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Prozess um Amoklauf von Winnenden: "Die Opfer erwarten eine Entschuldigung"

Der Anwalt Jens Rabe vertritt im Prozess gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden die Nebenkläger. Im stern.de-Interview sagt er, warum das Verfahren für die Familien der Opfer so bedeutend ist

Die Angehörigen der Opfer haben lange dafür gekämpft, dass es einen Prozess gibt. Ist er für sie zumindest ein juristischer Abschluss dieser Tragödie?
Nein, der Gedanke eines Abschlusses spielt noch keine Rolle. Das Leiden ist für sie nach eineinhalb Jahren nicht vorbei, es kann auch nicht vorbei sein.

Warum wollen sie diesen Prozess?
Die Angehörigen brauchen ihn zur Bewältigung, auch wenn er schmerzhaft ist. Die Eltern und Geschwister wollen dem angeklagten Vater persönlich in die Augen sehen. Sie haben ihn nie gesehen, er wurde von der Polizei abgeschirmt. Seit anderthalb Jahren leben sie in völliger Unwissenheit, wie er lebt, ob er sich seiner Verantwortung stellt. Diese Unwissenheit nagt an ihnen. Ich glaube, man will sehen, dass der andere auch betroffen ist.

Wie haben Sie die Eltern auf den Prozess vorbereitet?
Meine schwierigste Aufgabe ist, ihnen klarzumachen, dass sie an diesem Donnerstag um 10.30 Uhr dem Vater des Amokläufers gegenübersitzen und dass dann wahnsinnig viel in ihnen hochkommen wird. Ehrlich gesagt, ich fürchte mich ein bisschen vor diesem Moment, denn ich weiß, dass er emotional wird.

Weil die Angehörigen den Vater vielleicht sogar mit dem Täter gleichsetzen?
Sie können das im Kopf gut trennen. Aber emotional? Ohne Vater keine Waffe, ohne Waffe kein Amoklauf. Der Sohn wäre doch nie in der Lage gewesen, sich auf dem illegalen Markt eine Waffe zu besorgen, dieses Büble! Der war nicht mal in der Lage, sich seine Horrorvideos oder Killerspiele von Freunden besorgen zu lassen, die kaufte ihm die Mama. Natürlich kann man auch mit einem Messer Amok laufen, aber ich behaupte, dass der Amoklauf in dieser Form nicht denkbar gewesen wäre.

Welche Erwartung haben die Opfereltern an Jörg K.?
Sie erwarten erst mal eine klare Entschuldigung, ein klares Bekenntnis zu seinem Fehler. Dann interessiert sie stark, was in dieser Familie los war. Wie konnte es dazu kommen? Es gibt eine Reihe von offenen Fragen, zum Beispiel, in welchem psychischen Zustand sich der Amokschütze in den Monaten davor befand und ob der Vater davon wusste.

Wie wichtig ist materielle Entschädigung für die Familien?
Für die Verletzten spielt Schmerzensgeld eine Rolle. Die Eltern der Getöteten sagten mir klipp und klar: Wir wollen kein Geld von denen, es macht unsere Kinder nicht lebendig.

Es gibt Kritik an diesem Prozess, nicht nur von der Schützenlobby - der Vater sei schon genug gestraft.
Ja, manche sagen sogar: Warum zerrt ihr den Mann in die Öffentlichkeit? Auch in der Staatsanwaltschaft gab es Widerstände. Aber wir haben 15 Todesopfer und viele Verletzte, und wir reden eben nicht über einen Verkehrsunfall.

Fordern die Opferfamilien eine harte Strafe?
Sie hoffen, dass es zu einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung kommt, weil sie dies als Symbol für angemessen halten. Aber sie sagen auch ganz klar: Uns kommt es nicht auf die Höhe der Strafe an. Das Strafmaß ist uns egal. Es hilft uns nichts, wenn er ins Gefängnis käme.

Sind da keine Rachegefühle?
Nein, jedenfalls nicht bei meinen Mandaten. Aber es soll Morddrohungen gegen die Familie gegeben haben? Für meine Mandanten kann ich das absolut ausschließen.

Was wollen Opfer?
Gerechtigkeit. Natürlich maßen sich Richter an zu sagen, was gerecht ist. Aber was ist gerecht? Wissen Sie das, weiß ich das? Durch das Zuhören kann man viel erreichen, nämlich Gerechtigkeit in Form von Respekt vor den Opfern, allein schon durch das Angehörtwerden.

Wie steht es um die Rechte von Opfern im Gerichtssaal?
Früher hatte man Inquisitionsprozesse, der Täter war Objekt, er hatte keine Rechte. Im modernen Strafprozess ist der Täter Subjekt - aber was ist mit dem Opfer? Es muss kommen, es muss die Wahrheit sagen, es muss, es muss, es muss! Es muss wieder etwas erdulden, ohne Einfluss nehmen zu können. Alles dreht sich darum, dass der Täter resozialisiert wird, dass er den Weg in die Gesellschaft zurück findet, da stehe ich voll dahinter. Aber auch das Opfer muss seinen Weg in die Gesellschaft zurück finden.

Und was bedeutet das in diesem Fall?
Eine menschliche Justiz sollte Opfer grundsätzlich ernst nehmen und nicht als Störfaktor im Prozess betrachten. Wenn man das Opfer mitdenkt, geht es nicht mehr, über seinen Kopf hinweg zu entscheiden.

Was wünschen Sie sich für den Amokprozess?
Dass es ein korrektes Verfahren gibt - für alle, auch für den Angeklagten - und keine Hexenjagd!

Ingrid Eißele, Michael Streck
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