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Prozess gegen TV-Wettermoderator "Wir sind doch nicht bei Kachelmann"


Der Kachelmann-Prozess geht heute in seine vermeintlich entscheidende Phase - wieder einmal. Das bizarre Verfahren gilt inzwischen als Paradebeispiel für schlechte Prozessführung.
Von Malte Arnsperger

Jedes Kind kennt den Spruch der strengen Mutter, die sich über den unordentlichen Nachwuchs echauffiert: "Wir sind doch nicht bei Hempels unterm Sofa." In ähnlicher Weise kommentieren Juristen in ganz Deutschland den wohl aufsehenerregendsten Prozess der vergangenen Jahre: "Wir sind doch nicht bei Kachelmann" ist mittlerweile in Gerichtssälen und Anwaltskanzleien zum geflügelten Wort geworden. Das Vergewaltigungsverfahren gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann ist in vielerlei Hinsicht einzigartig und wird von Prozesstag zu Prozesstag bizarrer, so dass sich viele Anwälte, Richter oder Jura-Professoren verwundert die Augen reiben.

"Wir sind hier doch nicht bei Kachelmann: Den Spruch habe ich bei Gesprächen unter Juristen in letzter Zeit schon einige Male gehört", sagt Henning Müller, Strafrechtsprofessor aus Regensburg, der sich in seinem Blog auch mit dem Kachelmann-Prozess beschäftigt. Müller sieht mehrere Gründe dafür, dass das oft bizarre Mannheimer Schauspiel zu einem beliebten Diskussionsthema geworden ist - auch von Juristen, die eigentlich nichts mit dem Verfahren zu tun haben. Da ist die Dauer, am 2. Mai steht Prozesstag 38: "Ich kenne keinen Vergewaltigungsprozess, der so lange gedauert hat. Denn eigentlich ist ein Vergewaltigungsverfahren meist eine einfache und übersichtliche Sache und bei weitem nicht so komplex wie manche Wirtschaftstrafprozesse." Bei wem die Hauptschuld für den langen Rechtsstreit zu suchen ist, ist für Müller offensichtlich - beim Gericht. Schließlich hätten die Mannheimer Richter zu Beginn zahlreiche Kachelmann-Gespielinnen als sogenannte Leumundszeuginnen geladen, die Aufschluss über die Persönlichkeit des Fernsehmannes geben sollen. "Die Planung des Prozesses macht das Gericht. Und es ist schon ungewöhnlich, dass man so viele Leumundszeugen hört. Ich halte das nicht für besonders sinnvoll."

Das Gutachter-Schutzschild

Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn, selbst nicht unschuldig an der langen Prozessdauer, klagte in der “Zeit“ über ein “entgleistes Verfahren“. Der Berliner Jurist Alexander Ignor, Strafrechtsprofessor und Vorsitzender des Strafrechtsauschusses der Anwaltskammer, kann dem nur beipflichten: "Der Durchschnitt bei Landgerichtsprozessen liegt bei drei bis fünf Tagen, auch bei solch einem Tatvorwurf." Es sei für ihn als Beobachter, der viele Details nicht kenne, schwierig, die Gründe dafür zu beurteilen. "Man kann sich darüber nur wundern, auch weil vieles nicht-öffentlich verhandelt wurde. Die Frage ist aber schon, ob man jeden Menschen hören muss, der Herrn Kachelmann jemals über den Weg gelaufen ist. Das sehen auch viele meiner Kollegen so."

Die Aussage "Wir sind doch nicht bei Kachelmann", hat auch die baden-württembergische Richterin Eva Neuberg, die ihren richtigen Namen nicht genannt haben will, in einigen Gesprächen auf den Gerichtsfluren schon gehört. "Man spricht schon öfter über diesen Prozess als über andere. Ich wundere mich insbesondere darüber, wie viele Sachverständige da gehört werden."

Rund ein Dutzend Experten, die Hälfte bezahlt vom Angeklagten, wird bis Verfahrensende in Mannheim aufgetreten sein. Die Vielzahl der Gutachter ist einer der Hauptgründe dafür, weshalb der Strafverteidiger Achim Flauaus den Prozess in seinem Blog mit Uhren vergleicht. “Was bei den Uhren (aus der Schweiz) die Grande Complication, wird unter den Strafverfahren mehr und mehr der Kachelmann-Prozess.“ Der Vergleich wirkt zwar etwas schief, schließlich ist die Grand Complication ein präzises, ausgeklügeltes Werk, wo alles ineinandergreifen muss, was man von diesem Verfahren kaum sagen kann. Die Botschaft ist für Flauaus aber klar: Prozess und Uhren seien “kompliziert und furchtbar teuer.“

Der Waiblinger Strafverteidiger Jens Rabe beobachtet die vielen Privatgutachter Kachelmanns mit starken Bedenken. Ein ärmerer Angeklagter hätte viel weniger Chancen gehabt, mit Hilfe von Gutachtern gegen den Vorwurf zu kämpfen. "Das ist schon bedenklich. Dieser Prozess zeigt Fehler im System auf. Ich verfolge ihn mittlerweile mit großem Interesse. Mich interessiert auch, wie Kachelmans Anwalt Schwenn agiert und ob er mit seiner Methode Erfolg hat."

Angriff statt Verteidigung

Die aggressive Verteidigungsstrategie von Johann Schwenn, die nur jene ausnimmt, die er zum eigenen Lager rechnet, wird von seinen Anwaltskollegen sowie Richtern aufmerksam beäugt. Den geflügelten Kachelmann-Spruch habe er hin und wieder gehört, sobald ein konfrontativer Ton in einem Gerichtsaal herrsche, meint Anwalt Rabe. "Ich habe am Anfang auch gedacht: Was macht der Schwenn denn da für ein Spektakel? Mittlerweile glaube aber ich schon, dass es die richtige Strategie ist, einen harten Kurs zu fahren. Schließlich konnten so viele Widersprüche aufgedeckt werden." Allerdings meint Rabe, einige Anträge Schwenns, wie die Benennung der Journalistin Alice Schwarzer als Zeugin, seien für den Prozess unnötig und nur für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen.

Richterin Neuberg sieht diese Spielchen ähnlich kritisch. Sie würde sich die ständigen Attacken eines Verteidigers nicht so lange gefallen lassen wie ihre Kollegen in Mannheim: "Ich neige dazu, gleich zu Beginn für Ruhe zu sorgen. Denn dann hört das Flügelschlagen mancher Verteidiger schnell auf. Aber wenn man am Anfang kein Zeichen setzt, hat man es später umso schwerer."

Schwer werden es die Mannheimer Richter auch mit dem Urteil haben, dass am 27. Mai fallen soll. Ihr Spruch wird von der breiten Öffentlichkeit und auch den Juristen mit Spannung erwartet. Alexander Ignor gibt zu: “Der Prozess übt auf uns Juristen eine gewisse Faszination aus, wegen der Prominenz des Angeklagten, der Verfahrensdauer, den vielen Sachverständigen. Aber ein ernsthaftes Signal wird von dem Verfahren erst ausgehen, wenn der Bundesgerichtshof über die Revision entscheidet, die bestimmt kommen wird. Denn erst dann weiß man, welche Lehren man wirklich daraus ziehen kann.“ Sein Kollege Achim Flauaus meint sogar: "Dieses Verfahren ist so atypisch, das beim Strafverteidigertag vor einigen Wochen die einhellige Meinung herrschte: Dieser Prozess lässt keine allgemeingültigen Schlüsse zu."


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