VG-Wort Pixel

Prozess in Oslo Leid der Opfer lässt Breivik kalt


Jedes Utøya-Opfer wird im Breivik-Prozess einzeln verhandelt. Anwälte verlesen Worte der Angehörigen, bei denen selbst die Staatsanwältin weint. Nur Breivik verfolgt alles mit gleichgültiger Miene.
Von Swantje Dake

Eine lebensgroße Puppe steht im Gerichtssaal 250 des Osloer Amtsgerichts. Ohne Gesicht, ohne Haare, nur aus grauem Schaumstoff steht sie zwischen dem Zeugenstuhl und dem Tisch, an dem der Angeklagte Anders Behring Breivik sitzt. Professor Torleiv Rognum, der die Obduktionen der Massakeropfer leitete, erklärt an ihr die tödlichen Wunden der Opfer.

Der zwölfte Prozesstag war kurz, bereits nach vier Stunden beendete Richterin Wenche Elizabeth Arntzen die dritte Gerichtswoche. Es war der bislang schwerste Tag für viele Zuhörer. Denn jetzt geht es sechs Tage lang um die Toten von Utøya. 69 Menschen starben am 22. Juli durch die Kugeln von Anders Behring Breivik oder auf der Flucht vor dem Massenmörder.

Ein letzter Gruß der Eltern

Der Prozess versucht, den Opfern ein Gesicht zu geben. So wie in der Anklage jeder Tote einzeln aufgeführt wird, wird auch im laufenden Verfahren jedes Opfer detailliert verhandelt. Und es bleibt nicht bei abstrakten Obduktionsprotokollen und der formellen Gerichtssprache. "Wir vermissen dich sehr, Lejla. Aber wir werden nie aufgeben, wir werden weiter für deine Ideale kämpfen. Wir lieben dich. Grüße, Mama und Papa." Als Thomas Benestad, der Anwalt von Lejlas Eltern, deren Worte im Gerichtssaal vorliest, zittert seine Stimme. Vielen Zuhörern laufen Tränen über die Wangen. Auch Staatsanwältin Inga Bejer Engh weint. Breivik sitzt zwischen seinen Verteidigern Geir Lippestadt und Vibeke Hein Bæra, schaut auf den Tisch vor sich und zeigt keine Rührung. Auch Lejlas Eltern sitzen im Gerichtssaal. "Wir sind gekommen, um ihm zu zeigen, dass wir stärker sind als er", sagen Elfet und Bajrush Selaci der norwegischen Zeitung "Verdens Gang".

Lejla Selaci war 17, lebte in Fredrikstad und leitete die Ortsgruppe der "Arbeidernes Ungdomsfylking", kurz AUF. Ihre Eltern kamen aus dem Kosovo, sie war Muslim und repräsentierte damit das, was Breivik zerstören wollte: die multikulturelle Gesellschaft. Lejla war Breiviks siebtes Opfer. Erschossen auf dem Schotterweg zwischen Zeltplatz und Caféhaus. Ein Foto des Teenagers wird auf den Fernsehschirmen im Saal gezeigt: Lange, braune Haare fallen auf Lejlas Schultern, ein fröhliches Lachen, wache Augen strahlen den Betrachter an. Ihre letzten Worte auf ihrer Facebookseite waren: "Ich hoffe, dass alle in Oslo überlebt haben." Ihre letzten Worte auf der Insel waren: "Stopp, schieß nicht." Aber Breivik schoss. Zwei Mal in den Kopf. Rognum zeigt die Einschussstellen an der Puppe. "Aus Rücksicht auf die Hinterbliebenen werden den Prozesszuschauern keine Fotos der Opfer gezeigt", sagt Staatsanwalt Svein Holden.

Breivik zeigt sich unbeeindruckt

Aber Breivik sieht sie. Denn die Bilder liegen den Richtern, Anwälten und Verteidigern vor. Aber auch dabei zeigt er keine Rührung. Er hört Rognum interessiert zu, als dieser von der Bergung der Toten erzählt - 48 Stunden dauerte es, bis alle Leichen auf Utøya geborgen waren. Interesse weckt auch ein Foto eines Gelatineblocks bei Breivik. Mit dessen Hilfe zeigt Rognum, welche Schäden die Kugeln in den Körpern hinterließen. Tausende Metallsplitter der Kugeln hatten sich in den Körpern verteilt. Daher wurden die leblosen Körper mit einer Computertomografie geröntgt. Die meisten Opfer wurden von drei Kugeln getroffen, auf ein Opfer schoss Breivik acht Mal.

Jeder, der auf Utøya starb, wird im Prozess mit zwei, drei persönlichen Minuten gewürdigt - es war ein Wunsch der Anwälte der Hinterbliebenen. Sie wollen zeigen, aus welchen Leben Breivik seine Opfer herausriss. So lassen die Kinder von Trond Berntsen, dem Wachmann des Ferienlagers, vorlesen: "Du warst der beste Papa der Welt." Berntsen war Breiviks erstes Opfer. Der elf Wochen andauernde Prozess soll auch den Hinterbliebenen helfen, um den Verlust zu verstehen.

Auch die Hoffnung stirbt

Nicht für alle erfüllt sich dieser Wunsch. Für den Vater von Birgitte Smetbak ist der Prozess nur eine Nebensache. Er hofft auf die Kommission, die die Geschehnisse des 22. Julis klären soll; denn er glaubt, dass seine Tochter noch leben könnte, wenn die Polizei schneller eingegriffen hätte. "Die wichtigste Frage für mich ist, warum dieser Mann so viel Schaden anrichten konnte und nicht früher gestoppt wurde", sagt Birgittes Vater Jarl Robert Christensen zur norwegischen Zeitung "Aftenposten".

Birgitte starb erst um 19.40 Uhr am 22. Juli, zwei Stunden nachdem sie von Breivik auf dem Zeltplatz angeschossen wurde, mehr als eine Stunde nachdem der Attentäter festgenommen wurde. Breivik schoss die 15-Jährige auf dem Zeltplatz an. Ein Schuss ging in die Schulter, einer in den Fuß. Sie versteckte sich in einem Zelt.

Dort fand ein Polizist sie, nahm an, dass sie keine tödlichen Verletzungen habe und ließ sie ins Haupthaus bringen. Er wies Jugendliche an, auf sie aufzupassen, sie wachzuhalten und verschwand, um anderen Verletzten zu helfen. Auf dem Festland warteten zu dieser Zeit bereits Krankenwagen und Sanitäter. Sie durften Utøya noch nicht betreten, weil die Polizei glaubte, dass weitere Attentäter auf der Insel sein könnten. Der Leiter der Obduktion Rognum musste Christensen bei seinen Ausführungen vor Gericht enttäuschen. "Mit ihren Verletzungen hätte man sehr nah an einer Intensivstation sein müssen, um sie zu retten."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker