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Prozess in Rostock: Eine Frau kämpft um ihre Eizellen

Ines und Sandro S. wollten ein Kind. Doch dann starb Sandro S. Was blieb, waren eingefrorene, befruchtete Eizellen. Die will Ines S. jetzt haben. Die Klinik lehnt das ab. Ein Gericht muss entscheiden.

Von Manuela Pfohl

Es ist der Traum vom großen Glück: Im September 2001 lernt die junge Ines auf einer Familienhochzeit Sandro kennen. Liebe auf den ersten Blick. "Wir wussten gleich, wir gehören zusammen", sagt die heute 29-Jährige. Als sie vier Jahre später, am 7. Mai 2004 heiraten, sägt das Hochzeitspaar einen dicken Holzstamm durch. Das bringt Glück, glauben die beiden und ahnen nicht, dass es nur bis 2008 halten wird. Anfang Juli 2008 stirbt Sandro S. bei einem Motorradunfall. Für Ines bricht eine Welt zusammen.

In einem Prozess am Rostocker Oberlandesgericht wird am Freitag darüber verhandelt, ob die junge Witwe auch nach dem Tod ihres Mannes von ihm schwanger werden darf - mit künstlich befruchteten Eizellen, die eine Neubrandenburger Klinik zwei Monate vor Sandros Tod einfrieren ließ. Ein Präzendenzfall mit langer Vorgeschichte.

Sie haben alles versucht und viel Geld dafür bezahlt

Bis zu Sandros Tod hatte das Paar unzählige Male und schließlich auch mit künstlicher Befruchtung versucht, das gemeinsame Wunschkind zu bekommen. Rund 10.000 Euro hatten die Büroangestellte und der Handwerker für die aufwendigen Behandlungen aufbringen müssen. "Wir haben dafür auf unsere Hochzeitsreise verzichtet und zum großen Teil auch auf unsere Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke", erzählt Ines S., die nun allein in einer mecklenburg-vorpommerschen Kleinstadt bei Neubrandenburg lebt.

"Vielleicht zwei Wochen nach dem Tod meines Mannes musste ich plötzlich daran denken, dass in der Klinik, in der wir wegen unseres Kinderwunsches betreut wurden, noch neun bereits befruchtete und eingefrorene Eizellen lagen." Die Witwe wendet sich sofort an das Krankenhaus. Denn sie hat Angst, dass die Zellen nun vernichtet würden. Sie will das einzige, was ihr von ihrem Mann geblieben ist, retten. Sie will ein Kind.

Was ist richtig, was ist falsch?

Doch dann der Schock. Die Klinik teilt ihr mit, dass sie die Eizellen nicht an sie herausgeben wird. Laut Embryonenschutzgesetz sei eine Nutzung der Zellen nach dem Tod des Mannes verboten. Ines S. will das nicht glauben. Telefoniert unter anderem mit dem Gesundheitsministerium und stellt fest, dass ihr "niemand genau sagen konnte, was richtig und was falsch ist".

Sie nimmt sich eine Anwältin, klagt, verliert den Prozess und geht in die nächste Instanz. Jetzt muss das Oberlandesgericht Rostock darüber entscheiden, wem das Leben nach dem Tod gehört. Eine schwierige Frage. Das weiß auch Ines S. und dennoch: "Ich werde gewinnen" sagt sie selbstbewusst.

Der Experte für Fortpflanzungsmedizin und Leiter der Frauenklinik Lübeck, Klaus Diedrich, räumt der Klage keine großen Erfolgschancen ein. "In diesem Fall befindet sich die Zelle im sogenannten Vorkernstadium, die Befruchtung ist noch nicht abgeschlossen", erklärt der Mediziner und verweist darauf, dass das deutsche Embryonenschutzgesetz verbiete, dass jemand "wissentlich eine Eizelle mit dem Samen eines Verstorbenen befruchtet".

Ines S. will kämpfen

Ines S. versteht das nicht. Schließlich könnte es doch nur im Interesse ihres Mannes sein, wenn all die Strapazen, die mit den jahrelangen künstlichen Befruchtungsversuchen einher gingen, endlich zu einem Erfolg führen. Ines S. will darum kämpfen und es ist kein einsamer stiller Kampf. Sie nutzt die Medien, um die Öffentlichkeit für ihren Fall zu sensibilisieren. Denn ein Einzelfall sei sie nicht, meint die junge Frau. "Eine ähnliche Problematik gibt es bei jungen Soldaten, die sich vor ihrem Auslandseinsatz ebenfalls zusammen mit ihren Partnerinnen Samen und Eizellen einfrieren lassen." Ein mögliches Konfliktpotential, das selbst die Richter am Landgericht in Neubrandenburg sahen.

In dem ungewöhnlichen Prozess, der am Freitag am Rostocker Oberlandesgericht mit einem Urteil enden soll, geht es im Wesentlichen um die Frage, ob Eizellen, die während der Phase der Befruchtung, aber noch vor der Zellteilung eingefroren werden, schon als befruchtet gelten oder eben nicht. Die Klinik und das Neubrandenburger Landgericht sind der Meinung, dass "die kryokonservierten Eizellen im Vorkernstadium noch nicht als befruchtet zu betrachten" sind.

Eine Lücke im Gesetz?

Stimmt das, dann würden sich die Ärzte, die Ines S. die Eizellen einsetzen, nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz strafbar machen und müssten mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren rechnen.

Silke Mettner, die als Anwältin die Interessen von Ines S. vor Gericht vertritt, ist allerdings der Überzeugung, dass es sich um "imprägnierte Eizellen handelt, die zwar nicht fertig befruchtet, aber eben auch nicht mehr unbefruchtet sind". Spannend ist, dass das Embryonenschutzgesetz, mit dem die Klinik die Herausgabe der Zellen ablehnt, keine konkreten Aussagen macht, wann von einer vollendeten Befruchtung auszugehen ist. Für Silke Mettner ist das möglicherweise eine Lücke im Gesetz. Und für Ines S. ist es die Hoffnung, dass das Oberlandesgericht zu ihren Gunsten entscheidet und sich vielleicht doch noch ihr größter Wunsch erfüllt.

Eine kleine Chance

Dass sie allerdings nicht nur Zustimmung für ihren Kampf bekommt, zeigt sich an den Einträgen im "Gästebuch", das sie auf ihrer Homepage unter www.kiwu-witwe.de eingerichtet hat. Dort heißt es unter anderem: "(…)Die menschliche Natur ist darauf ausgerichtet, als Kind von Mutter und Vater großgezogen zu werden, von beiden leben und lieben zu lernen. Es ist nicht fair, aus eigennützigen Motiven einem Kind die Vaterlosigkeit von vorneherein absichtlich zuzumuten. (…)."

Ines S. ärgern solche Zuschriften. "Ich bin nicht egoistisch. Ich möchte nur alles dafür tun, dass Wirklichkeit wird, was Sandro und ich uns so sehr gewünscht haben." Ein juristischer Erfolg wäre Voraussetzung, aber keine Garantie nun endlich Mutter werden zu können. Sie weiß: "Die Chance, dass ich nach einer Befruchtung mit den aufgetauten Eizellen schwanger werde, liegt bei ungefähr 20 Prozent."

P.S.: Wie ist Ihre Meinung? Hat Ines S. ein Recht auf die Eizellen? Diskutieren Sie mit auf der Facebook-Seite von stern.de.

  • Manuela Pfohl