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Prozess: Tödliches Ende einer Wettsauferei

Der Tod des Schülers Lukas W. nach 44 Schnäpsen hatte eine bundesweite Debatte über saufende Teenager angestoßen. Nun wurden zwei der jungen Männer verurteilt, die bei dem tödlichen Wettsaufen dabei waren. Der Prozess gegen den Wirt steht noch aus - doch er legte schon mal seine Version der tragischen Nacht dar.

Von Uta Eisenhardt, Berlin

Es war ein unfairer Kampf - und er endete tödlich: Am 25. Februar 2007 schüttete ein Gymnasiast bei einem Wetttrinken etwa 900 Milliliter Tequila in sich hinein, während der gegen ihn antretende Wirt vor allem Wasser konsumierte. Der 16-jährige fiel ins Koma, fünf Wochen später schalteten Ärzte die Maschinen ab, die ihn bis dato am Leben hielten. Der Vorfall erschütterte die ganze Republik. In Reaktion auf den Tod von Lukas W. wurden bundesweit die so genannten Flatrate-Partys verboten, und in Berlin begann die Polizei, betrunken aufgegriffene Minderjährige zu zählen.

Auch strafrechtlich hat der Vorfall Konsequenzen: Der 27-jährige Wirt Aytac G. ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt, der Termin für seinen Prozess steht bislang nicht fest. Vier 17- bis 21-jährige Jugendliche, die den Wirt bei seinem Betrug unterstützten, müssen sich seit Ende Januar vor dem Berliner Landgericht wegen Beihilfe zur schweren Körperverletzung verantworten. Zwei von ihnen wurden nun zur Teilnahme an einem 70-stündigen sozialen Trainingskurs verurteilt, der sich über zehn Monate erstrecken soll. Ein 18-jähriger Angeklagter wurde von den Vorwürfen freigesprochen, weil er von dem Betrug nichts wusste. Das Verfahren gegen die 17-jährige Serviererin Silvana Bl. wird am 22. Februar fortgesetzt. Sie hofft ebenfalls auf einen Freispruch.

Jugendliche zeigen sich schuldbewusst

Was genau an jenem Sonntagmorgen gegen 4 Uhr im "Eye T" passierte, konnte das Gericht erst in der Beweisaufnahme klären, die aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes unter Ausschluss der Öffentlichkeit abgehalten wurde. Lange hatten die Jugendlichen aus Loyalität gegenüber dem Haupttäter Aytac G. mit der Wahrheit zurück gehalten, hatten sogar den Wirt bestätigt, der behauptet hatte, Lukas W. sei bereits betrunken im "Eye T", einer Bar im Westen Berlins, eingetroffen.

Doch im Prozess änderten die Jugendlichen ihre Haltung, sie zeigten sich schuldbewusst und schilderten endlich eine schlüssige Version. Danach erschien der pummlige, großgewachsene Lukas W. gegen vier Uhr morgens in der Bar, wo ihn der gleich schwere Aytac G. mit den Worten "Da kommt mein Gegner" empfing. Zuvor hatte der Wirt, der sich selbst als nicht sehr trinkfest einschätzte, eine leere Tequila-Flasche mit Wasser gefüllt. Von der Präparation wusste nur der 21jährige Auszubildende Edis B.

Zuerst schenkte der 18-jährige Schüler Martin J. den beiden Kontrahenten je drei Gläser Schnaps ein. Dann löste ihn Edis B. ab und der Betrug begann. Etwa sechzehn Runden will B. eingeschenkt haben, dann soll die Serviererin Silvana Bl. die Gläser verwechselt haben. "Schmeckt wie Wasser", stellte der Gymnasiast fest. Jetzt griff Schiedsrichter Mathias M. ein. Der 18-jährige hatte bislang den Spielstand notiert und verkündet. Als er durch Lukas` Bemerkung den Betrug witterte, stellte er die Flasche, aus welcher von da an eingeschenkt wurde, offen auf den Tisch.

Lukas W. war jetzt bereits erheblich angeschlagen. Der nüchterne Wirt provozierte ihn und trank fünf Gläser schnell hintereinander. Doch der Gymnasiast gab sich nicht geschlagen und versuchte, den Vorsprung herauszuholen, bis er nach der 44. Runde mit dem Kopf auf dem Unterarm auf dem Mini-Tresen lag. "Das war das Ende des traurigen Wettstreits", resümiert Staatsanwalt Reinhard Albers. Nach seinem Sieg verließ Aytac G. seine Bar mit dem Hinweis, die Zurückbleibenden mögen sich um Lukas kümmern.

Dies taten sie auch, denn wenn sie auch nicht mit einer tödlichen Alkoholvergiftung rechneten, so war ihnen doch klar, dass ein Betrunkener an seinem Erbrochenen ersticken kann. Also legten sie ihn auf eine Couch und brachten ihn immer wieder in die stabile Seitenlage. Als sie den kritischen Gesundheitszustand des inzwischen blau angelaufenen Gymnasiasten bemerkten, riefen sie die Feuerwehr.

Verschiedene Versionen des Wirtes

Lange Zeit wurde das tatsächliche Geschehen nicht preis gegeben, weder vom Wirt, noch von den mit ihm befreundeten Jugendlichen. Zunächst hatte Aytac G. den Ermittlern erzählt, der Gymnasiast sei schon betrunken im "Eye T" erschienen. Später sagte er, es habe sich nicht um ein verabredetes Wetttrinken gehandelt, sondern Lukas sei überraschend aufgetaucht und habe ihn bedrängt. Den Betrug mit dem Wasser will er nicht veranlasst haben. Als Zeuge vor Gericht hatte der Wirt gesagt, er sei es gewesen, der gebeten habe, dem Gymnasiasten ein Glas Wasser zu servieren, damit der vom Weitertrinken abgehalten wird. "Überzeugt hat mich das nicht", kommentiert dies der Staatsanwalt.

In seiner Urteilsbegründung sprach der Vorsitzende Richter Kai Dieckmann, von einem sehr alten Phänomen - den nach Grenzerfahrungen strebenden männlichen Pubertierenden. "Erwachsen werden kann lebensgefährlich sein", sagte er. Das Gericht hatte die Frage zu klären, ob es strafbar ist, wenn es zu einem Wetttrinken zwischen einem Erwachsenen und einem Jugendlichen kommt, das erst beendet sein soll, wenn einer sich übergibt oder nicht mehr kann. "Wir sagen ja", urteilt der Richter. Die beiden verurteilten Mathias M. und Edis B. kannten "diese widerwärtige Spielregel", der freigesprochene Martin J. nicht.

Doch Eckhard Fleischmann, der Verteidiger von Edis B., wird gegen dieses Urteil in Revision gehen. Er beruft sich auf die Freiwilligkeit des Wetttrinkens, das Lukas W. selbst vorgeschlagen und in das er eingewilligt habe. Wenn aber ein Handeln gegen die guten Sitten verstößt, kann man darin auch nicht einwilligen, argumentiert das Gericht. Zumal der Gymnasiast mit den unfairen Bedingungen niemals einverstanden gewesen wäre. "Ich hoffe sehr", so Dieckmann, dass trotz aller Meinungsfreiheit ein solches Wetttrinken zwischen einem Jugendlichen und einem Erwachsenen "dem Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden widerspricht".

Den Jugendlichen gibt der Richter auf den Weg, Wiedergutmachung zu leisten, indem sie sich bei dem Prozess gegen ihren Freund Aytac G. kooperativ zeigen: "Seien Sie ehrlich, sagen Sie die Wahrheit und kneifen Sie nicht!"