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Prozess um erschossenen Spediteur: An Suizid will niemand glauben

Susanne R. findet ihren Mann erschossen im Keller. Ein Selbstmord, sagt sie. Doch niemand glaubt der Lehrerin, deren Ehe kurz vor dem Aus stand. Habgier soll ihr Mordmotiv gewesen sein.

Von Malte Arnsperger

Es ist schon dunkel, als sich Susanne und Gerald R. in einem Waldstück in der Oberpfalz auf die Lauer legen. Wildschweine wollen die passionierten Jäger erlegen, jeder wartet auf einem eigenen Hochsitz. Susanne schreibt Gerald eine SMS: "wuensch dir viel Waihei ... Bussi". Doch die Eheleute bekommen an diesem Abend des 16. April 2012 kein einziges Tier vor die Flinte, fahren nach Hause. Kurz nach Mitternacht ruft Susanne R. den Notarzt, der ihren 39-jährigen Mann mit einer Ladung Schrot im Kopf tot in seinem Waffenkeller vorfindet.

Ein Selbstmord oder ein Unfall wird anfangs vermutet. Seine Ehefrau sagt allen: "Er hat sich umgebracht." Im April hat die Staatsanwaltschaft Amberg jedoch Mordanklage gegen die 34-Jährige erhoben, am 9. September beginnt der Prozess am Landgericht. Die Ermittler sind sich sicher: Susanne R. hat ihren Mann im Keller ihres Eigenheims hinterhältig hingerichtet. Aus Habgier. Weil Gerald R. sich von ihr trennen wollte und sie im Falle einer Scheidung leer ausgegangen wäre.

Gemütlichkeit trifft Arroganz

Die Beziehung zwischen Gerald R. und seiner Susanne stand von Anfang an unter keinem guten Stern: Da ist Gerald R., ein fleißiger Macher, der fest im oberpfälzischen Ort Pfreimd, in seiner Familie und dem Freundeskreis verwurzelt war. Gerald R. betrieb eine Spedition und rackerte für zwei. Und nach Feierabend setzte er sich am liebsten mit seinen Lageristen bei Zigarette und Bier vors Haus.

Diese gemütliche Art ging seiner späteren Frau ab. Die gebürtige Regensburgerin beschreibt sich in einem Brief an den stern als "strikt mit Grundprinzipien" und gibt ihre Außenwirkung als "arrogant, unnahbar" an.

Susanne R. eckte an, erst in der eigenen Familie, später auch als Lehrerin. Sie benote zu hart und sehe eigene Fehler nicht ein, hieß es in einer ihrer Beurteilungen.

Ein ungleiches Paar

2008 lernten sich Susanne und Gerald R. bei der Jagd kennen, Ende 2009 wurden die beiden ein Paar. Sein Lachen, seine Ruhe und Gemütlichkeit habe sie an ihm geschätzt, schreibt sie. Doch für Gerald R. war es damals schnell vorbei mit der Gemütlichkeit. Die selbstbewusste Hobbyjägerin und Hundeliebhaberin störte sich zunehmend an seinem Lebenswandel. Die viele Arbeit, das Feierabendbier mit den Freunden, die Currywurst, die Traktorfahrten für den Bruder - alles Ärgernisse für sie. Sie untersagte dem gutmütigen Spediteur kurzerhand alles, und fortan gab es im Hause R. nur noch Bio-Essen. "Das war so eine unangenehme Frau, ein richtiger Beißer", beschreibt ein Kumpel von Gerald R. die Angeklagte. Und auch seine Familie warnte ihn wiederholt: "Heirate die bloß nicht, die will nur dein Geld."

Gerald R. heiratete dennoch, am 15. April 2011 ließ sich das ungleiche Paar trauen. Und obwohl sich Gerald R. weitgehend an die Vorgaben seiner herrischen Gattin hielt, gerieten die beiden immer öfter und immer heftiger aneinander. Im Oktober 2011 soll Susanne R. sogar auf Gerald R. geschossen haben, er erklärte die Verletzung später beim Arzt als Unfall. Im Frühjahr 2012 soll er dann seine Frau, so die polizeilichen Ermittlungen, ultimativ aufgefordert haben, zum 1. Mai auszuziehen. Susanne R. streitet die Existenz eines solchen Ultimatums ab.

Kein Cent im Falle einer Scheidung

Auch geschäftlich hatte Gerald R. Probleme. Ein wichtiger Lager-Auftrag war dem Spediteur im Sommer 2011 weggebrochen. Welche finanziellen Auswirkungen dies für seine Spedition hatte, ist mitentscheidend für die Klärung des Todesfalls. Denn laut Ehe- und Erbvertrag wäre Susanne R. zwar im Todesfall Alleinerbin, hätte aber nach einer Scheidung keinen Cent von Gerald R. bekommen. Da diese jedoch drohte, habe sie unter Druck gestanden, glauben die Ermittler. Der Verteidiger von Susanne R., Robert Hankowetz, sieht das anders. "Die Lage in dem Betrieb war nicht berauschend. Und als Beamtin hätte sie auch nach einer Scheidung keine finanziellen Probleme gehabt. Das Motiv Habgier ist für mich deshalb nicht nachvollziehbar."

Einen Selbstmord des lebensfrohen Bayern schließt allerdings auch er nahezu aus. Und ein Unfall ist ebenso unwahrscheinlich, denn Gerald R. galt als sehr vorsichtig mit seinen Gewehren. Was also passierte am Abend des 16. April nach der Wildschweinjagd im Hause des Paares?

Was geschah am Tatort?

Für die Staatsanwaltschaft ist der Tatablauf klar: Susanne R. hat ihren Mann aus nächster Näher erschossen, als beide nach dem Jagdausflug die Waffen aufräumen wollten. Danach habe sie den Tatort so hergerichtet, dass es nach einem Suizid oder Unfall aussieht. Susanne R. dagegen behauptet, sie sei mit den Hunden noch Gassi gegangen, während ihr Mann sich im Keller seiner Jagdkleidung entledigt habe und habe dann nach ihm gesucht. Durch die Tür zum Waffenraum habe sie Blut gesehen und sei schockiert zum Telefon gerannt, um den Rettungsdienst anzurufen.

Susanne R. blieb nach dem Tode ihres Mannes auf freiem Fuß. Doch im Ort wollte niemand an einen Selbstmord glauben. Familie und Freunde von Gerald R. hielten Susanne R. schnell für die Mörderin und machten den Fahndern Druck. Monatelang wurde gegen die 34-Jährige in aller Stille ermittelt, am 5. Oktober 2012 wurde sie dann festgenommen. Sie weist bis heute jede Schuld von sich. Dem stern schrieb sie: "Ich liebe ihn immer noch, trage auch heute noch meinen Ehering und habe täglich sein Bild bei mir."

Mitarbeit: Felix Hutt
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