HOME

Prozess in Konstanz: Mit Tempo 236 in den Tod

Aufgemotzter Golf gegen Porsche Carrera: Vier junge Männer lieferten sich bei Konstanz am Bodensee ein illegales Rennen. Bei Tempo 236 der Unfall. Einer der Männer stirbt. Ausgerechnet er hat die Todesfahrt auf Video aufgenommen. Den Raserfilm, der auch beim Prozess gegen die Überlebenden gezeigt wurde, sehen Sie auf stern.de.

Von Katharina Schönwitz, Konstanz

Jean-Pierre S. hat das illegale Autorennen, welches mit seinem Tod endete, sogar noch mit seiner Digitalkamera gefilmt. Die drei anderen Rennfahrer sitzen auf der Anklagebank des Konstanzer Landgerichts und sind wegen fahrlässiger Tötung angeklagt.

Constantin S. ist in schwarzem Anzug und Krawatte erschienen, Florian H. im Jackett. Die beiden Jurastudenten geben sich sichtlich Mühe, einen seriösen Eindruck zu erwecken. Ihre kinnlangen Haare haben sie zurück gegelt. Nur Serdar B., der Fahrer des verunglückten Golfs, trägt Jeans und einen schwarzen Parka.

Es war der 30. März vergangenen Jahres, ein Freitagabend, als Serdar sich ans Steuer seines aufgemotzten Golf setzte, neben ihm sein Kumpel Jean-Pierre, der eine Ausbildung bei Porsche machen wollte.

"So etwas vorher nie gemacht"

Auf dem McDonalds Parkplatz in Konstanz hatten sie sich mit zwei Jurastudenten verabredet, Florian und Constantin. "Wir kannten uns vorher nicht", versichert Serdar dem Richter. Über Jean-Pierre sei der Kontakt telefonisch zustande gekommen. Der damals 26-Jährige Florian hatte sich den Porsche Carrera S seines Vaters ausgeliehen. Serdar will seinen getunten Golf austesten. Schafft er es, den Porsche abzuhängen?

Sein Kommilitone Constantin nahm auf dem Beifahrersitz Platz. "Wir haben vorher so etwas noch nie gemacht", beteuern beide treuherzig im Gerichtssaal. Zuerst fahren sie Richtung Autobahn, machen "Beschleunigungsrennen". Das heißt bei 120 Kilometer pro Stunde geht es erst los und beide Fahrer treten richtig aufs Gas. Der Golf ist schnell.

Dann fahren sie runter von der Autobahn. Auf der Bundesstraße 33 zwischen Radolfzell und Konstanz wollten die vier es doch noch mal wissen. Genau an der Stelle, an der die meisten Touristen vom Gas gehen, weil das erste Mal der Bodensee zu sehen ist, geben Florian und Serdar Vollgas. Jean-Pierre filmt vom Beifahrersitz aus, der Film wird im Gerichtssaal gezeigt. Beide Autos sind gleich auf. Die Beifahrer zählen: "Drei-zwei-eins".

Für die Anwesenden im Gerichtssaal ist das nur schwer zu hören. Für die Familie des Getöteten wird es unerträglich, sie verlassen den Gerichtssaal. Die Motorengeräusche im Film übertönen nahezu alles, die restlichen Details verschluckt der Beamer. Die Angeklagten schauen den Film mit versteinerten Mienen an, es ist mucksmäuschenstill im Saal.

Der Golf schießt davon, erst nach 25 Sekunden kann der Porsche aufholen. "Das war kein Bastlerauto", sagt Gutachter Stephan Eberle in der Verhandlung über den getunten Golf II mit Turbomotor. "Den hat der Angeklagte professionell umgebaut." Das ließe sich sogar noch anhand der völlig verkohlten Reste des Wracks erkennen.

Auf dem Grünstreifen die Kontrolle verloren

Porschefahrer Florian will rechts an seinem Konkurrenten vorbeiziehen. Doch die rechte Spur ist durch einen unbeteiligten Opelfahrer halb blockiert. Zwar hat der Opelfahrer die beiden Raser im Rückspiegel erkannt und flüchtet ganz nach rechts auf die Standspur, weil er Angst hat, "abgeschossen" zu werden. Trotzdem wird es eng für drei Autos auf zwei Spuren nebeneinander. Der Porsche schlängelt sich durch die Mitte hindurch, Serdan gerät mit seinem Golf mit den linken Rädern auf den Grünstreifen. "Zu der Zeit hatte er eine Geschwindigkeit von 236 Kilometer pro Stunde", erklärte der Sachverständige. Der Wagen ist kaum noch zu halten. Der Golffahrer versucht zu korrigieren, verreißt dabei das Lenkrad.

"Ich habe im Rückspiegel nur Staub gesehen", erinnert sich Porschefahrer Florian leise lispelnd. Angehalten hat er trotzdem nicht. "Bis ich das Ganze realisiert hatte, war ich ja schon mehrere hundert Meter weiter. Ich habe meinem Beifahrer Constantin gesagt, er soll die Rettung anrufen." Bei der nächsten Ausfahrt wenden die beiden, und kehren auf der Gegenfahrbahn zur Unfallstelle zurück. Dort mischen sie sich, als ginge es sie nichts an, unter die anderen Schaulustigen.

"Ich habe falsch eingeschätzt, wie schnell der Golf fahren konnte", entschuldigt sich Florian am zweiten Verhandlungstag. Er habe schon geahnt, dass es "knapp" werden könnte zwischen dem Golf und dem Opel. "Ich bin dann instinktiv nach links gezogen, weil ich gesehen hab, dass die Lücke schon offen war."

Laut Gutachter zwei Möglichkeiten, den Unfall zu verhindern

Touchiert hat er den Golf nicht. Richter Bischoff schüttelt nur den Kopf bei der Analyse der Geschwindigkeiten und Bremswege. In stundenlanger Arbeit hat der Dekra-Gutachter den genauen Ablauf und die Geschwindigkeiten rekonstruiert und in einer Computersimulation zusammengefasst. Immer wieder führt er den Ablauf des Unfalls vor. Richter, Anwälte und der Staatsanwalt müssen immer wieder nachfragen, um die technischen Details zu verstehen.

Aus der Sicht des Gutachters hätte es allerdings zwei Möglichkeiten für den Porschefahrer gegeben, den Unfall zu verhindern: "Entweder eine Vollbremsung oder abbremsen und hinter dem Golf einscheren." Oder aber der Golffahrer hätte einfach vom Gas gehen müssen, als der Porsche noch neben ihm war.

Doch der Golffahrer verlor die Kontrolle, der Wagen schoss quer über die Fahrbahn, prallte auf die Böschung, überschlug sich und kam wieder auf der Bundesstraße zum Stehen. "Die Gurtungen lagen neben den Sitzen. Das ist der Beweis, dass beide nicht angeschnallt waren", erläuterte der Gutachter. Serdar B. brach sich mehrere Knochen und muss im Sommer zum vierten Mal operiert werden.

Jean-Pierre S. war so schwer verletzt, dass er noch in derselben Nacht im Krankenhaus starb. Ein Urteil für die überlebenden Raser will das Landgericht vorraussichtlich am Donnerstag sprechen.

  • Katharina Schönwitz