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Prozess in Mannheim: Kachelmann und "Teufels Küche"

Beim 36. Prozesstag gegen Jörg Kachelmann müssen zu allem Überfluss die beiden federführenden Staatsanwälte höchstpersönlich als Zeugen vor Gericht auftreten.

Der Vergewaltigungsprozess gegen Jörg Kachelmann war schon bisher in vielerlei Hinsicht einzigartig: Wie kaum je ein Verfahren findet er unter enormen öffentlichen Interesse und medialem Getöse statt. Selten zuvor wurden so viele Gutachter beauftragt. Und nun müssen zu allem Überfluss die beiden federführenden Staatsanwälte höchstpersönlich als Zeugen vor Gericht auftreten. Ein seltenes Ereignis, dass aber nicht nur deshalb einen weiteren Höhepunkt in diesem scheinbar endlosen Prozess darstellt.

Zwei Behauptungen, zwei Lügen

Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge und sein Kollege, Oberstaatsanwalt Oskar Gattner, geben am 36. Verhandlungstag vor dem Mannheimer Landgericht - notgedrungen - umfassend Einblick in ihre Arbeit. Diese Ermittlungen haben letztlich zur Anklage gegen den Wettermoderator geführt, weil er seine Ex-Geliebte Silvia May (Name geändert) in der Nacht zum 9. Februar 2010 vergewaltigt haben soll. Die Vernehmung der Staatsanwälte wirft kein gutes Licht auf die Anzeigeerstatterin May, aber auch an der Arbeit der Ankläger ergeben sich Zweifel.

Zunächst nimmt Oltrogge auf dem Zeugenstuhl Platz. Der 36-Jährige, brauner Sakko, lange lockige Haare, bleibt während seiner gesamte Aussage ruhig und gelassen, auch wenn er wiederholt scharf von Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn attackiert wird. Es geht an diesem Tag um viel für die Verteidigung, die Silvia May vorwirft, sie habe ihren Vergewaltigungsvorwurf erfunden. Denn die Staatsanwälte werden vor allem zu einer Vernehmung am 20. April 2010 befragt, bei der Silvia May gleich zwei Behauptungen zurücknehmen musste. Behauptung Nummer eins: Am 8. Februar 2010 habe sie in ihrem Briefkasten ein Kuvert gefunden. In diesem Kuvert habe sie zwei Flugtickets gefunden, ausgestellt auf Jörg Kachelmann und Viola S. Dazu ein anonymes Schreiben mit der Bemerkung: "Er schläft mit ihr". Behauptung Nummer zwei: Der Verdacht, dass Viola S. eine Nebenbuhlerin sein könnte, sei erst aufgrund dieses Briefes entstanden.

Vergewaltigungsvorwurf bleibt

Unstrittig ist, dass Silvia May Jörg Kachelmann an jenem 8. Februar auf die Tickets angesprochen hat und es dann zur Trennung gekommen ist. Wie diese Trennung aussah, ist nach wie vor unklar: Man habe sich ohne Streit getrennt, sagt Kachelmann. Er habe sie vergewaltigt, sagt May. Am 20. April wird Silvia May dann von Gattner und Oltrogge befragt. Die Ermittler vermuten mittlerweile, dass May in Bezug auf den Brief und Viola S. gelogen hat. "Ich habe in den Raum gestellt, dass sie nicht die Wahrheit gesagt hat", erinnert sich Oltrogge. "Es kam aber keine klare Antwort und ich wollte sie auch nicht lenken." May habe dann nach und nach den E-Mail-Kontakt mit Viola S. geschildert und, dass sie spätestens seit Januar 2010 vermuten musste, dass auch Viola S. mit Kachelmann liiert ist.

Damit aber nicht genug. Denn noch ist den Staatsanwälten unklar, wie und wann der Brief tatsächlich zu May gelangt ist. Die Richter fragen Oltrogge: "Haben Sie die Zeugin nochmal auf ihre Wahrheitspflicht hingewiesen?" Mehrmals habe er das getan, sagt Oltrogge: "Ich habe ihr gesagt, dass nun die Gelegenheit wäre, alles auf den Tisch zu legen." Doch Silvia May bleibt zunächst bei ihrer Version, das Kuvert erst am 8. Februar bekommen zu haben. Insgesamt viermal, so lesen die Richter aus dem Vernehmungsprotokoll vor, haben die Staatsanwälte an May appelliert, die Wahrheit zu sagen, sie komme sonst in "Teufels Küche". Vergeblich, die 37-jährige Radiomoderatorin zeigt erstaunliches Beharrungsvermögen. "Mir kam sie sehr trotzig vor in diesem Moment", erinnert sich Oltrogge. Die Staatsanwälte machen May klar, dass man ihr die Lüge womöglich nachweisen könne. May ändert ihre Aussage nicht. Dann die Wende: Nach einer Vernehmungspause packt die Frau plötzlich aus: "Die Zeugin hat uns gesagt, dass das mit dem Brief so nicht stimmt", schildert Oltrogge. "Sie sagte uns, sie habe den Brief mit den Tickets schon Monate vorher bekommen. Das Begleitschreiben habe sie selber geschrieben." Aber warum hat die Frau wochenlang gelogen und warum hat sie Kachelmann nicht schon vorher auf seine Untreue angesprochen, wollen die Staatsanwälte von Silvia May wissen. Antwort: Sie habe gefürchtet, dass ihr sonst niemand glaube. Und zu einer früheren Aussprache mit Kachelmann habe ihr der Mut gefehlt. Außerdem habe sie Kachelmann mit konkreten Hinweisen zur Wahrheit zwingen wollen.

Lüge plausibel

Die beiden Staatsanwälte wissen an diesem 20. April, dass die Hauptbelastungszeugin in einem Teilbereich dauerhaft gelogen hat, Jörg Kachelmann aber immer noch in Untersuchungshaft sitzt. Trotzdem nehmen sie Silvia May den Vergewaltigungsvorwurf an sich nach wie vor ab. May habe eine plausible Erklärung für ihre Lüge gegeben. Oltrogge: "Unser Ergebnis war dann, dass die Lügen nicht das Kerngeschehen betrifft und wir weiter von einem dringenden Tatverdacht ausgehen." Schon kurz nach dem Ende ihrer Vernehmung fragt Silvia May: "Jetzt kommt er doch bestimmt frei" und fängt an zu weinen. Antwort von Oltrogge: "So schnell geht es nicht. Es war nicht schön, was sie hier gesagt haben und alles andere wäre besser gewesen." Oberstaatsanwalt Gattner bestätigt im Zeugenstand die Äußerungen seines Kollegen Oltrogges. Man habe sich zudem schon vor Mays Vernehmung Gedanken gemacht, ob eine Entlassung Kachelmanns in Frage käme. "Wir haben aber bei den anderen Vernehmungen keine Belastungstendenzen bei der Opferzeugin festgestellt." Diese Aussage entlockt Verteidiger Schwenn ein breites Grinsen. Der Anwalt attackiert die Staatsanwälte auch wegen ihrer Medienarbeit. So hätten diese nicht angemessen auf Berichte im "Focus" reagiert, in dem wörtlich aus Akteninhalten zitiert worden sei. Die Staatsanwälte wiesen diesen Vorwurf zurück. Am Ende der Sitzung verteidigt der Vertreter von Oltrogge und Gattner auch deren Ermittlungsarbeit: "Ich halte durch den heutigen Tag den Vorwurf für widerlegt, dass die Staatsanwaltschaft nicht objektiv ermittelt hat."

Von Malte Arnsperger, Mannheim