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Prozess-Gutachterin: "Fritzl ist ein emotionaler Analphabet"

27 Stunden lang saß die Linzer Psychiaterin Adelheid Kastner Josef Fritzl gegenüber. Die Ärztin erstellte ein Gutachten über seine Machtgelüste und seine Schuld. Im neuen stern verrät sie, wie Fritzl es geschafft hat, sich 24 Jahre lang nicht ein einziges Mal zu verraten.

Die Linzer Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner behauptet, der Inzest-Täter Josef Fritzl habe Angst davor gehabt, im Verlies überrumpelt zu werden. "Er hatte Bedenken, dass ihn da unten jemand mal attackieren könnte. Am Schluss haben dort immerhin drei Erwachsene gelebt. Also drei gegen einen." In einem Interview in der aktuellen, am Donnerstag erscheinenden Ausgabe des stern erzählt Kastner ausführlich von den 27 Stunden, denen sie Fritzl für ihr Gutachten gegenübersaß.

Die 46 Jahre alte Psychiaterin bescheinigt Fritzl die fast einzigartige Fähigkeit, Dinge komplett ausblenden zu können: "Der Mann hat sich in den 24 Jahren nicht ein einziges Mal verraten. Nie. Nicht einmal. Das geht nur, wenn man oben und unten strikt voneinander trennen kann. Tür zu im Keller, Tür zu im Kopf." Fritzl habe sogar oben mit seiner Frau gesessen und mit ihr "gemeinsam darüber geweint, dass die Tochter weg ist".

Kastner bezeichnet Fritzl als "emotionalen Analphabeten". "Die Emotionen, die er kennt, sind das Gefühl des Triumphs, wenn er jemanden dominiert. Und Angst. Alle feineren, positiv besetzten Emotionen kann er nicht richtig nachvollziehen", sagte sie dem stern.

Toter Säugling war eher ein logistisches Problem

So habe Fritzl beispielsweise den Tod des Säuglings im Verlies eher als logistisches Problem betrachtet: "Die Leiche galt es dann zu entsorgen. Und es ging darum, das möglichst effizient zu tun. Dann hat er die Leiche eben im Heizofen verbrannt. Vor Gericht hat er ja gesagt, er sei immer ein Anhänger der Feuerbestattung gewesen."

Kastner, die Fritzl als zwar schwer gestört, aber voll zurechnungsfähig bezeichnet, sagt im stern, dass er tatsächlich plante, seine Zweitfamilie aus dem Kerker nach oben zu holen und davon ausging, dass das Verbrechen nicht auffliegen würde. Kastner: "Er hat das geglaubt. Herr Fritzl zimmert sich die Welt so zurecht, wie es für ihn passt." Es sei seine feste Überzeugung gewesen, dass Tochter E. nicht zur Polizei gehen würde.

Bis in den Prozess hinein sei sich Fritzl der Schwere seiner Taten offenbar nicht bewusst gewesen. Erst mit der elfstündigen, auf Video aufgezeichneten Aussage seiner Tochter E. sei "seine Welt endgültig zusammengebrochen". Kastner im stern: "Sie hat ihn mit ihrer Realität geradezu geschockt. Er war zum ersten Mal in seinem Leben mit der Sicht einer anderen Person konfrontiert, ohne dass er sich dem entziehen konnte."

Fritzl hatte seine Tochter E. 24 Jahre lang in einem Verlies unter seinem Wohnhaus im österreichischen Amstetten gefangen gehalten, sie mehrere tausend Mal vergewaltigt und sieben Kinder mit ihr gezeugt. In der vergangenen Woche wurde er in St. Pölten zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt.

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