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Prozess um Babyleiche: Das Kind war ihr zu teuer

Vor dem Erfurter Landgericht muss sich seit Donnerstag eine 39-jährige Frau verantworten, die im Oktober ihre neu geborene Tochter in einer Plastiktüte entsorgt hat. Die Fakten sind unstrittig, doch es ist fraglich, ob die Textilfacharbeiterin überhaupt schuldfähig ist.

Von Lars Radau, Erfurt

Die Stimme der kompakten, dunkelhaarigen Frau ist hoch, klingt seltsam gepresst. Ja, sie werde Aussagen zum Sachverhalt machen, kündigt Ines P. an. Die 39-Jährige aus dem Thüringer 3000-Seelen-Ort Neudietendorf muss sich vor dem Erfurter Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, im Oktober 2007 auf der Toilette ihrer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus am Rande des Ortes ein Mädchen zur Welt gebracht zu haben - das sie wenig später in eine Plastiktüte steckte und in die Mülltonne warf. Das Kind, 2885 Gramm schwer und 52 Zentimeter groß, starb innerhalb weniger Stunden, "höchstwahrscheinlich an Unterkühlung und Sauerstoffmangel", sagt Oberstaatsanwältin Sabine Stahl, die die Anklage vertritt.

Fakten unstrittig

Gefunden wurde es erst fünf Tage später - nachdem die 39-Jährige wegen starker Unterleibsschmerzen zu ihrem Hausarzt gegangen war. Der überwies sie ins Krankenhaus, wo man die kürzlich beendete Schwangerschaft bemerkte. Die Ärzte alarmierten die Polizei und Ines P. räumte ihre Tat sofort ein. "Ich kann mir kein Kind leisten. Ich muss doch arbeiten gehen und Miete zahlen", soll sie den Ermittlern gesagt haben. Die gelernte Textilfacharbeiterin arbeitete als Reinigungskraft in einer Bank. Auf 400-Euro-Basis, über einen Personaldienstleister vermittelt. Selbst am Tag der Geburt, einem Sonntag, soll sie dort am Vormittag noch geputzt haben, sagt ihr Anwalt Oskar Helmerich.

Die Fakten sind unstrittig. Die Obduktion des Kindes ergab eindeutig, dass es sich bei Ines P. um die Mutter handelt - und dass das Mädchen bei der Geburt, nachmittags gegen 17 Uhr, gesund war. Die Frage, um die sich der auf vier Verhandlungstage angesetzte Prozess vor dem Erfurter Landgericht drehen wird, ist, ob Ines P. überhaupt schuldfähig ist.

Verdrängte Schwangerschaft

Selbst Oberstaatsanwältin Sabine Stahl geht in ihrer Anklageschrift nicht von Mord, sondern von Totschlag im Zustand verminderter Schuldfähigkeit aus. Man könne nicht ausschließen, dass bei Ines P. eine zwanghaft ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung vorliege, sagt Stahl. Auch ihr Anwalt lässt durchblicken, dass die beiden psychiatrischen Gutachter, die am nächsten Prozesstag gehört werden sollen, zu eben diesem Ergebnis kommen werden. Die Störung könne die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit seiner Mandantin so weit beeinflusst haben, dass "sie zwar prinzipiell wusste, was sie tat, aber nicht in der Lage war, dieser Einsicht entsprechend zu handeln", erklärt Helmerich.

Für eine Persönlichkeitsstörung spricht auch, dass Ines P. ihre Schwangerschaft wohl selbst weitgehend verdrängt hatte. Denn sowohl ihre Eltern als auch Bank-Mitarbeiter und Arbeits-Kollegen hatten die damals recht schlanke Frau mehrfach auf ihren wachsenden Bauch angesprochen. Ines P. habe aber jeweils "recht aggressiv" abgestritten, schwanger zu sein, sagt ihr Anwalt. Selbst die Geburt auf der Toilette, bei der das Kind ins Becken fiel, habe seine Mandantin wohl wirklich überrascht. Zudem hatte sie sich von ihrem damaligen Freund, der als Vater des Kindes feststeht, bereits einige Zeit zuvor getrennt. Auch hier soll ihre Sorge um Geld ein Grund gewesen sein - sie habe sich die Fahrten zu dem nicht in Neudietendorf lebenden Mann nicht mehr leisten können oder wollen, heißt es.

Kein Einzelfall

Inzwischen habe Ines P. - auch dank der psychologischen Betreuung, die sie seit ihrer Verhaftung im Oktober bekommt - das Unrecht ihrer Tat erkannt und bereue diese tief, sagt Anwalt Oskar Helmerich. Er hat seine Mandantin auch deshalb ermuntert, selbst in der Verhandlung zur Sache auszusagen. "Wenn sie schwiege, würde das vermutlich nicht zu ihrem Vorteil gewertet", sagt Helmerich. Er will im Prozess herausarbeiten, dass dieser Fall "erheblich anders gelagert" ist als die bisherigen Fälle von Kindstötungen, mit denen gerade Thüringen immer wieder Schlagzeilen gemacht hatte.

Besonderes Aufsehen erregte der Fall von drei toten Babys in Thörey bei Erfurt, die verwest in Müllbeuteln in einer Garage gefunden wurden. Die heute 22-jährige Mutter muss sich seit Anfang April ebenfalls vor dem Erfurter Landgericht verantworten, die Verhandlung ist allerdings nicht öffentlich. Im April vergangenen Jahres waren zwei Babyleichen in einer Tiefkühltruhe in Erfurt entdeckt worden. Die Anfang 2002 und Anfang 2004 geborenen Kinder wären nach Angaben der Ermittler lebensfähig gewesen. Die damals 35-jährige Mutter war im November zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden.

Strafe im unteren Bereich?

Für seine Mandantin geht Helmerich von einer Strafe "im unteren Bereich der Skala" aus. Erkennen auch Richter Frieder Liebhardt und seine Kollegen auf Totschlag im Zustand verminderter Schuldfähigkeit, können sie eine Haftstrafe zwischen zweieinhalb und elfeinhalb Jahren verhängen. Festlegen lassen werde sich das Gericht jetzt aber auf keinen Fall - "schon wegen der Vorgeschichte", sagt ein Justizsprecher.

Der Fall Ines P. hatte bereits im Oktober bundesweit für Aufsehen gesorgt, weil das ursprünglich zuständige Amtsgericht Gotha trotz des umfassenden Geständnisses den Haftbefehl gegen die Kindsmutter erst nach einer Beschwerde der Staatsanwaltschaft Erfurt erlassen hatte. Nach Meinung der Richterin war die Frau wegen psychischer Probleme schuldunfähig - sie hatte deshalb einen Haftbefehl zunächst abgelehnt.