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Prozess um getötete Mädchen aus Krailling: Der Pokerspieler

Seit zwei Monaten steht Thomas S. in München wegen des Mordes an seinen beiden Nichten vor Gericht. Das Porträt eines offensichtlich gefühlskalten Menschen.

Von Malte Arnsperger, München

Bei manchen Zeugen schüttelt er den Kopf, bei anderen schaut er entrüstet, immer wieder lächelt er verächtlich und verschränkt dabei demonstrativ die Arme. Thomas S., angeklagt wegen Mordes an seinen Nichten Chiara und Sharon, sagt kein Wort. Er verweigert die Aussage. Aber seine Mimik und Gestik sprechen Bände. Der Angeklagte sieht sich missverstanden und ungerecht behandelt – aber ist wohl ein gefühlskalter Egozentriker.

Thomas S. wird 1960 in München als zweites Kind geboren. Der Vater ist Maurer, die Mutter ist bei einem Tonbandhersteller angestellt. Die Eltern hätten viel gearbeitet, schilderte der Angeklagte dem psychiatrischen Sachverständigen Henning Saß, der ein Gutachten über ihn erstellt. An "elterlicher Zuwendung" habe es wohl gefehlt, meint Saß. Aber aus ihm sei ein körperlich kräftiger Junge mit Durchsetzungsvermögen geworden. Der mäßige Schüler Thomas verlässt die Hauptschule ohne Abschlusszeugnis. Doch er entwickelt Ehrgeiz, schafft über den zweiten Bildungsweg die Hochschulreife. Er ist schlau, das bestätigt ein Intelligenztest der Gerichtspsychologin Karolin Pöhlmann: Sie ermittelt einen Intelligenzquotienten von 130 – er ist schon fast hochbegabt.

Thomas S. habe einen Hang zur "Impulsivität"

Diese Intelligenz weiß Thomas S. immer wieder geschickt zu nutzen: Dem Wehrdienst entgeht er, indem er ein Buch über Depressionen liest und dann dem Amtsarzt seelische Probleme vorschwindelt. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau 1994 macht sich der gut bezahlte Feinmechaniker mit einem schlecht laufenden Teppichreparaturbetrieb selbständig - vor allem um keine Überstunden machen und so weniger Unterhalt für die Ex-Frau und die zwei gemeinsamen Kinder zahlen zu müssen, wie er dem Psychiater Henning Saß berichtete. Dies zeige, so Saß, die "Egozentrik" des Angeklagten, aber auch dessen Unstetigkeit. Auch habe er einen Hang zur "Impulsivität" und "wenig realistischen Einschätzungen". Eigenschaften, die für die Erklärung des Mordes eine Rolle spielen könnten, meint der Gutachter. Denn sollte die Anklage zutreffen, hat Thomas S. aus purer Habgier gemordet und viele eindeutige Spuren zurückgelassen.

1996 heiratet Thomas S. zum zweiten Mal, Ursula. Eine "intensive Liebe", wie Thomas S. dem Psychiater sagt. Seine neue Partnerin stammt aus einer angesehenen Familie, der Vater ist Ingenieur, der Großvater ein Ex-General, ein früherer Unikanzler und Juristen findet sich ebenfalls unter den Angehörigen. Thomas S., der mittlerweile als Briefträger arbeitet, tut sich schwer mit der neuen Verwandtschaft. Er sei "oberflächlich" aufgenommen worden, sagte er dem Gutachter. Er sei wohl nicht "nicht standesgemäß" gewesen, die Familie seiner Frau bestehe "ja nur aus Akademikern".

Er nimmt ihren Nachnamen an. "Auf mich hat er von Anfang an den Eindruck eines Schmarotzers gemacht", sagte Schwiegermutter Doris vor Gericht. Und weiter: "Der Thomas hatte ja gar nichts, das Geld kam immer von meiner Tochter."

"Dominante" und sogar "manipulative" Züge

Ursula steht zu ihrem Ehemann. Sie schätzt seinen Humor und ordnet sich bereitwillig ihrem Partner unter. Er habe ihr vorgeschrieben, welche Kleidung sie sich kaufen solle und die alleinige Kontrolle über die Familienfinanzen gehabt, erzählte Ursula S. stern.de. "Aber ich habe dies nicht so schlimm empfunden, es war für mich auch ein Zeichen von Liebe und Fürsorge." Die Münchner Psychologin Pöhlmann – wie Saß soll sie die Schuldfähigkeit beurteilen - hat bei Thomas S. "dominante" und sogar "manipulative" Züge entdeckt.

1998 wird das erste Kind des Paares geboren, ein Sohn. 2000 der zweite Sohn. Er ist von Geburt an schwer leberkrank. 2005 zieht das Ehepaar nach Nordrhein-Westfalen, wegen der Nähe zu einer Spezialklinik für den Sohn. 2002 und 2005 werden die beiden Jüngsten geboren. Doch die Familie fühlt sich in der Ferne nicht wohl und kehrt nach Bayern zurück. Thomas S. will in Peißenberg bei München ein Haus bauen, in Eigenarbeit, um Geld zu sparen. Er traut es sich zu. "Ich schaff' das schon", habe er ihr gesagt, berichtete Ursula S.

Doch in der Familie wachsen die Probleme. Bei Ursula S. wird Brustkrebs diagnostiziert, sie muss 2009 operiert werden. Gleichzeitig verschlechtert sich der Gesundheitszustand des zweiten Sohnes, er braucht dringend eine Lebertransplantation. Thomas S., der arbeitet, sich um die Kinder kümmert und das Haus in Eigenregie baut, wendet sich an das Jugendamt. Eine Sozialarbeiterin hilft der Familie. "Es war schon eine schwierige Situation", sagte die Therapeutin vor Gericht. "Aber die Eltern schienen wie eine Einheit und bemühten sich, alles zu bewältigen."

"Er hat schon wegen Kleinigkeiten herumgeschrien"

Thomas S. zieht sich immer mehr zurück. Seine Schwiegermutter berichtete dem Gericht, ihr Schwiegersohn habe bei ihren Besuchen stets in seinem Zimmer vor dem Computer gesessen. Nachbarn aus Peißenberg sagten stern.de, den Familienvater habe man fast nie außerhalb seines halbfertigen Hauses gesehen. Seine Arbeitskollegen bei der Post können sich nicht daran erinnern, dass sich Thomas S. an gemeinsamen Aktivitäten beteiligt hätte. Auch seine Ehefrau bemerkt Veränderungen an ihrem Mann. "Er hat schon wegen Kleinigkeiten herumgeschrien."

Schwiegermutter Doris S. sagt, das Ehepaar habe sich ständig gestritten. Der oft "cholerische und ausfallende" Thomas S. habe seiner Frau in ihrer Gegenwart offen gedroht, sie umzubringen. Im Gespräch mit dem Psychiater verschweigt Thomas S. Eheprobleme. Saß: "Es war eine harmonisierende, glättende Darstellung. Denn die Familie stand mit dem Rücken zur Wand."

In der Tat: Thomas S. wachsen die finanziellen Schwierigkeiten mit dem Hausbau über den Kopf. Und das, obwohl seine Frau Wohnungen und Aktiendepots verkauft, Handwerker und Vereine unbezahlt beim Bau mithelfen. Die Banken drohen mit Zwangsvollstreckung seines Hauses. Im Sommer 2010 wird er mit einem Haftbefehl zur Abgabe einer eidesstattlichen Versicherung gezwungen. Mehrere zehntausend Euro an Schulden sind aufgelaufen, die Gläubiger stehen Schlange: 43 ungeöffnete Briefe findet die Polizei nach der Festnahme im Haus, größtenteils Mahnungen, Kontoauszüge, Gerichtspost. Ein Finanzermittler sagte vor Gericht: "Die Forderungen hätten nicht aus den Konten beglichen werden können."

"Selbstkritik gab es nicht"

Offensichtlich will oder kann sich Thomas S. den Problemen nicht offen stellen. Menschen, die ihm helfen wollen, erzählt er, er sei von der Baufirma um 30.000 Euro betrogen worden. Er habe schnell rausbekommen, dass dies eine Lüge sei, berichtete der Zeuge Andreas K. vor Gericht. Thomas S. habe ständig die Schuld für seine Situation bei anderen gesucht. "Selbstkritik gab es nicht." Diese Einschätzung teilt die Psychologin. Thomas S. bagatellisiere eigene Schwächen und erwarte die Lösung seiner Problemen oft von anderen Personen.

Hat Thomas S. im März 2011 versucht, einen brutalen Ausweg aus seiner Lage zu finden? Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er auch deren Mutter, seine Schwägerin, ermorden wollte, um seine Frau zur Alleinerbin zu machen und so an das Erbe zu gelangen. War die Tat also der Versuch eines Verzweifelten, an Geld zu kommen? Es gibt nur einen, der dies weiß. Der schweigt und schüttelt den Kopf.

Er habe seine Situation mit einem Pokerspiel verglichen, berichtete ein Kripobeamter über die erste Beschuldigtenvernehmung. Auch habe er nach der Festnahme darum gebeten, in ein anderes Gefängnis verlegt zu werden, weil er dort besser die Fußballbundesliga im Radio verfolgen könne. Gleichermaßen unbeeindruckt präsentiert er sich einige Wochen später bei der Psychiaterin. Thomas S. sei fröhlich und unbesorgt gewesen, habe mit seiner Situation kokettiert und seinen Fall mit dem des Wettermoderators Jörg Kachelmann verglichen. Interesse oder gar Mitgefühl für die Opfer habe er nicht gezeigt, sagte Pöhlmann. Ähnliches schilderte auch Psychiater Saß, der den Angeklagten als voll schuldfähig ansieht . Thomas S. sei "cholerisch", "selbstüberschätzend" und "empathiearm".

Thomas S. sitzt mit verschränkten Armen auf seinem Stuhl, lächelt und schüttelt den Kopf.

Malte Arnsperger
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