Prozess in Antalya Öger besuchte Marco W. im Gefängnis


Festtage in der Heimat oder Weihnachten im türkischen Gefängnis? Heute wird der Missbrauchsprozess gegen den deutschen Schüler Marco W. fortgesetzt. Seine Verteidigung hofft auf die Freilassung, die Gegenseite erwartet eine lange Haftstrafe. Vor der Verhandlung bekam Marco überraschenden Besuch.

In Antalya wird heute der Missbrauchsprozess gegen den 17-jährigen Schüler Marco W. aus Uelzen fortgesetzt. Am achten Verhandlungstag wollen seine Anwälte erneut Haftverschonung gegen Kaution beantragen. Man erwarte nicht, dass sich das Gericht bereits inhaltlich mit den Anklagevorwürfen auseinandersetzen werde, wie Anwalt Michael Nagel sagte.

Marco W. befindet sich seit acht Monaten in türkischer Haft. Ihm wird vorgeworfen, sich im Osterurlaub sexuell an einer 13-jährigen Britin vergangen zu haben. Der Schüler spricht dagegen von Zärtlichkeiten im Einverständnis mit Charlotte, die sich als 15-Jährige ausgegeben habe. Marcos Verteidigung will die Ladung des Mädchens verlangen, um es vor Gericht befragen zu können. Sollte am Freitag noch keine Freilassung erfolgen, bedeute dies nicht, dass Marco vor Weihnachten nicht mehr freikomme, hieß es vonseiten der Anwälte. Das Gericht in Antalya hat mehrere Haftbeschwerden sowie einen Befangenheitsantrag gegen die Kammer abgelehnt.

Der Anwalt der britischen Schülerin Charlotte will jedoch die Höchststrafe fordern. Diese betrage für Vergewaltigung 15 Jahre, werde bei Minderjährigen aber auf maximal 10 Jahre verringert, sagte Rechtsanwalt Ömer Aycan Antalya. Aycan widersprach aber einem deutschen Pressebericht, wonach er mit einem Urteil schon an diesem Freitag rechne. Er erwarte, dass der Prozess auf Januar vertagt werde, damit die Verteidigung auf die nun vorliegende schriftliche Aussage des Mädchens reagieren könne. Der deutsche Anwalt von Marco, Michael Nagel, sagte, das Gericht könne bei einem Urteil nur zu einem Freispruch kommen.

Öger zu Besuch bei Marco

Nagel sagte, er habe Marco in der Untersuchungshaft besucht. Der Jugendliche gehe mit Hoffnungen in die Fortsetzung des Prozesses am Freitag. Neben seinem Anwalt bekam Marco am Tag vor der achten Verhandlung überraschend auch Besuch von Vural Öger, Chef des Reiseunternehmens Öger Tours. Wie die "Uelzener Zeitung" berichtet, sei Öger bei Marco gewesen. "Er hat rote Bäckchen und sogar zugenommen", soll Öger anschließend gesagt haben. Marco könne sich mittlerweile mit den Wärtern auf türkisch verständigen und habe sich sogar ein türkisches Kochbuch bestellt. Öger kündigte an, nach der Verhandlung eine Pressekonferenz in Antalya geben zu wollen. Der medienwirksame Besuch des Unternehmers, mehrere TV-Teams hatten darüber berichtet, sorgte für große Irritationen vor Ort. Denn noch ist unklar, warum es Öger gestattet wurde, den Untersuchungshäftling Marco zu besuchen.

Öger sei am Tag der Verhandlung nach Antalya gereist, sagte eine Unternehmenssprecherin zu stern.de. Sie bestätigte den Besuch bei Marco. "Herr Öger versucht zu helfen und zu vermitteln." Weitere Kommentare über die Umstände des Besuches lehnte die Sprecherin ab.

Öger, SPD-Abgeordneter im Europaparlament, hatte sich in den vergangen Wochen besorgt über die lange Haftzeit Marco geäußert. Sie könne sich negativ auf das Reisegeschäft auswirken. "Sie schadet dem Image des Landes und damit auch dem Tourismus", hatte Öger dem "Focus" gesagt. "Die Freilassung am 14 Dezember wäre ein deutlicher Schritt in die richtige Richtung."

mta/AP/DPA AP DPA

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