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Prozess gegen Verena Becker beginnt: Wer tötete Siegfried Buback?

Auch 33 Jahre nach dem Attentat auf Siegfried Buback ist weiter unklar, wer den Generalbundesanwalt erschossen hat. Der neue Prozess gegen Ex-Terroristin Verena Becker wird daran nichts ändern.

Von David Weyand

Aktenzeichen XY ungelöst: Auch 33 Jahre nach dem Attentat auf den damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback ist immer noch unklar, wer ihn und seine Begleiter erschoss. Am Donnerstag beginnt in Stuttgart der Prozess um die mutmaßliche Mittäterschaft der ehemaligen RAF-Terroristin Verena Becker. Worum geht es bei dem Prozess, was wirft man Verena Becker vor und wieso sorgen die Umstände des Attentats auch heute noch für Schlagzeilen?

Was geschah am Morgen des 7. April 1977?

Generalbundesanwalt Siegfried Buback ist in Begleitung seines Fahrers Wolfgang Göbel und des Justizbeamten Georg Wurster mit seinem dunkelblauen Dienst-Mercedes auf dem Weg in die Karlsruher Innenstadt. Sein Fahrer stoppt den Wagen an einer roten Ampel. Von hinten kommend, hält ein Suzuki-Motorrad mit zwei Personen rechts neben dem Wagen. Plötzlich zieht die hintere Person eine Maschinenpistole, Typ HK 43, und feuert 15 Schüsse auf den Generalbundesanwalt und seine Begleiter. Buback und der Fahrer sind sofort tot, Wurster stirbt wenige Tage später im Krankenhaus. Die beiden Täter entkommen unerkannt auf ihrem Motorrad, später flüchten sie mit einer weiteren Person in einem bereitstehenden Alfa Romeo. Kurz darauf bekennt sich das RAF-Kommando "Ulrike Meinhof" in einem Schreiben zu der Tat. Das Attentat ist der Auftakt für eine grausame Terrorserie, die als "Deutscher Herbst" in die Geschichte eingehen wird.

Wer hat das Attentat begangen?

Drei RAF-Terroristen wurden wegen ihrer Mittäterschaft zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt: 1980 Knut Folkerts und 1985 Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar. Folkerts oder Klar sollen entweder auf dem Motorrad gesessen oder das Fluchtauto gefahren haben, Mohnhaupt war an der Planung beteiligt. Die Bundesanwaltschaft verdächtigt auch den RAF-Mann Günter Sonnenberg, an dem Mordanschlag beteiligt gewesen zu sein. Bei einer zufälligen Polizeikontrolle vier Wochen nach dem Mord an Buback lieferten sich Sonnenberg und Becker einen Schusswechsel mit der Polizei. Beide wurden festgenommen, Sonnenberg wurde dabei in den Kopf geschossen. Wegen der Spätfolgen war er im Bubackprozess verhandlungsunfähig. Auch Verena Becker galt schon damals als mögliche Mittäterin. Aus Mangel an Beweisen wurde das Verfahren gegen sie aber fallen gelassen. Für ihre Beteiligung an der Schießerei während ihrer Festnahme - mehrere Polizisten wurden schwer verletzt - erhielt sie jedoch eine lebenslängliche Haftstrafe. Nach zwölf Jahren wurde sie 1989 von Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) begnadigt. Wer die Person auf dem Sozius des Motorrads war, die die tödlichen Schüsse abgab, das konnte während der bisherigen Gerichtsverfahren nicht geklärt werden.

Wieso gibt es jetzt einen neuen Prozess?

Auch nach dem ersten Prozess schwiegen die Verurteilten und andere RAF-Mitglieder über die tatsächlichen Umstände - wie dies stets getan haben. Erst im Frühjahr 2007 bröckelte die Mauer des Schweigens ein wenig: Michael Buback, der Sohn des Ermordeten, schrieb in einem Artikel für die "Süddeutsche Zeitung", dass ihm ein Informant aus RAF-Kreisen neue Hinweise zum Tathergang geschildert habe. Peter-Jürgen Boock, 1977 an der Ermordung Jürgen Pontos sowie der Entführung und Ermordung Hanns-Martin Schleyers beteiligt, habe gesagt, dass weder Christian Klar oder Knut Folkerts noch Günter Sonnenberg seinen Vater erschossen hätten. Folkerts selbst und auch andere RAF-Mitglieder hatten schon zuvor gesagt, dass Folkerts überhaupt nicht am Tatort war. Boock, der sich 1981 von der RAF lossagte, behauptete nun, dass Sonnenberg der Fahrer des Motorrades und Stefan Wisniewski der Schütze war. Das bestätigt nach einem aktuellen Bericht von "Spiegel-Online" auch die ehemalige RAF-Mitstreiterin Silke Maier-Witt. Sie widerrief diese Aussage allerdings wenig später gegenüber "Welt Online". Auch Verena Becker hat Stefan Wisniewski bereits 1981 gegenüber dem Verfassungsschutz als denjenigen bezichtigt, der die drei Männer erschossen hatte. Wegen dieser Vorwürfe ermittelt seit Ende April 2007 die Bundesanwaltschaft gegen Wisniewski, bislang gibt es allerdings keine Beweise, die belegen, dass er tatsächlich beteiligt war.

Michael Buback glaubt dagegen, dass Verena Becker seinen Vater erschossen hat. Zeugen hätten "hinten auf der Suzuki eine zierliche Person, wahrscheinlich eine Frau" gesehen, sagte er in mehreren Interviews. Außerdem wurde bei ihrer ersten Festnahme im Mai 1977 die Tatwaffe gefunden, mit der Buback erschossen wurde. Die Bundesanwaltschaft ist allerdings überzeugt, dass sich diese im Besitz vom ebenfalls verhafteten Günter Sonnenberg befand.

Michael Buback glaubt noch aus einem anderen Grund an die Schuld Verena Beckers: Sie hat 1981 mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz zusammengearbeitet beziehungsweise Informationen weiter gegeben, um bessere Haftbedingungen für sich zu erreichen. Buback ist der festen Überzeugung, dass sie bereits vorher, möglicherweise bereits zur Tatzeit, für die Geheimdienste arbeitete und deshalb geschützt wurde. Wirkliche Belege dafür hat er jedoch nicht. Der "Spiegel" berichtet diese Woche, dass in bislang geheimen Akten des Verfassungsschutzes, die der Bundesanwaltschaft schon lange vorlägen, vermerkt sei, Verena Becker habe sich zum Zeitpunkt des Attentats in Bagdad aufgehalten. Dieser Aussage widersprachen aber Klaus-Peter Boock und Silke Maier-Witt: Becker sei definitiv nicht in Bagdad gewesen.

Was wirft man Verena Becker vor?

Seit 2008 laufen neue Ermittlungen gegen Verena Becker. Mit Hilfe eines DNA-Tests konnte die Bundesanwaltschaft ihre Speichelspuren auf Umschlägen von Bekennerschreiben zum Buback-Mord nachweisen. Bei einer Durchsuchung ihrer Wohnung fanden die Ermittler weiteres belastendes Material. Im August 2009 wurde Verena Becker deshalb festgenommen. Weil der Bundesgerichtshof keine Fluchtgefahr sah, wurde sie nach wenigen Monaten kurz vor Weihnachten wieder aus dem Gefängnis entlassen. Dennoch reichten die Beweise dafür aus, dass die Bundesanwaltschaft Anfang April 2010 Anklage gegen die Ex-Terroristin erhob. Sie werfen ihr vor als Mittäterin am Anschlag auf Siegfried Buback beteiligt gewesen zu sein. Sie habe den späteren Tatort mit ausgewählt und anschließend die Bekennerschreiben mit verfasst.

Heute beginnt nun vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart der Prozess gegen Verena Becker. Bis Dezember wollen die Richter klären, welche Rolle sie in dem Mord am damaligen Generalbundesanwalt spielte. Dass nach dem Prozess geklärt ist, wer Siegfried Buback 1977 ermordete, gilt aber als unwahrscheinlich.