HOME

Prozess in der Schweiz: Hochschwangere Syrerin verlor Baby: Prozess gegen Grenzwächter

Wenn die Vorwürfe gegen einen Schweizer Grenzwächter stimmen, hat er im Sommer 2014 einer hochschwangeren Syrerin Hilfe verweigert - daraufhin wurde ihr Baby totgeboren. Es sollen sich dramatische Szenen an der Grenzstation abgespielt haben.

Brig

Der angeklagte Grenzwächter (r.) neben seinem Anwalt vor dem Militärgericht in Bern

Es gibt diese Geschichten, die einen aufwühlen, weil sie von menschenverachtender Kälte erzählen. So eine Geschichte soll sich im Sommer 2014 an der schweizerisch-italienischen Grenze im Bahnhof des Örtchens Brig ereignet haben. Es geht darin um einen Schweizer Grenzwächter und eine hochschwangere Syrerin, die auf der Flucht war. Am Ende wurde ein tot geboren und eine Familie schwer traumatisiert. 

Der Fall hatte in der sowie international für Entsetzen gesorgt. Am Mittwoch begann jetzt nach dreijährigen Ermittlungen der Prozess vor einem Militärgericht in Bern. Der Vorwurf lautet: Der Chef der Grenzwächtertruppe soll der Schwangeren medizinische Hilfe verweigert haben, als bei ihr schwere Komplikationen einsetzten. Er soll sie trotzdem in den Zug nach Italien gesetzt haben, wo sie eine Totgeburt erlitt.

Die Anklageschrift ist kompliziert

Die Anklageschrift gegen den Grenzwächter ist ungewöhnlich, weil noch nicht feststeht, wie genau die Anklage lautet. Das Militärgericht muss zunächst die Frage klären, wann das Kind gestorben ist. Sollte das Militärgericht zu der Auffassung gelangen, dass das Kind hätte gerettet werden können, droht dem Mann eine Verurteilung wegen vorsätzlicher Tötung.

"Jeder muss für seine Taten selber Rechenschaft ablegen": Suha Alhussein Jneid (l.), und ihr Ehemann Omar Jneid auf dem Weg zum Gericht in Bern

"Jeder muss für seine Taten selber Rechenschaft ablegen": Suha Alhussein Jneid (l.), und ihr Ehemann Omar Jneid auf dem Weg zum Gericht in Bern

Picture Alliance


Fest steht, dass die syrische Familie damals im Sommer 2014 in Frankreich aufgegriffen wurde, als sie im Zug von Mailand nach Paris saß. Die französischen Behörden übergaben die Familie an die Schweizer Grenzwächter, die sie nach Domodossola in Italien zurückbringen sollten. Doch wegen der beginnenden Ferien herrschte starker Reiseverkehr in Brig. Der zuständige Grenzwächter entschied deswegen, dass die Familie nicht wie geplant den Zug um 14.30, sondern erst um 17.00 Uhr nehmen sollte. In der Zwischenzeit wurden die 22-Jährige Frau, ihr Mann, die Schwester und die Kinder im Kontrollraum der Grenzwächter untergebracht.

Dort begannen die Beschwerden. Die Anklage wirft dem Grenzwächter vor, er habe den Tod des Ungeborenen bewusst in Kauf genommen. Der Mann habe darauf vertraut, es werde der Familie auf der Reise nach Domodossola schon nichts passieren.

Die italienischen Behörden reagierten sofort

Am ersten Prozesstag sagte das syrische Ehepaar aus. Folgt man ihren Schilderungen, liefen die dramatischen Stunden so ab: Als sie auf den Zug warten, setzen bei der Hochschwangeren starke Schmerzen und Blutungen ein, die durch die weiße Hose deutlich zu sehen sind. Die Frau windet sich vor Schmerzen, ihre anderen weinen, weil sie sich Sorgen machen. Sofort bittet der Ehemann, der gut Englisch spricht, die Grenzwächter um Hilfe. Einer von ihnen schaut in den Raum, aber unternimmt nichts.

Laut Anklageschrift gibt der Grenzwächter dem Ehemann zu verstehen, er werde keine Hilfe anfordern, um die Weiterfahrt der Gruppe nach Domodossola nicht zu gefährden. Als die Frau in Domodossola ankam, liefern sie die italienschen Behörden sofort in ein Krankenhaus ein, doch es ist zu spät. Sie bringt ein totes Baby zur Welt.

"Jeder muss für seine Taten selber Rechenschaft ablegen", sagte der Ehemann am ersten Prozesstag noch. Ein medizinischer Gutachter kam zu dem Schluss: Wenn eine hochschwangere Frau über starke Schmerzen und Blutungen klage, "muss man reagieren". Es spreche einiges dafür, dass man das Baby hätte retten können.

Das Urteil soll am Freitag fallen.

Themen in diesem Artikel