Prozess in Siegburg Tod nach stundenlanger Folter


Die grausame Folter dauerte elf lange Stunden, erst nach diesem Martyrium starb Hermann H. Die drei Mithäftlinge, die für den Tod des 20-Jährigen in der JVA Siegburg verantwortlich sind, stehen nun vor Gericht.

Knapp neun Monate nach dem Foltertod eines jungen Häftlings im Jugendgefängnis Siegburg beginnt nun der Prozess gegen die drei jugendlichen Zellengenossen des Opfers. (stern.de wird über das Verfahren berichten.) Die Anklage wirft ihnen vor, den 20-Jährigen auf grausame Weise, aus Mordlust, aus niedrigen Beweggründen sowie zur Verdeckung von Straftaten getötet zu haben. Das Martyrium des jungen Mannes zog sich von den Aufsehern unbemerkt fast elf Stunden lang hin, bis ihn seine Mithäftlinge gegen 23.00 Uhr im Bad der Zelle aufhängten, so die Anklageschrift. Zur Tatzeit waren die Beschuldigten 17, 19 und 20 Jahre alt. Sie müssen sich vor dem Landgericht Bonn verantworten.

Schläge und Vergewaltigung

Die Staatsanwaltschaft hat das Geschehen an jenem 11. November 2006 in der Zelle der JVA Siegburg anhand der Aussagen der drei Angeklagten sowie der Ermittlungen von Spurensicherung und Medizinern rekonstruiert. Demnach begannen die Misshandlungen nach dem Mittagessen. Einer der Täter soll ein Stück Seife in ein Handtuch gewickelt und begonnen haben, auf das auf dem Bett liegende Opfer einzuschlagen. Die beiden anderen seien dem Beispiel gefolgt. Später musste das Opfer laut Anklage eine Mischung aus Wasser, Salz und einem scharfen Pulver trinken und eine Tube Zahnpasta zu sich nehmen. Die Gewalt ging weiter bis zu sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung mit einem Handfegerstiel, hieß es weiter.

Nachmittags diskutierten die drei Täter dann laut Anklage darüber, ob sie den jungen Mann töten sollten. Dabei wurden den Angaben zufolge Argumente vorgebracht wie, dass die Männer im Knast zu viert mehr einkaufen könnten als zu dritt, aber auch, dass sie für Mord härter bestraft würden als für Körperverletzung. Anderseits hätten sie drauf gebaut, dass ein Toter "nicht mehr erzählen" könne.

Tat als Selbstmord tarnen

Schließlich hätten sie sich entschlossen, den 20-Jährigen zu erhängen und die Tat als Selbstmord zu kaschieren. Die ersten vier Versuche scheiterten, weil die aus Drähten geknüpften Schlingen rissen. Schließlich verwendeten die Täter Bettlakenstreifen. Das Opfer musste sich laut Anklage auf einen Eimer stellen und ihn wegtreten. Durch Schläge sollen sie den jungen Mann wieder zu Bewusstsein gebracht und ihn nach seinen Empfindungen angesichts des nahen Todes gefragt haben. Sie ließen ihn den Angaben zufolge noch eine Zigarette rauchen und erhängten ihn schließlich.

Zwei Mal waren im Verlauf des Samstags Vollzugsbeamte in die Zelle gekommen. In beiden Fällen lag das Opfer nach Angaben der Staatsanwaltschaft auf dem Bett. Einmal hatte der junge Mann selbst den Notruf gedrückt, doch einer der Täter erklärte über die Anlage, sie hätten sich "verdrückt". Die Staatsanwaltschaft ermittelte in dieser Sache zunächst gegen JVA-Mitarbeiter, doch inzwischen ist das Verfahren eingestellt. Strafrechtliche Vorwürfe seien nicht gegeben, sagte Oberstaatsanwalt Fred Apostel.

Weitreichende Folgen sollte das Geschehen für den Jugendstrafvollzug im Land haben. Die unter heftigen politischen Druck geratene Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) kündigte eine Gesetznovelle an, in der ein Rechtsanspruch auf Einzelunterbringung für junge Straftäter im geschlossenen Vollzug festgeschrieben werden soll. Das Papier hat mittlerweile die Kabinettshürde genommen und soll Anfang nächsten Jahres in Kraft treten. Es sieht zudem vor, eine gemeinschaftliche Unterbringung nur in Ausnahmefällen und nach sorgfältiger Prüfung zuzulassen.

Die Haftanstalt Siegburg wurde unter neue Leitung gestellt. Eine von Müller-Piepenkötter berufene Expertenkommission bewertete die Situation in den Jugendstrafanstalten des Landes in einem ersten Bericht als mangelhaft und forderte Verbesserungen. Als erste Konsequenz wird erstmals seit 30 Jahren ein neues Jugendgefängnis gebaut. Wenn das Haus in Wuppertal mit 500 Plätzen im Jahr 2009 bezugsfertig sein wird, soll der Jugendvollzug in Siegburg völlig eingestellt werden. Bis dahin werden Jugend- und Erwachsenenvollzug dort strikt getrennt.

DPA DPA

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