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Prozess um Gewalttat in Berliner U-Bahn Der höfliche Schläger


Tag vier im Prozess gegen den U-Bahn-Schläger aus Berlin: Eine Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe beschreibt Torben P. als "höflich" und "aufmerksam". Er selbst schmiedet Pläne für die Zukunft.
Von Uta Eisenhardt

Er schlug seinem Opfer eine Colaflasche ins Gesicht. Anschließend trat er dem Bewusstlosen vier Mal auf den Kopf. Er hätte dies wohl noch öfter getan, wenn nicht ein Mutiger ihn davon abgehalten hätte: Dieser Retter wurde anschließend ebenfalls attackiert. Der mutmaßliche Schläger Torben P. geriet in die Schlagzeilen. Für seine Tat unter Alkoholeinfluss wird er sich sein Leben lang rechtfertigen müssen, so wie auch seine beiden Opfer jene Nacht auf dem Berliner U-Bahnhof Friedrichstraße niemals vergessen werden.

Am vierten Prozesstag gegen den 18-Jährigen und seinen 19-jährigen Mittäter Nico A. kam am Donnerstag die Jugendgerichtshilfe zu Wort. "Bestürzt" und "erschüttert" sei Torben P. über seine Tat, mit der er sich intensiv auseinandersetze, sagt die Sozialarbeiterin, die sich seitdem regelmäßig mit dem Schüler und seiner Familie unterhält. Sie habe das Elternhaus des Gymnasiasten als behütet erlebt, das Verhältnis zueinander sei von "gegenseitiger Zuneigung" und "Zusammenhalt" geprägt. Bei den P.'s herrsche großes Bildungsinteresse. Torben P. habe in seiner Freizeit Wassersport betrieben, außerdem interessiere er sich für Politik, Ethik, Geschichte und Philosophie.

Die Behördenmitarbeiterin charakterisiert ihn als "höflich, konzentriert, aufmerksam" und "bereit, Verantwortung für seine Tat zu übernehmen". Er sei als Kind zweier Frührentner aufgewachsen, die beide unter großen und permanenten gesundheitlichen Problemen leiden würden. Vor der Geburt ihrer beiden Kinder hätten Mutter und Vater P. ein Jurastudium begonnen, es jedoch nicht abgeschlossen. Die Mutter habe dann als Arzthelferin gearbeitet, der Vater bis zum Ruhestand als leitender Angestellter in einer Krankenversicherung.

"Differenzen" und "harmlose Schülerstreiche"

Als Torben P. sechs Jahre alt war, entschloss sich die Familie, die demenzkranke Großmutter bei sich aufzunehmen. Fünf Jahre pflegte man die Seniorin, diese Zeit sei mitunter sehr "belastend" gewesen. Kurz nach dem Tod der Großmutter kam Torben P., der damals als Kanut deutscher Vize-Meister war, auf ein Sportgymnasium mit angeschlossenem Internat. Der sportliche Leistungsdruck habe ihn überfordert. Er wechselte die Schule, es sollte nicht das letzte Mal sein.

Die folgende Schule habe er verlassen, weil es mit den Lehrern "Differenzen" wegen ein paar "harmloser Schülerstreiche" gegeben habe und Torben "der Anstifter" gewesen sein sollte. Der nächste Wechsel erfolgte, weil er nicht in die "feste Schülergemeinschaft" aufgenommen wurde. Seit Januar 2011 besuchte er die 11. Klasse einer Schule, in der er sich erstmals sehr wohl gefühlt habe, wie der Angeklagte am ersten Prozesstag vorgetragen hatte. Doch dann kam der 23. April 2011, der Tag, nach dem in seinem Leben nichts mehr so war wie zuvor.

Zunächst waren die beiden mutmaßlichen Täter und deren Familien einem enormen Medieninteresse ausgesetzt. Sie wurden von den Presseleuten verfolgt, ihre Wohnungen belagert. "Er wurde überverhältnismäßig an den Pranger gestellt", meint die Jugendgerichtshilfe-Mitarbeiterin über Torben P. Im Internet sei zur Gewalt gegen ihn aufgerufen worden. "Es gab Morddrohungen gegen die Familie, selbst gegen den Hund." Die Familie habe sich an den Staatsschutz gewandt, der Sohn musste erneut seine Schule verlassen. Er wurde vom Unterricht freigestellt. Dies habe er "nicht als Belohnung" empfunden, so der Angeklagte. Mittlerweile erhält er drei Stunden täglich Einzelunterricht. Das sei ein Notbehelf bis zum Ende des Strafprozesses, meint die Sozialarbeiterin.

Torben P. besucht Psycho- und Suchttherapie

Die allerorts geäußerten Vorwürfe seien nicht spurlos an dem jungen Mann vorbei gegangen: "Er verlor an Gewicht, nahm nicht mehr am öffentlichen Leben teil und leidet an depressiven Verstimmungen", so die Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe. Auch das Opfer Markus Pi. leidet unter Depressionen, ist in sich gekehrt und denkt viel darüber nach, warum gerade ihm so etwas angetan wurde.

Beide Männer begaben sich in psychotherapeutische Behandlung: "Es hat mir sehr geholfen, mit einer Außenstehenden darüber zu reden", sagte Markus Pi. dem Gericht. Für Torben P. geht es darum, sich und seine Tat zu verstehen. Den Kontakt zu Nico A. habe er abgebrochen, Alkohol habe er seit jener Nacht nicht mehr getrunken. Zusätzlich besuche er eine präventive Suchttherapie, in der es darum gehe, das eigene Suchtverhalten zu analysieren, die Risiken zu erkennen und Kontrollstrategien zu entwickeln. Sicher macht dies vor Gericht einen durchaus beabsichtigten positiven Eindruck, aber genauso sicher wäre es ihm angekreidet worden, wenn er sich nicht um eine solche Therapie bemüht hätte.

"Es ist eindrucksvoll, wie viel er unternommen hat, um die Tat zu verstehen", attestiert ihm die Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe. "Das unterscheidet ihn vom typischen Gewalttäter." Sie spricht sich für eine Bewährungsstrafe aus, doch trägt ihre Meinung lediglich empfehlenden Charakter.

Wenn der Prozess vorbei ist, wird die Familie von Torben P. an einen anderen Ort ziehen. Falls er nicht ins Gefängnis muss, könnte der Schüler ein katholisches Gymnasium besuchen. "Torbens Wunsch ist es, wieder einen normalen Alltag zu haben, die Schule zu besuchen und sein Abitur zu machen", sagt die Sozialarbeiterin. "Im Anschluss würde er gern Jura studieren." Wenn er denn darf.


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