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Prozess in Osnabrück: Pirat oder bloß harmloser Friseur?

2010 wurde der deutsche Tanker "Marida Marguerite" von somalischen Piraten entführt. In Osnabrück steht jetzt ein vermeintlicher Rädelsführer vor Gericht. Der Mann aber sagt: Er sei nur ein Friseur.

Von Karin Prummer

Wie absurd die ersten Meldungen zu diesem Fall doch klangen: "Somalischer Pirat beantragt in Deutschland Asyl", schrieben die Presseagenturen im Mai vergangenen Jahres. Und in Niedersachsen konnten es die Ermittler des Landeskriminalamts selbst nicht so ganz fassen. War ihnen wirklich ein Pirat in die Arme gelaufen? Einfach so? Als Flüchtling eingewandert in das Land, das ihn und seine Komplizen seit Jahren rund um den Globus jagt?

Sicher schien in den folgenden Monaten nur das: Ein Somalier hatte Ende April in München Asyl beantragt und angegeben, er sei vor Hunger und Terror in seiner Heimat geflohen. Seine Fingerabdrücke wurden routinemäßig mit der zentralen Datenbank des Bundeskriminalamts abgeglichen. Und es zeigte sich: Diese Abdrücke hatten niedersächsische Ermittler neben 100 anderen an Bord des deutschen Chemikalientankers "Marida Marguerite" gesichert. Ende 2010 war das, als das Schiff nach acht Monaten in Piratenhand wieder frei gekommen war.

Die Ermittler nahmen den Somalier fest. Aber war er wirklich ein Pirat? Nach acht Monaten Ermittlungsarbeit lautet die Antwort der Staatsanwaltschaft: Ja.

Reederei zahlte fünf Millionen Dollar

Er sei nicht nur Mitglied einer somalischen Piratenbande, sondern auch ein "Investor", einer jener Männer also, die die Entführung der "Marida Marguerite" vorfinanziert, die Geld für Boote, Waffen und Personal bereitgestellt hatten. Während der Entführung sei er oft als Wachmann mit einer Maschinenpistole an Bord gewesen und habe Kommandos gegeben.

Es sieht also so aus, als sei den Ermittlern sogar ein Top-Pirat in die Arme gelaufen, ein Protagonist der brutalsten und längsten Geiselnahmen eines deutschen Schiffs. Der Prozess beginnt am Dienstag vor dem Landgericht Osnabrück. Er ist Deutschlands zweiter Piratenprozess der Moderne. 2012 wurden in Hamburg bereits zehn Somalier verurteilt, die in einem anderen Fall auf frischer Tat ertappt worden waren. Wenn das Osnabrücker Gericht der Version der Staatsanwaltschaft folgt, drohen dem 44-jährigen Somalier bis zu 15 Jahre Haft.

Die Piratenbande hatte den Tanker der niedersächsischen Reederei OMCI im Mai 2010 gekapert und acht lange Monate in ihrer Gewalt. Sie hatten die Seeleute geschlagen, gefesselt, sie bei minus 17 Grad in die Kühlkammer des Schiffes gesperrt. Sie hatten manche Crewmitglieder zum Schein hingerichtet, damit die anderen denken, sie seien tot – alles, um den Preis bei der Reederei hochzutreiben. Am Ende erpressten sie fünf Millionen US-Dollar.

Wie kamen die Fingerabdrücke auf die Lösegeld-Kladde?

Mehr als 100 verschiedene Fingerabdrücke sicherten die niedersächsischen Ermittler nach der Freilassung an Bord des Schiffs. So viele Menschen müssen mit dem 44-jährigen Somalier während der Entführung auf dem Schiff gewesen sein.

Als der stern den Mann im Spätsommer in der Untersuchungshaft in Oldenburg besuchte, erzählte er, er sei nur der Friseur der Piraten gewesen und habe manchmal für sie gekocht. Gegen Ende der Entführung habe ihm einer der Oberpiraten die Aufteilung des Lösegelds diktiert. Er habe die Namen und Summen in ein Buch schreiben müssen. Deshalb seien an dieser Kladde seine Fingerabdrücke gefunden worden.

An der somalischen Küste hatte sich vor dem Ankerplatz des entführten Schiffs ein Hüttendorf gebildet, in dem tausende Somalier den Piraten ihre Hilfsdienste anboten. Er sei einer dieser Nomaden gewesen, die auf der Suche nach Geld zum Überleben dorthin gezogen seien, sagte der Somalier. Denn es sei bekannt, dass die reichen Piraten viele Bedürfnisse hätten. "Wenn ich ein echter Pirat wäre, wäre ich nicht nach Deutschland gekommen, ich bin nicht dumm", sagte er. Und er bleibt bis heute bei seiner Version.

Abghörte Anrufe belasten den Angeklagten

Die Ermittler haben Zeugen rund um die Welt befragt: ehemalige Besatzungsmitglieder der "Marida Marguerite", somalische Bekannte des Verdächtigen und in den USA inhaftierte Piraten. Vor allem zwei Crewmitglieder belasten den Somalier schwer. Sie erkannten in ihm einen der Wachmänner an Bord, er habe die Maschinenpistole immer im Anschlag getragen. Er habe den anderen Piraten Anweisungen gegeben, sie hätten gehorcht. Und er sei auch bei der Aufteilung des Lösegelds dabei gewesen.

"Es steht in keiner Weise fest, wer mein Mandant ist", sagt Jens Meggers, der Pflichtverteidiger des Somaliers. Er verweist darauf, dass die Aussagen der Besatzung doch sehr unterschiedlich seien, sie reichten vom kleinen Gehilfen bis zum Großinvestoren.

Aber da sind auch noch die Telefonate, die der Somalier aus der Untersuchungshaft mit seiner Frau in der Heimat führte – und die die Ermittler abhörten. Einmal zum Beispiel beauftragte er seine Frau: Sie solle alle, alle Daten und aufgezeichneten Nachrichten von einem bestimmten Gerät löschen, über das sie vorher schon gesprochen hätten. Das klingt eindeutig nicht so, als meine er nur die Rechnungen für die letzten Piraten-Haarschnitte.