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Prozess: Kanaldeckel auf Auto geworfen

Der "Brückenteufel" von Oldenburg hat bundesweit für Entsetzen gesorgt. Doch der Fall ist bei weitem nicht der einzige: Ein 20-Jähriger steht in Rottweil vor Gericht, weil einen 36 Kilo schweren Kanaldeckel auf ein Auto geworfen hat. Nun ist das Urteil gegen den Mann gesprochen worden.

Von Jörg Isert

So sieht also ein Mensch aus, der unglaubliches Glück gehabt hat. Braune, zurück gegelte Haare. Gekleidet in ein schwarzes Sweatshirt, schwarze Jeans, schwarze Stiefel. Ziemlich stämmig. Stefan A. sitzt in Saal 201 des Rottweiler Landgerichts. Der junge Mann aus Nagold, einer kleinen Stadt am Rande des Schwarzwaldes, sitzt auf der Anklagebank. Wegen versuchten Mordes, Sachbeschädigung in vier Fällen, einem gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr. Und mehr.

Am 23. Oktober stieß der Zwanzigjährige einen Kanaldeckel von einer Brückenbrüstung. Die Brücke war siebeneinhalb Meter hoch, der Deckel viele Kilos schwer, und das Auto, das sich unten näherte, war etwa 50 Stundenkilometer schnell.

Glück gehabt

Eine halbe Sekunde später an jenem Herbsttag, und der Kanaldeckel wäre nicht durch die Motorhaube des Autos gekracht - sondern durch die Frontscheibe. Stefan A. wäre nicht wegen versuchten Mordes angeklagt - sondern wegen Mordes. Er hätte einen Mann getötet.

Stefan A. ist sich seines Glücks nicht bewusst an diesem Tag vor Gericht. Wie denn auch? Seit fünf Monaten sitzt er in Haft. Zunächst in Stammheim, jetzt in der Justizvollzugsanstalt Rottweil, genauer in der Außenstelle Oberndorf, in der jungen Untersuchungsgefangenen Schulunterricht angeboten wird.

Der Zwanzigjährige ist ein Einzelkind. Er stammt, so viel wird vor Gericht klar, aus geordneten Verhältnissen. Der Vater ist Arbeiter, die Mutter ist in der Krankenhausküche in Nagold beschäftigt. Irgendwelche Brüche im Leben von Stefan A? Er hat die Hauptschule besucht. Kurz ist er auf die Realschule gewechselt, danach zurück auf die Hauptschule. Der Grund: Zwei Fünfer im Zeugnis. Kurz hatte er Kontakt zur rechtsradikalen Szene. Und vor zwei Jahren bestand der Kochlehrling seine Abschlussprüfung nicht.

Die reine Aggressivität

Zwischen April und Oktober trampelte Stefan A. auf den Dächern von mehreren Autos herum, mit Springerstiefeln. Zurück blieben nicht nur Dellen, das Dach eines Wagens wurde richtiggehend eingedrückt. Ein anderes Mal trat er einen Außenspiegel ab. Es waren brachiale Taten, die reine Aggressivität.

Am 23. Oktober war Stefan A. mit einem Kumpel in der Nagolder Kneipe "Bierakademie". Er trank. Er trank sowieso recht viel Alkohol. Um etwa halb zwei machte er sich auf den Heimweg. Der führte ihn direkt an der Bundesstraße 28 entlang - "das habe ich immer so gehandhabt." Über eine Brücke der B 28, auf der wegen Sanierungsarbeiten Baugerät stand.

Was dann geschah, schildert Stefan A. so: Er habe einen Schachtdeckel genommen, ihn auf der Brüstung abgesetzt und hinunter gestoßen. "Ich habe einen Knall gehört und bin weg gelaufen." Nach 20 Minuten sei er noch einmal zurückgekehrt - "um zu sehen, was so'n Knall gemacht hat". Jedoch: "Da war nix." Und, Stefan A. sagt es immer wieder: "Ich habe nichts dabei gedacht." Der Vorsitzende Richter - "Ihre Einlassung ist ein bisschen wenig" - mag etwas ungeduldig sein. Aber der 64-Jährige ist erfahren, fast schon altersweise. Am Ende hat er Stefan A. so weit, dass er zugibt: "Ich habe damit gerechnet, dass ich einen PKW treffen könnte und dass da ein Sachschaden entstehen könnte." Dass der Fahrer die Kontrolle über sein Auto verlieren könne, fragt der Richter, soweit habe er nicht gedacht? Stefan A. meint: "Ich hatte nie vor, jemanden zu töten."

Ich hab Scheiße gebaut

Aber wer soll das glauben? Stefan A. stemmte einen Schachtdeckel aus der Fahrbahn, der 36,5 Kilogramm wog. Diesen schweren Deckel, aus Beton und Gusseisen, schleppte er mehr als 13 Meter weit. Er stellte ihn auf der Brückenbrüstung ab und wartete, bis ein Opel Astra heran nahte. Dann stieß er sein potentielles Mordinstrument herunter. Der Deckel durchschlug die Motorhaube und drang bis zum Motorblock vor. Kurz darauf schrieb Stefan S. seinem Kumpel, mit dem er in der "Bierakademie" war, eine SMS: "Ich habe Scheiße gebaut."

Vor Gericht sagt Stefan A. über die Tatwaffe: "Das Ding war eigentlich relativ leicht. Ich hätte nicht gedacht, dass das 36 Kilo wiegt." Und er sagt noch einmal: "Ich habe keine Sekunde daran gedacht, dass ich einen Menschen töten könnte." Davon allerdings geht die Staatsanwältin aus: Der Zwanzigjährige habe versucht, einen Menschen zu töten. Heimtückisch.

Immer wieder gerät Stefan A. bei der Frage nach dem Warum in Erklärungsnöte. Der Richter sagt, "es war die Lust am Zerstören, die Freude daran, andere zu schädigen, was denn sonst?"

In Tränen ausgebrochen

Stefan A. steht vor der Jugendkammer des Landgerichts. Er gilt als Heranwachsender, also als Person, die das 18. Lebensjahr bereits vollendet hat, aber noch nicht 21 ist. Getrunken hat er am 23. Oktober allerdings wie ein Erwachsener: Er hatte fünf halbe Liter Bier intus. Dazu noch etwa zehn "Jacky-Cola", eine hochprozentige Mischung aus Whisky und koffeinhaltiger Limo. Auf Polizisten wirkte er aber nicht betrunken. Aber macht ihn das zurechnungsfähig?

Stefan A. wird gerade erst bewusst, was er getan hat: Nach dem Anschlag von Oldenburg kam er auf seine Anwältin zu, erschrocken über das, was er hätte anrichten können. Er brach in Tränen aus. Seine Rechtsanwältin erzählt das dem Richter, weil er selbst es nicht kann. Er versucht es. Aber er atmet nur heftiger.

Er muss nun für fünf Jahre ins Gefängnis. Das Landgericht verurteilte ihn wegen versuchten Mordes zu einer Jugendstrafe. Aber der 20-Jährige, dessen Eltern zu ihm stehen, hat unglaubliches Glück gehabt. Er hat kein Menschenleben auf dem Gewissen.