu tun hast, fang mal meinen Bruder ab. Er hat sechs Monate Zeit, 30 Millionen Euro zu besorgen. Ich traue der Ratte (der Bruder, d. Red.) nicht. Der soll auf keinen Fall nochmal auf meine Kosten leben.“ Es sind noch eher harmlosere Worte. An anderer Stelle nennt er seinen Bruder Lutz "Dumme Sau" oder "letzter Dreck" und schreibt davon, ihn auf "muskulöse Spanier" treffen zu lassen.

Kurzum: Das Verhältnis zwischen Thomas und Lutz Drach stand schon länger nicht mehr zum besten. Der Grund dafür liegt womöglich irgendwo versteckt in Europa: das Lösegeld aus der Reemtsma-Entführung. Wie viel genau von den ursprünglich 15,3 Millionen Euro übrig sind, weiß niemand so genau. Drach selbst schweigt über den Verbleib des Geldes, die Anklage geht von rund sechs Millionen Schweizer Franken aus. Als die beiden sich noch besser verstanden, hatte Thomas seinen jüngeren Bruder dazu gebracht, das Geld zu waschen. Dabei wurde Lutz erwischt, er musste ins Gefängnis, wurde aber 2009 wieder entlassen. Seitdem fürchtet der Angeklagte, dass der Bruder "seine" Millionen, wie Thomas Drach das Lösegeld vehement nennt, verprasst. Und hatte ihn deswegen aus der Haft heraus versucht, erpressen zu lassen.

"Die Sache ist eine Familienangelegenheit"

Vergeblich allerdings, denn keiner der Angesprochenen hatte irgendetwas unternommen, dem Bruder auf die Pelle zu rücken. Wohl auch deswegen hatte der Angeklagte vor Gericht die Vorwürfe stets abgestritten. Schon zu Beginn des Prozesses bezeichnete er die Verhandlung als albernes Theater. "Das sind alles familieninterne Angelegenheiten." Und welche Absprachen er mit seinem Bruder habe, habe das Gericht in 15 Jahren nicht erfahren und werde es auch nicht erfahren. Das musste das Gericht auch nicht, denn allein schon der Umstand, dass er die Briefe verfasst habe, ist juristisch von Belang. Die versuchte Erpressung sei eine "Tat unter zwei Ganoven" gewesen, sagt Richterin Taeubner. Deswegen, und weil sie nie umgesetzt wurde, wollte sie der Forderungen der Staatsanwaltschaft nicht folgen, die zweieinhalb Jahre Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung gefordert hatte.

Mit 15 Monaten ist Thomas Drach nun noch mit einem blauen Auge davon gekommen. Dabei hatten er und sein Verteidiger in den knapp vier Prozesswochen kaum eine Gelegenheit ausgelassen, sich beim Gericht unbeliebt zu machen. Es fing damit an, dass sich Drach vor dem ersten Verhandlungstag weigerte, die Fahrt aus seiner Gefängniszelle zum Gericht anzutreten - weil er für den Transport eine Schlafbrille und Handschellen anlegen sollte. "Menschenunwürdig und Schikane" wetterte sein Anwalt damals. Der Angeklagte musste letztlich mit einer Spezialeinheit zum Gerichtsgebäude in Hamburg gebracht werden. Angeblich soll er nach der Aktion gesagt haben: "Ich werde nächstes Jahr einen Beamten bestrafen für die Sache mit der Schlafbrille. Ich besorge mir eine Kalaschnikow, und dann wird Hamburg schon sehen."

Interessantes Argument der Verteidigung

Kurz danach hatte er sich wieder mit Beamten angelegt. Weil Drach keine Lust hatte, ihren Anweisungen zufolgen, soll er gesagt haben: "Normalerweise knalle ich die ab, die mir Anweisungen geben." Die angebliche Äußerung erweckte das Interesse der Richterin. Auf ihre Nachfrage im Saal erwiderte er: "Die sind für mich gar nichts. Ob da ein Mafiaboss steht oder ein Polizist, ich lasse mir keine Anweisungen geben." Der Gutachter, der Drachs Persönlichkeit untersuchte, urteilte später: "Narzisstisch und unreif wie ein pubertierender Junge, impulsiv aber voll schuldfähig." Wie zum Beweis dieser Einschätzung bezeichnete Drach die Vorwürfe in seinem Schlusswort als an den Haaren herbeigezogen. Und wie erwartet, plädiert sein Anwalt auf Freispruch. Unter anderem mit einem interessanten Argument: "Die Strafverfolgungsbehörde will meinen Mandanten daran hindern, nach Verbüßung seiner Strafe seine durch eine Straftat erlangte Beute zu genießen."

Wie gesagt, es ist nicht der Tag des Thomas Drach und seines Verteidigers Helfried Roubicek, auch wenn der nun Verurteilte von der vom Staatsanwalt geforderten Sicherheitsverwahrung verschont geblieben ist. Dazu hätte Drach zu mindestens zwei Jahren verurteilt werden müssen. Ankläger Hoffmann hatte diese Möglichkeit in seinem Schlussplädoyer berücksichtigt: Dass Drach wegen seines Lebenslaufs nach seiner Entlassung vermutlich wieder straffällig werde, davon ist der Staatsanwalt überzeugt und werde es mit Hilfe eines weiteren Zeugen auch belegen. In einem möglichen Revisionsprozess. Gut möglich also, dass die bizarre Drach-Show bald weitergeht.