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Prozess um Amoklauf von Winnenden: Eine Familie auf der Flucht

Überraschende Wende im Prozess gegen den Vater des Amokläufers Tim K.: Laut der Betreuerin der Familie wussten die Eltern, dass ihr Sohn "Hass auf die Welt" verspürte. Eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen ist damit wahrscheinlicher geworden. Allerdings lebt die Familie von Tim K. bereits wie in einem Gefängnis.

Von Ingrid Eißele, Stuttgart

Man konnte es Astrid Loy, 48, ansehen, wie schwer sie sich tat mit diesem Dilemma. Seit dem 11. März 2009, dem Tag des Amoklaufs von Winnenden, betreut die gelernte Kauffrau und freiberufliche Mediatorin die Familie des Täters. Sie war mit Tims Eltern und der Schwester Jasmin zur Identifizierung des Sohnes ins Hospital nach Stuttgart gefahren. Sie hat Vater, Mutter und Tochter in den vergangenen anderthalb Jahren beigestanden. Bisher hatte sie kein Wort über ihre eineinhalb Jahre dauernde "Krisenintervention" verlauten lassen. Anfangs habe sie das Landeskriminalamt um Zurückhaltung gebeten, später die Familie. Nun aber zwang sie das Gericht zu einer Aussage.

Anders als die Psychotherapeutin Juliane Helm, die Tim K. am Klinikum in Weinsberg behandelte, konnte sich Astrid Loy nicht auf ein Zeugnisverweigerungsrecht berufen. Das Gericht drohte ihr bis zu sechs Monaten Ordnungshaft an, sollte sie die Aussage verweigern.

Die ehrenamtliche Helferin sah die Familie von Tim K. das erste Mal am Abend des 11. März. Als Mitglied des Kriseninterventionsteams sollte sich Astrid Loy um die seelische Verfassung von Vater Jörg, Mutter Ute und Schwester Jasmin kümmern. Ihr erster Eindruck: "Alle Zeichen eines Schockzustands, absolut fassungslos". Sie seien "am Boden zerstört gewesen über das Leid, das ihr Sohn angerichtet hat."

"Ich will die ganze Menschheit umbringen"

Das sei über die Familie "aus heiterem Himmel" hereingebrochen, sagte Loy. Ob sich Vater oder Mutter Vorwürfe machten, die Zwangslage ihres Sohnes nicht erkannt zu haben, wollte der Vorsitzende Richter wissen. Ob es Warnsignale gab? Fragen, die auch die Angehörigen der 15 Todesopfer quälen. Astrid Loy berichtete, was ihr Tims Mutter von den Besuchen mit ihrem Sohn in der Psychiatrie in Weinsberg erzählt hatte. Tim sei im April 2008 zu ihr, der Mutter, gekommen und habe gesagt, "ich fühl mich komisch, irgendetwas ist." Die Mutter habe einen Termin mit dem Hausarzt vereinbart, der ihn zu den Spezialisten nach Weinsberg schickte. Er habe der Ärztin dort im ersten Gespräch gestanden, dass er "einen Hass auf die Welt hat und dass er Leute umbringen will - die ganze Menschheit." Im zweiten Therapiegespräch habe er diese Aussage aber wieder zurückgenommen. "Es gab noch zwei, drei weitere Gespräche, die Eltern hatten die Mitteilung bekommen, dass bei Tim keine schwerwiegende Erkrankung vorliege."

Für den bisher äußerst zäh verlaufenden Prozess ist diese Aussage von großer Bedeutung. Denn Jörg K. wird von der Staatsanwaltschaft beschuldigt, die spätere Tatwaffe, eine Beretta, leichtfertig im Schlafzimmerschrank statt im Tresor verwahrt zu haben. Kann ihm nachgewiesen werden, dass er von Mordgedanken seines Sohnes wusste, droht ihm unter Umständen nicht nur die Verurteilung wegen eines Verstoßes gegen das Waffengesetz, sondern auch wegen fahrlässiger Tötung mit bis zu fünf Jahren Haft.

Die Schwester des Amokläufers leidet

Doch auch jetzt schon führt Jörg K. das Leben eines Gefangenen. Und mit ihm seine Frau und seine Tochter. Wie das aussieht, skizzierte Astrid Loy erstmals: Eltern und Tochter schlüpften erst bei Bekannten unter, wo sie sich zu dritt ein Zimmer teilen mussten, was bald für Spannungen sorgte. Astrid Loy half, einen Anwalt zu finden - viele sagten allerdings ab – und eine Wohnung. Am meisten bedrücke die Eltern und das Kind Morddrohungen, die auch von der Polizei sehr Ernst genommen werden. Sie sollen aus dem Umfeld einer kosovarischen Opferfamilie kommen.

Astrid Loy verlas eine Art Protokoll einer Familie auf der Flucht. Nicht nur der Vater, der "psychisch abbaue", auch Tochter Jasmin sei kaum mehr in der Lage, dem Druck stand zu halten. Die Eltern befürchteten zeitweise eine "Kurzschlussreaktion". Mutter Ute sei ausgebrannt. "Sie kann ihre Aufgaben nicht mehr wahrnehmen. Zu Trauma und Verzweiflung kommt das Gefühl des Verlassenseins." Jasmin, ein intelligentes Mädchen, leide besonders unter dem Zwang zur Verheimlichung. "Sie verabscheut jede Art von Lügen." Nach der Tat ihres Bruders wollte sie eigentlich in ihre alte Schule zurück, sie habe aber Ausgrenzung befürchtet. Jasmin habe keinen Kontakt mehr zu ihren Freundinnen, notierte Loy im April 2009, wenige Wochen nach dem Amoklauf. "Jasmin vereinsamt, sie weiß mit der Zeit nichts anzufangen, es gibt vermehrt Spannungen in der Familie."

Die Großmutter stirbt, die Familie kann nicht zur Beisetzung. Jasmin soll nach dem Sommerferien eine andere Schule besuchen. "Aber sie kann sich nicht vorstellen, überhaupt noch eine Schule zu besuchen." Sie geht einige Monate ins Ausland. Die Eltern machen eine "unterschiedliche Trauerarbeit". Sie schreiben einen persönlichen Brief an die Opfereltern, doch der Versuch misslingt gründlich.

Von Seiten der Opferfamilien kamen nach Ende des Prozesstages erste Signale, dass die Aussage der Betreuerin möglicherweise für eine atmosphärische Veränderung sorgt. "Meine Mandanten wollen eigentlich verzeihen", so Opferanwalt Jens Rabe. "Vielleicht kriegen wir das Verfahren ja auch menschlich noch hin."

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