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Prozess gegen Unterhosenbomber: Vom Musterschüler zum Terroristen

Er versuchte 2009 ein Flugzeug in die Luft zu sprengen und wurde als "Unterhosenbomber" bekannt: Umar Farouk Abdulmutallab. Am Dienstag begann in Detroit der Prozess gegen ihn wegen 289-fachen versuchten Mordes begonnen.

Von Manuela Pfohl

Ein Sympathieträger ist er wirklich nicht. Mal lümmelte Umar Farouk Abdulmutallab bei seinen Anhörungen vor der Staatsanwaltschaft demonstrativ mit den Beinen auf dem Tisch. Dann wieder fing er eine absurde Diskussion darüber an, dass Osama bin Laden überhaupt nicht tot sei und schließlich nervte der Nigerianer die Ermittler immer wieder mit plötzlichen Dschihad-Rufen. Seit fast zwei Jahren bemüht sich die US-Justiz darum, den Fall des renitenten "Unterhosenbombers" gerichtsfest zu bekommen, der am ersten Weihnachtsfeiertag 2009 versuchte, über Detroit ein Flugzeug mit 289 Menschen an Bord in die Luft zu sprengen.

Jetzt ist es soweit. Am Bezirksgericht von Detroit werden von Dienstag an die zwölf Geschworen ausgewählt, die im Prozess gegen den 25-Jährigen herausfinden sollen, was ihn dazu trieb, sein Leben und das der Passagiere von Flug NW 253 von Amsterdam nach Detroit auslöschen zu wollen.

Plötzlich brennt die Hose

Der versuchte Terroranschlag selbst ist weitgehend dokumentiert: Abdulmutallab hatte am 24. Dezember 2009 in Amsterdam bei der Northwest Airline mit dem Ziel Detroit eingecheckt, sich auf seinen Gangplatz in Reihe 19 des A330 gesetzt und während des Fluges zunächst völlig unauffällig verhalten. Kurz vor der Landung in Detroit war er zur Bordtoilette gegangen, hatte eine in seiner Unterhose versteckte Chemikalie präpariert, war wieder an seinen Platz gegangen, hatte sich eine Decke umgelegt und schließlich versucht, den Sprengstoff zu zünden. Der Anschlag schlug allerdings fehl. Zwar ging die Hose in Flammen auf. Doch ein 32-jähriger Niederländer, der einige Reihen schräg hinter Abdulmutallab saß, konnte ihn mit Hilfe anderer Passagiere überwältigen.

In einer ersten Befragung kurz nach seiner Festnahme gestand Abdulmutallab den Ermittlern, er habe im Auftrag al-Kaidas gehandelt. Und tatsächlich dauert es keine zwei Tage, da meldete sich das Terrornetzwerk mit einem Bekennerschreiben. Indem er mit Sprengstoff alle Sicherheitsschranken passiert habe, habe Bruder Umar "den großen Mythos des US-Geheimdienstes" zerschlagen, meldeten die Islamisten auf einer einschlägigen Site im Internet. Und weiter: "Unser Bruder, der Märtyrer Umar Faruk Abdulmutallab" habe eine "von den Mudschahedin in den Werkstätten von al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel entwickelte Sprengstofftechnik" benutzt. Der versuchte Anschlag sei die Antwort auf die "ungerechte amerikanische Aggression" mit "von Kriegsschiffen im besetzten Golf von Aden abgefeuerten Splitterbomben und Marschflugkörpern".

Ist Umar ein Mitglied von al-Kaida?

Doch ist der Nigerianer wirklich ein Mitglied von al-Kaida? Angeblich hatte er Kontakte zu dem Al-Kaida-Prediger Anwar al-Awlaki, der als einer der führenden Köpfe von El Kaida auf der arabischen Halbinsel galt und am vergangenen Freitag gezielt durch eine US-Drohne im Jemen getötet worden war. Al-Awlaki, der einen amerikanischen Pass hatte, stand auf einer schwarzen US-Liste von Terroristen, die "tot oder lebendig" gefasst werden sollen. US-Ermittler hatten im vergangenen Jahr erklärt, Abdulmutallab gehöre der Gruppe der weltweit missionierenden "Tabligh Jamaat" an, religiösen muslimischen Eiferern, die vehement jede Verbindung zu al-Kaida bestreiten und Terroranschläge ablehnen.

Eine sms aus dem Jemen macht dem Vater Sorgen

Abdulmutallabs Vater Umar hat sich immer wieder gefragt, was seinen Sohn zu einem Terroristen gemacht hat. Doch der 70-Jährige kann keine Antwort finden. Der ehemalige nigerianische Wirtschaftsminister und Ex-Vorstandschef der First Bank of Nigeria, hatte hilflos mit ansehen müssen, wie sein Sohn sich im Laufe der Jahre radikalisierte.

Schon als Teenager soll der jüngste seiner 16 Kinder in den islamischen Extremismus abgeglitten sein. Eine Einschätzung, die auch Umar Farouk Abdulmutallas ehemaliger Lehrer Michael Rimmer teilt. "Während meine anderen muslimischen Schüler die Taliban für einen Haufen von Spinnern hielten, fand er sie ganz in Ordnung", sagte Rimmer der britischen BBC. Andererseits: Der Junge sei ein "Traumschüler" gewesen - "sehr aufgeweckt, intelligent, talentiert, enthusiastisch und höflich". Alle hätten ihm eine große Karriere vorausgesagt, meint sein ehemaliger Lehrer.

Nach seiner Ausbildung an der renommierten British International School in der togolesischen Hauptstadt Lomé zog der Junge nach London, wo die wohlhabenden Eltern im noblen Diplomatenviertel nahe Oxford Circus ein Appartement besitzen, und studierte Maschinenbau. 2008 unterbrach er seine Studien, lebte in Dubai und Ägypten, im Juli 2009 äußerte er seinen Wunsch, im Jemen einen Arabisch-Kurs zu besuchen - und schickte seiner Familie eine SMS, in der er mitteilte, er wolle keinen Kontakt mehr mit ihr haben. Sein Vater alarmierte daraufhin die US-Botschaft in Nigeria und die Geheimdienste. Irgendetwas stimme nicht mit seinem Sohn. Er mache sich Sorgen, der Junge könne etwas anstellen. Die Ermittler fanden später heraus, dass Abdulmutallab im Herbst 2009 in den Jemen gereist war und zu diesem Zeitpunkt tatsächlich mit Al-Awlaki in Kontakt stand. Nach seiner Festnahme sagte der verhinderte Attentäter aus, im Jemen in einem Terrorlager von El Kaida ausgebildet worden zu sein.

Eine riesige Blamage für die US-Behörden

Wie US-Behörden bestätigten, wurde Umar Farouks Name wenig später in eine Datenbank namens "Terrorist Identities Datamart Enviroment" (Tide) eingespeist, in der 550.00 Menschen registriert sind, die verdächtige Verbindungen unterhalten. Dennoch wurde er nicht auf die US-Flugverbotsliste gesetzt. Im Gegenteil. Er durfte sogar sein US-Visum, gültig bis Sommer 2010, behalten. Eine riesige Blamage für die US-Behörden. Zumal die britischen Kollegen Abdulmuttallab schon im Mai 2009 die Einreise verweigerten, als er in London weiterstudieren wollte. So aber konnte er am Weihnachtstag unbehelligt den Flug NW 253 von Amsterdam nach Detroit nehmen.

Im jetzt beginnenden Prozess besteht Abdulmutallab darauf, sich vor Gericht selbst zu verteidigen. Seinen Anwalt hatte er vor einem Jahr rausgeworfen. Nun steht ihm lediglich ein Rechtsbeistand zur Seite, wie das "Wall Street Journal" berichtete. Die Eröffnungsplädoyers sind für den 11. Oktober geplant. Abdulmutallab droht eine lebenslange Haft.

Mit DPA/AFP / AFP
  • Manuela Pfohl