HOME

Prozess um erfundene Vergewaltigung: Richterin schickt Heidi K. mehr als fünf Jahre in Haft

Heidi K. hat einen Kollegen der Vergewaltigung bezichtigt und ihn so ins Gefängnis gebracht - zu Unrecht, wie die Richterin meint. Nun muss die Lehrerin selbst in Haft.

Im Prozess um den falschen Vergewaltigungsvorwurf einer Lehrerin gegen einen früheren Kollegen hat das Landgericht Darmstadt die Angeklagte zu einer Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren verurteilt. Das Gericht sprach die 48-Jährige Heidi K. am Freitag der Freiheitsberaubung für schuldig, weil ihr inzwischen verstorbener Kollege Horst A. aufgrund der Anschuldigungen fünf Jahre lang unschuldig im Gefängnis gesessen hatte.

Die Vorsitzende Richterin Barbara Bunk sagte in der Urteilsbegründung, die Strafkammer sei im Wesentlichen der Auffassung der Staatsanwaltschaft gefolgt. Es sei ein schwieriges Urteil gewesen, weil sich zwei - auf den ersten Blick - plausible Versionen der Geschehnisse gegenübergestanden hätten. Da Horst A. mittlerweile verstorben sei, habe sich das Gericht auf Indizien und Zeugenaussagen stützen müssen. Bunk entschuldigte sich für das Fehlurteil aus dem Jahr 2002. "Das ist nicht wiedergutzumachen." Aber das Gericht habe damals aufgrund der Beweislage nicht anders entscheiden können.

"Ein ideales Opfer"

Aufgrund der Auswertung des Materials sah es das Landgericht aber als erwiesen an, dass K. ihren ehemaligen Kollegen zu Unrecht der Vergewaltigung bezichtigt hatte, wie Richterin Bunk sagte. Zwar sei es am 28. August 2001 zu einem "Zusammentreffen" der beiden Lehrkräfte in einem Biologie-Raum der damaligen Schule gekommen, an der die Angeklagte noch neu war. Zu einer Vergewaltigung sei es jedoch nicht gekommen, wie die Indizien nahelegten.

Die Angeklagte habe damals die Unterlagen des ehemaligen Kollegen durchstöbert, sagte die Richterin. Als dieser sie dabei ertappte, habe er die Kollegin "angeherrscht". In den Tagen und Wochen nach dieser Begebenheit habe Heidi K. aufgrund einer Persönlichkeitsstörung und aus Furcht vor Konsequenzen für sie an der neuen Schule einen immer größeren Vorwurf aufgebaut, sagte die Richterin.

Mit Horst A., der damals Alkoholprobleme hatte und dessen Verhalten im Lehrerkollegium für Verärgerung sorgte, habe die Pädagogin "ein ideales Opfer" gehabt. Allerdings habe sich K. bei der Darstellung der Begebenheit in erhebliche Widersprüche verstrickt.

Verletzungen später selbst zugefügt?

Zunächst habe K. einer Kollegin nur berichtet, dass Kollege A. sie angegangen habe, sagte Bunk. Die Angeklagte habe dann später bei einer ersten Polizei-Aussage geschildert, sie habe während der Begebenheit um Hilfe gerufen. Bei einer weiteren Aussage hingegen habe sie gesagt, K. habe ihr den Mund zugehalten. Ob der Mund zugehalten werde oder nicht, würden Opfer aber nie vergessen, sagte die Richterin. "Da hat man Todesangst."

Später habe sich K. von zwei Ärztinnen im Intimbereich wegen der angeblichen Vergewaltigung untersuchen lassen, sagte die Richterin. Beide Ärztinnen konnten keine Verletzung feststellen. Eine dritte Ärztin jedoch stellte Wochen danach eine Verletzung fest. Das Gericht ging davon aus, dass sich K. diese selbst zugefügt hatte. Dass eine Verletzung "schlimmer als besser wird - das halten wir für nicht wahrscheinlich", sagte Richterin Bunk.

Die Staatsanwaltschaft hatte im Prozess siebeneinhalb Jahre Haft für K. gefordert. Die Verteidigung forderte Freispruch. Sie prüft nun nach eigenen Angaben, ob sie in Revision gehen wird.

tkr/AFP / AFP