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Prozess nach Überfall auf Zeugen Jehovas: Opa wollte Rambo spielen - Technik versagte

Mit einer Maschinenpistole bewaffnet wollte ein 82-Jähriger im vergangenen Jahr einen Gottesdienst der Zeugen Jehovas in Bielefeld stürmen. Am Montag beginnt der Prozess gegen ihn. Wegen versuchten 81-fachen Mordes.

Von Manuela Pfohl

Der ältere Herr hätte ein verspäteter Gottesdienstbesucher sein können. Einer, der seinen silbergrauen Opel Astra einparkt, erst auf die Uhr schaut und dann auf den Königreichssaal der Zeugen Jehovas in Bielefeld zusteuert, der keine 50 Meter entfernt ist. Einer, der merkt, dass er etwas spät dran ist. Denn der Gottesdienst hat längst angefangen. Es ist kurz vor 21 Uhr am 30. Juli 2009.

Doch Horst A. ist kein Zeuge Jehovas. Er ist 82 Jahre alt und kurz davor, ein Verbrechen zu begehen. Er öffnet die Heckklappe seines Wagens, holt eine Maschinenpistole vom Typ Skorpion VZ61 aus dem Kofferraum, zieht sich eine Maske übers Gesicht und geht direkt auf den Gemeindesaal zu. Er öffnet die schwere Holztür - und wenn nicht mehrere glückliche Umstände gleichzeitig es verhindert hätten, dann hätte es Minuten später ein Blutbad gegeben und der Mann stünde jetzt wegen Mordes vor Gericht.

Ein unbescholtener Mann plant ein Massaker

Der Rentner aus dem westfälischen Halle habe offenbar die Absicht gehabt, möglichst viele der insgesamt 81 Personen im Königreichssaal heimtückisch zu erschießen, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Bielefeld, Reinhard Baumgart. Hintergrund für die geplante Tat seien Rachegedanken gegen die Religionsgemeinschaft gewesen. Am Montag beginnt am Bielefelder Landgericht der Prozess gegen Horst A. Er soll klären, wie es geschehen kann, dass ein ansonsten unbescholtener Mann ein solches Massaker plant und wie die Justiz damit umgehen soll. Keine leichte Aufgabe.

Als die Polizei kurz nach dem verhinderten Anschlag am Königreichssaal eintrifft, sitzt Horst A. apathisch zwischen zwei Gemeindeangehörigen und sagt kein Wort zu dem, was die Männer den Beamten erzählen. Demnach hatte ein Ordnungsdienst, der im Vorraum des Gemeindesaals stand, den bewaffneten Eindringling durch die geöffnete Tür bemerkt und rechtzeitig alle Gottesdienstbesucher warnen können. Während die Menschen zum Notausgang liefen, versuchte Horst A. offenbar die Maschinenpistole in Gang zu setzen, was ihm - nach Polizeierkenntnissen - wohl wegen eines technischen Defektes misslang. Als er sich umwandte und im Begriff war, wieder zu seinem Auto zu gehen, konnten zwei Gemeindemitglieder ihn überwältigen.

Ein Waffenarsenal im Kofferraum

Die Beamten, die wenig später seinen Wagen inspizieren, staunen nicht schlecht. Horst A. hat nicht nur die Maschinenpistole und drei gefüllte Magazine dabei, sondern auch ein Klappmesser, ein Jagdmesser, einen Totschläger und ein sogenanntes Samuraischwert.

Ein mögliches Motiv für den Rachefeldzug finden die Ermittler, als sie bei der völlig überraschten Ehefrau klingeln und zwecks Hausdurchsuchung um Einlass bitten. Laut Staatsanwaltschaft befanden sich in den persönlichen Unterlagen Aufzeichnungen, "wonach er beabsichtigte, in die Menge zu schießen". Horst A. habe die Zeugen Jehovas für eine "seit Jahrzehnten andauernde Entfremdung zwischen ihm und seiner Tochter verantwortlich gemacht und zudem deren Bibelauslegung zutiefst missbilligt". Die Bielefelder Gemeinde habe allerdings keinen direkten Bezug zur Tochter des Angeklagten, die sich vor Jahrzehnten der Gemeinschaft angeschlossen hat. Die Ermittler vermuten, dass Horst A. sich die Gruppe mehr oder weniger wahllos aussuchte.

Ein psychiatrisches Gutachten, das nach der Festnahme im Auftrag der Ankläger angefertigt wird, ergibt, dass Horst A., der seit dem Tag des verhinderten Überfalls in Untersuchungshaft sitzt, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist. Damit ist er auch voll schuldfähig und muss mit einer jahrelangen Haft rechnen. Das Urteil der Bielefelder Gemeinde der Zeugen Jehovas und dessen Ältesten, Matthias Tews, ist schon jetzt klar: "Die Liebe zu Gott hilft uns, nicht zu hassen und nicht zu verdammen."