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Prozess gegen Wettermoderator Kachelmann: Die zähe Suche nach der Wahrheit

Wo steht das Vergewaltigungsverfahren gegen Jörg Kachelmann? Nachdem das mutmaßliche Opfer ausgesagt hat, zieht stern.de eine Zwischenbilanz - und blickt voraus.

Von Malte Arnsperger

Nichts ist gewiss in diesem Prozess. Nur dies: Jeder Verhandlungstag im Mannheimer Landgericht beginnt mit dem gleichen Ritual. Auf der Straße warten rund zwei Dutzend Reporter und Fotografen. Die eine Hälfte lauert auf Jörg Kachelmann und seine ehemalige Geliebte Silvia May*. Die andere auf Kachelmanns Anwalt Reinhard Birkenstock. Der taucht entschlossenen Schrittes auf, läuft mit grimmigem Blick durch den Eingangsbereich des Gerichts, seine Ehefrau an der Seite, gemeinsam schleppen sie eine Kiste mit Akten. Den Reportern brummt Birkenstock ein knappes Statement ins Mikrofon. Dann entschwindet er Richtung Saal 1, während Journalisten und Zuschauer genauestens durchsucht werden.

Dieses Ritual wiederholt sich so oder so ähnlich seit Anfang September, fast wie im Filmklassiker "Und täglich grüßt das Murmeltier", dessen stupider, ewig gleicher Tagesablauf seinen Protagonisten zur Verzweiflung treibt. Seit dreizehn Prozesstagen schon müht sich die 5. Mannheimer Strafkammer mit ihrem Vorsitzenden Richter Michael Seidling um Klärung des Vergewaltigungsvorwurfs gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann. Silvia May hat ihre Aussage nach geschlagenen 20 Stunden beendet. In der kommenden Woche legt die Kammer eine Pause ein. Ist es wirklich so, wie Kachelmanns Verteidiger Reinhard Birkenstock sagt? "Meines Erachtens hat die Vernehmung der Anzeigeerstatterin uns unserem Ziel, der Rehabilitierung des Herrn Kachelmann, sehr viel näher gebracht." Oder hat Staatsanwalt Lars Torben Oltrogge Recht? Er entgegnet: "Ich halte das für Wunschdenken." Zeit für eine Zwischenbilanz.

Die wichtigste Frage lautet: Ist das Gericht der Wahrheit näher gekommen? Schon diese Frage ist kaum zu beantworten. Denn Öffentlichkeit und Presse waren bisher von einem Großteil der Verhandlung ausgeschlossen. Die Ex-Freundinnen des Moderators, die Eltern Silvia Mays und vor allem May selbst: Sie alle wurden ohne Publikum vernommen. Journalisten müssen sich daher mit vereinzelten Hinweisen von Verteidigern oder der Staatsanwaltschaft aus dem Gerichtssaal begnügen. So soll May bei ihrer bisherigen Aussage geblieben sein und ihren Ex-Geliebten weiterhin beschuldigen, sie in der Nacht zum 9. Februar vergewaltigt zu haben. Doch wie flüssig, wie ausführlich, wie glaubwürdig hat sie berichtet? Dieses entscheidende Detail können in diesem Fall nur die Verfahrensbeteiligten bewerten. Zu ihnen gehören die Gutachter.

Bäumchen-wechsel-dich der Experten

Die Vielzahl der Experten ist eine weitere Besonderheit dieses Prozesses. Weit über ein Dutzend Sachverständige haben sich mittlerweile mit dem Fall beschäftigt, ein Großteil wurde von der Verteidigung beauftragt. Im Gerichtssaal sitzen zwar meist "nur" acht oder neun. Doch die vom Angeklagten bestellten und bezahlten Experten spielen fröhlich Bäumchen-wechsel-dich. Wird einer der Gutachter vom Gericht als befangen zurückgewiesen oder von der Verteidigung zurückgezogen, sitzt an seinem Platz beim nächsten Prozesstag schon der Nächste. Die Strategie von Kachelmanns umtriebigem Anwaltteam ist klar: Es will durch die Expertise von renommierten Gutachtern möglichst viel Zweifel am Tatvorwurf sähen. Ein aus Verteidigersicht nachvollziehbares Ziel, muss sich das Gericht doch bei einer Verurteilung sicher sein.

Doch es ist zweifelhaft, ob diese Strategie aufgeht. Der Rechtsmediziner Bernd Brinkmann wurde wegen Befangenheit vom Gericht abgelehnt, den Traumatologen Tilman Elliger zog die Verteidigung gleich selbst aus dem Verkehr, da ihm ähnliches drohte. Da Kachelmann nichts zu den Tatvorwürfen sagt und lediglich seine Unschuldsbehauptung aus den Ermittlungsakten vorlesen ließ, entstand der Eindruck, dass er sich nicht sicher ist, ob die Richter seiner Version glauben, und deshalb den Gutachter-Aufmarsch initiiert hat. Souverän wirkt diese Taktik jedenfalls nicht.

Unsouverän agiert bisweilen aber auch das Gericht. Nicht ganz ohne Grund sahen sich Seidling und seine Kollegen bereits mit zwei Befangenheitsanträgen der Verteidigung konfrontiert, hatten sie sich doch offenbar im Vorfeld des Verfahrens schon geäußert und dann auf eine umfangreiche Belehrung von Silvia May verzichtet. Beide Anträge wurden zwar zurückgewiesen. Doch Richter Seidlings Erklärung, weshalb er auf Mays Zeugenunterweisung verzichte, wirkte konstruiert. Hätte der erfahrene Richter doch schon vor dem Befangenheitsantrag erläutern können, dass er eine Belehrung der Frau für einen späteren Zeitpunkt beabsichtige. So hätte er der Verteidigung den Wind aus den Segeln nehmen können.

Auffallend dickes Lob bekamen die Richter hingegen nach Mays Aussage von Kachelmanns Verteidigerin Andrea Combé. "Ich bin sehr begeistert von der Gewissenhaftigkeit der Befragung durch das Gericht. Das habe ich in der Intensität in 28 Jahren noch nicht erlebt." Einen weiteren Befangenheitsantrag will die Kammer damit offensichtlich unbedingt verhindern und mit ihrer ausführlichen Befragung jeden Zweifel an ihrer Unabhängigkeit ausräumen.

*Name von der Redaktion geändert

Zurückhaltend sind bislang die Staatsanwaltschaft und vor allem der Nebenklägeranwalt Thomas Franz. Während sich der junge Staatsanwalt Oltrogge in den öffentlichen Sitzungen wenigstens vereinzelt zu Wort meldete, etwa wenn es um die Sorge der Befangenheit gegen Gutachter ging, blieb Franz weitgehend stumm. Ähnlich traten die beiden Juristen auch außerhalb des Gerichtsaals auf. Während Franz jeglichen Kommentar zum Prozess verweigerte, scheint sich Oltrogge aber inzwischen an die Journalisten zu gewöhnen. Immer häufiger kommentiert er den Verlauf und versucht so, als Gegengewicht zur Verteidigerfront aufzutreten.

Prozess geht in die entscheidene Phase

Schließlich verfolgen das Verfahren nicht nur viele, sondern vor allem bekannte und meinungsstarke Journalisten. Kaum ein Prozesstag vergeht, an dem nicht die beiden Chefdeuterinnen dieser Auseinandersetzung, die "Emma"-Gründerin Alice Schwarzer und "Spiegel"-Reporterin Gisela Friedrichsen, ihre Positionen aufschreiben und sie in die bereitstehenden Kameras hinausflöten.

Der Prozess geht in der zweiten Novemberwoche in eine entscheidende Phase. Die Psychologen, Rechtsmediziner und Hirnforscher werden ihre Aussage machen. Besondere Bedeutung kommt dabei den Gutachten von Luise Greuel und Hans-Ludwig Kröber zu, die die Glaubwürdigkeit von Silvia May bewerten sollen. Die Richter werden mit Hilfe dieser Expertise und ihrem eigenen Eindruck entscheiden müssen, ob sie der 37-Jährigen glauben.

Ob sie die Medien und die Öffentlichkeit überzeugen kann, ist eine ganz andere Frage. Den Journalisten und den Zuschauern bleiben nur Informationsbröckchen. Sie werden voraussichtlich auch bei den Aussagen der Experten ausgeschlossen werden. So bleibt ihnen nur die stets gleiche Wiederholung - das Mannheimer Morgenritual.

*Name von der Redaktion geändert