HOME

Prozess um Entmannung: 150.000 Euro Schmerzensgeld für abgeschnittene Hoden

Der wütende Vater einer 17-Jährigen schneidet deren 58-jährigem Liebhaber die Hoden ab. Dieser soll die Minderjährige zum Sex gezwungen haben, streitet das aber ab. Für die Entmannung verlangt er 150.000 Euro Schmerzensgeld.

Spektakulärer Fall in Bielefeld: Aus Zorn schnitt ein Vater dem Liebhaber seiner minderjährigen Tochter die Hoden ab, zum Prozessauftakt gab der Angeklagte die Tat zu. Er warf dem Opfer allerdings vor, die 17-Jährige sexuell genötigt zu haben. Auch die Tochter erhob in einem Brief an die Staatsanwaltschaft Vorwürfe gegen ihren Ex-Geliebten. Dieser habe sie sexuell genötigt und vergewaltigt. Der Entmannte selbst weist die Vorwürfe zurück. Er verlangt Schmerzensgeld.

Der unglaubliche Tathergang: Am 2. November vergangenen Jahres überwältigt der Angeklagte den Liebhaber seiner Tochter in dessen Wohnung, zwei Komplizen helfen ihm. Sie fesseln den Mann mit Handschellen und Klebeband und schneiden ihm mit einem Messer oder Skalpell beide Hoden ab. Schwerverletzt und stark blutend ruft der Mann seine Ehefrau an, die den Notarzt alarmieren soll, er überlebt. Wer seine Komplizen waren, verrät der Angeklagte nicht.

Durch einen anonymen Anruf habe er von der Beziehung der Tochter erfahren. Der Großvater einer Schulfreundin seiner Tochter habe seit Monaten Sex mit der 17-Jährigen. Der Vater sei zur Polizei gegangen, habe dort aber die Auskunft bekommen, dass die Beziehung nicht strafbar sei. "Ich fühlte mich im Stich gelassen. Ich war verzweifelt", sagte der Angeklagte. Er habe Alkohol getrunken und Tabletten genommen, dann sei er zu dem Liebhaber gefahren.

Dieser bestritt vor Gericht, jemals Gewalt gegen die 17-Jährige angewendet zu haben. "Zwischen uns, das war die große Liebe", versicherte er. Er habe sogar seine Frau, mit der er fünf Kinder hat, nach 36 Jahren Ehe verlassen. Seine Familie habe ihn verstoßen, ebenso wie seine mennonitische Gemeinde.

"Die Liebe war zu stark!", beteuerte er. Es sei auch zum Sex gekommen. Die 17-Jährige sei aber nicht mehr Jungfrau gewesen, sagte der 58-jährige neunfache Großvater. Nach einem gescheiterten Sex-Versuch habe er sich die Viagra verschreiben lassen. Kurz vor der Tat, nachdem der Vater von der Beziehung erfahren habe, habe seine junge Geliebte dann plötzlich Schluss gemacht.

Die Tochter will in dem Prozess nicht vor Gericht aussagen. Eigentlich hatte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen den 58-Jährigen wegen des Vorwurfs sexueller Nötigung eingestellt. Nun traf am 22. März der Brief der Tochter mit den Anschuldigungen bei der Staatsanwaltschaft ein. Eine Sozialarbeiterin aus der Schule der Tochter sagte vor Gericht aus, die Jugendliche habe ihr gegenüber nie über Zwang berichtet. Sie sei aber hin und her gerissen gewesen zwischen ihrem Geliebten und der Familie.

Das Strafgesetzbuch schreibt eine Strafe von mindestens drei Jahren vor, wenn das Opfer die Zeugungsfähigkeit einbüßt und dies vom Täter auch so beabsichtigt war. Der Ex-Geliebte sagte aus, er habe große Qualen erlitten. Zudem sei er zeugungsunfähig und in therapeutischer Behandlung. Außerdem müsse er bis an sein Lebensende künstliches Testosteron einnehmen. Er verlangt als Nebenkläger er ein Schmerzensgeld von 150.000 Euro.

Nebenklage und Verteidigung wollen deshalb nun über einen Täter-Opfer-Ausgleich verhandeln. Nebenklage-Anwalt Harald Schlüter sieht dafür Chancen: Der Täter habe die Tat gestanden, sich entschuldigt und auch einen Ausgleich angeboten. Der Prozess geht an diesem Freitag weiter.

cjf/AFP/DPA / DPA