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Prozess um "Schwarze Witwe": Erst ruhig stellen, dann ersticken

Vier Männer sollen eine ehemalige Prostituierte getötet haben, um deren Vermögen zu ergaunern. Gezielt soll die "Schwarze Witwe" Beziehungen zu älteren Vermögenden gesucht und sich an ihnen bereichert haben. Ihr mutmaßlicher Handlanger beschrieb zum Prozessauftakt in Göttingen die perfide Vorgehensweise.

Die als "schwarze Witwe" verdächtigte 68-jährige Lydia L. hat zu Beginn des Prozesses um vier Männermorde die Aussage verweigert. Vor dem Landgericht Göttingen erklärte ihr Verteidiger Klaus Kunze, sie sei unschuldig und werde zunächst abwarten, was der Mitangeklagte aussage. Die Anklage basiert im Wesentlichen auf dem Geständnis des 53-jährigen Hilfsarbeiters Sigmund S., der die Frau beschuldigt, gemeinsam mit ihm vier Männer getötet zu haben. Sie erhielt nach Polizeiangaben ein Vermögen im Wert von mindestens 670.000 Euro von den Opfern.

Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden Angeklagten aus Bodenfelde im Kreis Northeim vor, zwischen 1994 und 2000 vier Männer, darunter den fünften Mann von Lydia L., ermordet zu haben. Die ehemalige Prostituierte soll gezielt zum Teil über Kontaktanzeigen nach wohlhabenden Männern gesucht haben. Den Opfern verabreichte sie laut Anklage jeweils 15 bis 30 Tabletten eines Beruhigungsmittels mit dem Wirkstoff Bromazepam ins Essen. Dann habe Sigmund S. die Wehrlosen mit einer Plastiktüte oder einem Kissen erstickt.

Auf einem Parkplatz verbrannt

Der Hilfsarbeiter hatte im Sommer 2007 für die Polizei völlig unerwartet drei Morde gestanden und Lydia L. als Auftraggeberin beschuldigt. Auch als Angeklagter legte der 53-Jährige nun ein umfassendes Geständnis ab. Im Juni 1994 habe Lydia L. ihn demnach angestiftet, den 74-jährigen Rentner Günter Sch. zu töten. Sie habe diesen mit Medikamenten ruhiggestellt. Als Sch. einen Arzt aufsuchen wollte, habe sie beschlossen, ihn umzubringen, um die Tat zu vertuschen. Er habe den Mann in einem Wohnmobil mit einer Plastiktüte erstickt und die Leiche auf einem Parkplatz an der A 7 mit Benzin übergossen und verbrannt.

Dem zweiten Mord fiel laut Staatsanwaltschaft im September 1994 der fünfte Mann von L. wenige Monate nach der Hochzeit zum Opfer. Nach Angaben von S. wollte er sich scheiden lassen. Der 84-jährige Adolf B. wurde in seinem Haus im hessischen Melsungen betäubt und mit einem Kissen erstickt. Ein Arzt diagnostizierte eine natürliche Todesursache. Die Polizei ging nach Hinweisen einem Verdacht nach und ließ den Toten 1995 exhumieren. Es fanden sich aber keine Beweise für ein Tötungsdelikt. Das von der Witwe geerbte Haus will Sigmund S. 1997 zwei Mal in ihrem Auftrag angezündet haben. Sie kassierte die Versicherungssummen.

Verteidiger rügt Medien

Das dritte Opfer war laut Anklage der 81-jährige Paul G., der aus Köln stammte und zuletzt in Zweibrücken in Rheinland-Pfalz wohnte. Seine verbrannte Leiche wurde im April 1995 in einem Straßengraben bei Volkerode in Thüringen gefunden. Im Juli 2000 sollen die Angeklagten den 71-jährigen Gerhard G. in seinem Haus in Völksen bei Hannover umgebracht haben. Dabei half Lydia L. laut Staatsanwaltschaft zum ersten Mal. Sie habe ihn festgehalten, während ihr Komplize ihn mit einer Plastiktüte erstickt habe. Die Leiche wurde in seinem Grundstück in Springe vergraben. Gefunden wurde sie wenige Tage vor dem Geständnis von S.

Verteidiger Kunze kritisierte vor Journalisten, dass die Angeklagte bereits als "Schwarze Witwe" bezeichnet wird. "Sie ist unschuldig", betonte er. Sie werde dies im Verlauf des Prozesses auch beweisen. Der Angeklagte habe Lydia L. einmal "heftig geliebt", sagte Kunze. Diese Liebe sei in Hass umgeschlagen. Er habe gedacht, wenn er sie nicht haben könne, dürfe sie auch kein anderer haben, meinte der Rechtsanwalt. Der Verteidiger des Mitangeklagten, Markus Fischer, betonte dagegen, S. sei von der Frau psychisch extrem abhängig gewesen. Zur Hauptverhandlung sind 72 Zeugen geladen. Zunächst sind 24 Termine bis Ende April angesetzt.

AP / AP