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Prozess um Kindermorde von Krailling: Die kalte Wange des toten Mädchens

Es ist ein erschütternder Bericht: Klaus P. hat zwei tote Kinder aufgefunden. Er ist der Lebensgefährte der Mutter der beiden Mädchen Sharon und Chiara. Als er im Prozess um den Doppelmord von Krailling aussagt, herrscht Stille im Gerichtssaal.

Von Malte Arnsperger, München

Er streicht noch ganz leicht über die Wange des Mädchens. Sie ist kalt. Der Mann sieht den mit Stichen übersäten Körper. Er weiß: Das Kind, das da auf dem Rücken vor ihm liegt, nur noch bekleidet mit Slip und Socken, ist tot. Es ist bereits das zweite Mädchen, welches er innerhalb von wenigen Minuten ermordet aufgefunden hat. Damit endet für Klaus P. ein Abend, der mit einem fröhlichen Musikratespiel begonnen hatte.

Klaus P. ist der Lebensgefährte von Anette S., der Mutter der beiden toten Mädchen. Zusammen haben sie an jenem 24. März 2010 die achtjährige Chiara und die elfjährige Sharon gefunden, ermordet durch eine Vielzahl von Messerstichen, durch Schläge mit einer Hantelstange, durch Erwürgen. Dem Mann, der verantwortlich sein soll für diesen Doppelmord im Münchner Vorort Krailling, wird seit Anfang Januar am Münchner Landgericht der Prozess gemacht. Es ist Thomas S., der Onkel der Kinder. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, aus Habgier gehandelt zu haben. Demnach wollte Thomas S. neben den Kindern auch Anette S. töten und die Tat als kollektiven Selbstmord tarnen. Er habe damit gerechnet, dass seine Frau Ursula S. dann eine Wohnung ihrer Schwester Anette erben würde und er so die schwierige finanzielle Situation seiner Familie beheben könne.

An diesem Abend die Zeit vergessen

Thomas S. schweigt bislang und tut es auch, als Klaus P. als Zeuge gehört wird. Denn aus Rücksicht auf den psychisch schwer angeschlagenen Mann ist der Angeklagte nicht im Saal, als Klaus P. den Prozessbeteiligten und den Zuschauern die Stunden vor dem Entdecken der Leichen und die Minuten danach schildert.

Der 53-jährige Klaus P. ist Wirt der regional bekannten Rockkneipe "Schabernack" in Krailling. Der Laden liegt nur wenige Straßen entfernt von der Wohnung seiner langjährigen Freundin Anette. Deshalb ist sie auch oft abends da, packt manchmal mit an, trifft Freunde. So auch an jenem Mittwoch. Zusammen mit einem Bekannten kommt sie gegen 22.30 Uhr und spielt mit beim traditionellen Interpreten-Raten. Sonst geht sie meistens schon vor zwei Uhr zurück zu ihren Mädchen. An diesem Abend aber ist es anders. "Wir haben uns verratscht", erinnert sich Klaus P. Alle Gäste seien schon weg gewesen, als sie endlich mal auf die Uhr geschaut hätten. "Es war ziemlich genau 4.30 Uhr. 'Oh Gott', haben wir gesagt, scho' so spät." Das Paar macht sich auf den Weg. Zu spät. Nicht nur, weil die beiden Mädchen zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr leben. Auch den mutmaßlichen Täter Thomas S. treffen sie nicht mehr an. Er soll sich laut Anklage schon aus dem Staub gemacht haben. Den angeblich geplanten Mord an Anette S. soll er aus Zeitnot vorzeitig abgebrochen haben.

"... dann hörte ich Annette schreien"

Von irgendwelchen Mordplänen oder gar Taten ahnen Klaus P. und Anette S. nichts, als sie die letzten Stufen zu der Wohnung hinaufsteigen. Sie entdecken dort eine Terpentinflasche. Sie wundern sich, denken sich aber nichts weiter. In der Küche sieht Anette wenig später eine Hantel im Waschbecken. "Was ist denn das", habe sie sich erstaunt gefragt, berichtet Klaus P. vor Gericht. Diese Hantelstange habe er in der Wohnung zuvor noch nie gesehen. Dann bemerken sie auf der Spüle einige sorgfältig nebeneinander gelegte Messer, offensichtlich frisch gewaschen, eines ist verbogen.

Während Anette immer misstrauischer wird, geht Klaus P. zum Kühlschrank, legt sich Käse und Wurst auf ein trockenes Toastbrot. "Ich glaube, ich habe noch reingebissen. Und dann höre ich Annette oben schreien." Klaus P. rennt zu seiner Lebensgefährtin in den zweiten Stock, ins Schlafzimmer. "Da lag...", Klaus P. stockt einige Momente während er dies erzählt, "da lag zwischen Bett und Wand die Chiara. Ganz schrecklich. Das Licht war so diffus, aber ihr Kopf war angeleuchtet. Ihre Hände waren so..." Er zeigt dem Gericht seine verkrampften Hände. "Anette hat geschrien. Ich war nur einige Sekunden drin, dann bin ich rückwärts raus. Ich habe mein Handy genommen, aber konnte nicht telefonieren. Ich wusste in dem Moment einfach nicht, ob der Notruf 112 oder 110 oder 108 ist."

Klaus P. gelingt es wenig später doch, die Polizei zu alarmieren. Er sei dann in eines der Kinderzimmer gegangen. Dort sieht er Sharon, nackt, bis auf Slip und Socken. "Es war ein ganz anderes Bild. Sie lag wie aufgebahrt auf dem Rücken. Die Beine leicht gespreizt, die Arme weg vom Körper. Sie lag relativ friedlich da im Vergleich zu Chiara. Nur das Gesicht sah irgendwie unwirklich aus. Und es waren Einstiche überall."

Stille im Gerichtssaal

Es ist mucksmäuschenstill im Gerichtssaal, als Klaus P. spricht. Bei seiner Lebensgefährtin Annette S. war die Öffentlichkeit zuvor noch ausgeschlossen worden, zu schlimm schien dem Gericht die Belastung für die nach wie vor völlig am Boden zerstörte Mutter. Ein Psychologe sprach von einem Trauma "gigantischen Ausmaßes".

Auch Klaus P. merkt man die Belastung an. Wie Annette S. ist er seit der Tat in psychologischer Behandlung. Immer wieder holt der 53-Jährige tief Luft, reibt sich die Hände, macht einige Sekunden Pause und erzählt dann weiter mit leiser aber fester Stimme. Geduldig und detailliert berichtet er von dem blutdurchtränkten Strick um Chiaras Hals und der kalten Wange von Sharon. Und gegen Ende seiner rund zwei Stunden langen Befragung sagt er, auf Nachfrage der Verteidigung: Nein, eine Lieblingstochter habe Annette nie gehabt.