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Prozess in Potsdam: Der Kindesentführer aus der Gartenlaube

Er war Jurist, Familienvater und erfolgloser Unternehmer. Er hatte 36.000 Euro Schulden - und wurde deswegen zum Kindesentführer. Jetzt steht Carsten W. vor Gericht.

Von Uta Eisenhardt, Potsdam

Der Vorsitzende Richter versteht es nicht: "Sie haben das Ganze nur wegen 36.000 Euro Schulden gemacht? Da gibt es das Insolvenzrecht. Sie haben doch Jura studiert, haben das erste Staatsexamen. Da wird Strafrecht geprüft, da werden Fälle besprochen."

Objektiv hat der Richter recht. Doch im Kopf von Carsten W. regierte nicht die Vernunft, an jenem Februartag, an dem er die vierjährige Antonia (Name von der Redaktion geändert) aus dem brandenburgischen Kleinmachnow über 13 Stunden lang entführte, um für ihre Freilassung 60.000 Euro zu kassieren.

Vor dem Landgericht Potsdam steht ein großer Mann mit Bauch und Brille. Sogar von der Anklagebank strahlt er Gemütlichkeit aus. Ja, er möchte eine Erklärung abgeben, sagt der 45-Jährige dem Richter. Er kann gut reden, das merkt man schon nach wenigen Sätzen. "Es ist richtig, ich habe am 10. Februar Antonia K. entführt. Ich möchte ausführen, in welcher Situation ich mich befand."

Er habe zwei Läden in Berlin-Zehlendorf betrieben, einen Tierfutterhandel und eine Confiserie, das ist ein Gebäck-Laden. Die Geschäfte liefen schlecht, doch habe er insbesondere für die Confiserie auf das Weihnachtsgeschäft gehofft. Nachdem er aber seine Zahlen ausgewertet hatte, musste er sich eingestehen: "Ich habe keine Chance, aus den Schulden heraus zu kommen." Er sei in eine Krise gerutscht. "Ich wusste mir nicht zu helfen. Leider habe ich mir auch keine Hilfe von außen gesucht."

Wohnsitz in der Gartenlaube

Er habe sich um seine Läden und um seine drei Kinder gekümmert, die er in der Wohnung seiner geschiedenen Frau betreute - und ansonsten "in den Tag hinein gelebt". Erfolgreich war das nicht: An einem Freitag im Februar kam der Gerichtsvollzieher.

Carsten W. war nicht nur mittellos. Seitdem er Mitte Januar aus der Wohnung seiner Freundin ausgezogen war, hatte er auch kein Dach mehr über dem Kopf. In einer Gartenlaube fand er einen Unterschlupf, einen Kilometer von den neu gebauten Häusern der gutsituierten Kleinmachnower Familien entfernt. Der Ort ist beliebt bei Berlinern, die der Hektik der Großstadt entfliehen wollen und das nötige Geld dafür haben. Wie Familie K. Mutter und Vater fuhren große Autos. Morgens verließen sie ihr Haus, offensichtlich hatten sie Arbeit. Und sie hatten ein kleines Kind. Eines, das man "nicht bändigen muss", wenn man es entführt.

Auf der Suche nach "dem schnellen Geld" war das "ein Plan, den ich Schritt für Schritt verfolgt habe", sagt der Angeklagte. In der Nähe von Fürstenwalde fand er eine Stelle, die ihm für die Geldübergabe geeignet erschien: Eine kleine Straße mit einer Autobahnbrücke, von der das Geld herunter geworfen werden sollte.

Forderung: 60.000 Euro

Er besorgte Essen für sich und Antonia, außerdem noch Gartenhandschuhe und Sturmhaube. Die "Tatwaffe", eine Gartensichel, entdeckte W. in einer Kiste in der Laube. Sein Erpresserschreiben druckte er in der Confiserie: "Keine Polizei, keine Presse, keine GPS-Sender" forderte er darin. Das Kind käme frei, nachdem "wir" das Geforderte erhalten hätten: 60.000 Euro in zwei Plastiktüten, die in eine Reisetasche gelegt werden sollten. "Gegen 18.45 Uhr melden wir uns wieder", schrieb er und mahnte, die Eltern sollten "ans Kind denken".

Dann mietete W. ein Auto, dessen Nummernschild er präparieren wollte. "Es sollte exotisch sein, eines, dass man sich nicht sofort merken kann." Er entschied sich für die Kennzeichen eines tschechischen Diplomatenfahrzeugs. Als er diese des nächstens abschraubte, habe er Angst vor der eigenen Courage bekommen: "Ich hatte das erste Mal etwas Verbotenes getan."

Am Donnerstag näherte er sich also dem Haus der Familie K. 150 Meter davor stellte er seinen Wagen ab. Kurz vor acht Uhr wollte Jeannette K. ihre Tochter in den Kindergarten bringen. Antonia schritt gerade die Stufen vor dem Haus hinunter, ihre Mutter stellte einen Korb in den Kofferraum ihres Autos. Da schnappte sich der maskierte und bewaffnete Mann das Kind und nahm es auf den Arm. "Was tun Sie da", habe die überraschte Mutter gefragt. W. antwortete: "Ich entführe Ihre Tochter."

Er lernte ihre Freundinnen kennen

Er habe Jeannett K. ins Haus geschickt. Dort sollte sie sich für einige Minuten auf den Boden legen. Eine Nachbarin und zufällige Zeugin drohte ihm, sie werde die Polizei rufen. "Ich sagte ihr: 'Reden Sie erst mit der Mutter darüber!'" Dann verschwand er mit Antonia, immer auf kleinen Straßen, immer Richtung Süden, weg von Berlin und Potsdam.

Er sei gut mit dem Kind zurecht gekommen, sagt Carsten W. Nach der ersten Ampel habe er seine Sturmhaube abgelegt und versucht, das weinende Kind zu beruhigen. Das sei ihm schnell gelungen: Im Gespräch "lernte ich also ihre Freundinnen kennen", sagt der Angeklagte. Er habe ihr seinen Computer gegeben, auf dem er Kinderbücher und –spiele für seine eigenen Kinder gespeichert hatte. Er fuhr mit ihr an einen See, auf dessen Eisfläche sie Steine und Stöckchen warfen. Er spielte mit ihr Verstecken. Sie beobachteten Schwäne. Sie aßen Würstchen und Brot. "Wir hatten was zu tun." Am Abend, das habe er ihr versprochen, werde sie wieder zu Hause sein.

Als Antonia ihren Mittagsschlaf hielt, bemerkte er einen tief fliegenden Hubschrauber. Ab diesem Zeitpunkt habe er das Gefühl gehabt, beobachtet zu werden. "Ich fühlte mich sehr unwohl." Doch sei er immer wieder "in das Muster verfallen: Es geht gut!"

Verhaftung vor der Gartenlaube

Von einer Telefonzelle und einem Internetcafé dirigierte er Antonias Mutter zur Lösegeld-Abwurfstelle. Mit der Tochter wollte er sie nicht sprechen lassen. Er befürchtete, ein weinendes Kind könne seinen Plan gefährden. Kurz vor der Geldübergabe sei ihm plötzlich aufgefallen, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft der favorisierten Autobahnbrücke eine weitere befand. Panisch pendelte er zwischen beiden Möglichkeiten hin und her, bis endlich das Geld - auf der richtigen Straße - lag.

Eigentlich habe er Antonia nun in der Nähe der Telefonzelle absetzen wollen. "Aber sie erschien mir zu klein, zu müde." Er habe es nicht übers Herz gebracht. Also weckte er sie und fragte, ob sie ihm die Häuser in ihrer Nachbarschaft beschreiben könne. Ob er sie 50 Meter vor ihrem Haus absetzen könne? "Na, klar, schaffe ich das", habe ihm das Mädchen versichert. Der Entführer selbst parkte dann vor seinem Lauben-Unterschlupf. Sein Pech: Hier schlug die Polizei zu und verhaftete ihn.

Er habe damals jedenfalls die Hoffnung gehegt, "dass ich mit Antonia so auskomme, dass sie sich möglichst wenig an die Entführung erinnert". Am kommenden Mittwoch will sich das Gericht von Jeannett K. unterrichten lassen, ob das geklappt hat. Doch auch für W.'s eigene Kinder, sieben bis neun Jahre alt, birgt die Tat traumatisches Potential. Sein Mandant telefoniere und schreibe sich mit ihnen, sagt sein Verteidiger. Einen Gefängnisbesuch aber lehnt seine Ex-Frau bislang ab.

Immerhin, auch das sagt der Verteidiger, hat Carsten W. inzwischen Privat-Insolvenz angemeldet.