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Prozess um Kindermorde von Krailling Die Terminologie des Grauens


Nach dem Doppelmord von Krailling fanden die Ermittler in der Wohnung der Mutter der beiden ermorderten Mädchen viele Blutspuren. Experten analysierten die Funde - mit ziemlich eindeutigen Ergebnissen.
Von Malte Arnsperger, München

Auch für das Grauen gibt es Fachausdrücke. "Endlage" ist so einer. Damit bezeichnet ein Rechtsmediziner die Stelle, an der ein meist tödlich verletztes Opfer aufgefunden wurde. "Abschleuderspur" ist ein anderes Wort für einen schrecklichen Umstand. Damit sind Blutstropfen gemeint, die sich etwa von einem schnell bewegten Messer abgelöst haben. Experten, die sich jeden Tag mit den Auswirkungen und Hinterlassenschaften von Mord und Totschlag beschäftigen, helfen diese Begriffe, um einem Gericht eine nüchterne und unabhängige Analyse liefern zu können. Für den Zuschauer aber klingen sie oft pietätlos. Vor allem, wenn es sich um das Blut von ermordeten Kindern handelt.

Jiri Adamec ist ein Wissenschaftler, der sich auf die Analyse von Blutspuren spezialisiert hat und der stundenlang über furchtbare Details sprechen kann, ohne auch nur ansatzweise seine Beherrschung zu verlieren oder gar Regungen zu zeigen. Der Rechtsmediziner soll dem Münchner Landgericht dabei helfen, den Mord an den Geschwistern Chiara und Sharon in der kleinen Ortschaft Krailling aufzuklären. Der Onkel der Schwestern, Thomas S., ist nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft der Täter. Er soll die Mädchen am 24. März 2011 in der Wohnung ihrer Mutter erschlagen, erstochen und erwürgt haben. Thomas S. schweigt. Doch dem Gericht hilft, dass der ganze Tatort übersät war mit menschlichen Spuren, allerorten klebte Blut. Der traurige Beweis für ein Gemetzel. Willkommenes Analysematerial für Adamec und seine Kollegen.

Getötet im Kinderzimmer, abgelegt im Schlafzimmer

Da geht es zum Beispiel um eine Vielzahl winziger Blutstropfen der kleinen Chiara, die in ihrem Kinderzimmer gefunden wurden. An der Wand, an der Tür, an einem Lampion. Überall habe er "Spritzerfelder" oder "breiträumig verteilte Spuren" gefunden, bilanziert Adamec. "Solche Spuren kommen nur zustande bei einem dynamischen Vorgang." Was der Gutachter so holprig-technisch beschreibt, sind die Folgen des minutenlangen Todeskampfes von Chiara. Denn hier hat sie ihr Mörder mit einem Messer förmlich durchlöchert, hier hat er dem Mädchen den Kopf zertrümmert.

Mit einem kaum zu stoppenden Redeschwall bombardiert Adamec die Prozessteilnehmer mit seinen Funden. Er erzählt, wie er anhand der Spuren erkennen kann, dass das Blut der Kinder "in hohem Bogen" durch das Zimmer geflogen sein muss, oder wie "elipsenförmige Blutstropfen" an einer Wand eine "Formation bilden". Atemlos spult der Sachverständige sein schauderhaftes Programm ab. Jede der 31 "Blutspurenkomplexe", die er in der Wohnung identifiziert hat, analysiert er präzise, lässt keine Fragen unbeantwortet. Klar wird: Das viele Blut von Sharon in der Küche weist eindeutig darauf hin, dass sie hier ermordet wurde. Das Leben ihrer kleinen Schwester Chiara löschte der Täter in dem Kinderzimmer daneben aus, bevor er das Mädchen in das Schlafzimmer ihrer Mutter im zweiten Stock schleppte.

Doch nicht nur das Blut der Opfer hat Adamec gefunden. Auch der Angeklagte hat, nach Ansicht der Staatsanwaltschaft in der Tatnacht, Spuren hinterlassen. So etwa an einer Wand in der Küche, direkt neben der Tür zu dem Kinderzimmer. Ein größerer Blutspritzer, eine "elliptische Spur", verursacht durch eine schnelle Bewegung. Das Blut konnte angeblich eindeutig Thomas S. zugeordnet werden, es ist Spur Nummer 12 bei Jiri Adamec.

Der Angeklagte notiert die Einzelheiten

Es ist eine verräterische Spur. Hat doch Thomas S. in den Vernehmungen behauptet, er sei wenige Wochen vor der Tat mit Nasenbluten in der Wohnung gewesen. Nicht nur, dass die Mutter der beiden Mädchen dies ausgeschlossen hatte, Thomas S. sei jahrelang nicht bei ihr gewesen. Auch Gutachter Adamec wischt die Begründung vom Tisch. "Diese Spur ist stark horizontal. Das erwartet man bei Nasenbluten nicht."

Thomas S. schreibt fleißig mit, fast wie ein aufmerksamer Schüler, während der Wissenschaftler seinen Vortrag hält. Hin und wieder blickt der Angeklagte mit gerunzelter Stirn auf, schaut fragend zu Adamec auf die andere Seite des Gerichtssaals, murmelt ein paar Worte zu seinen Verteidigern. Die ihn belastenden Indizien scheinen ihn nicht zu irritieren. Daran ändert sich auch nichts, als eine DNA-Gutachterin dem Gericht viele weitere davon liefert.

Erdrückende Beweise

Katharina Schmid ist ein ähnliches Kaliber wie ihr Kollege Adamec. Auch sie rattert ihre Analyse in einer stets gleichbleibenden Tonlage herunter, geduldig erläutert sie immer wieder die Feinheiten ihres schwierigen Sachgebiets. Schmid hat mehr als 600 Spuren auf DNA-Material untersucht, darunter sogenannte "Abriebe" von den Kinderleichen, Fingerabdrücke, Blut. Das Gesamtbild, was sich daraus ergibt, dürfte Thomas S. ein gehöriges Stück näher zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe bringen. Denn Katharina Schmid hat seine DNA an einer Vielzahl von Stellen und Objekten nachgewiesen: Sie fand sich etwa an einem Wasserhahn in der Küche, an der Spülmaschine, auf der Toilette. Sein Blut klebte unter anderem an einem Küchenstuhl, an der Wand, an einer Bettdecke im Kinderzimmer. Und nicht nur das: Auch an den Leichen der Kinder, an ihren Armen, den Händen, ja sogar im Mund entdeckte Katharina Schmid die DNA von Thomas S. Passend dazu fand sie DNA-Spuren von ihm an den Tatwaffen, dem Messer, der Hantel und dem Seil. Manchmal ist das Ergebnis so eindeutig, dass die vorsichtige Wissenschaftlerin den Satz formuliert "die Spur kann ohne vernünftigen Zweifel Thomas S. zugeordnet werden", manchmal steht die Chance, dass der Angeklagte nicht der Verursacher ist bei 1:400 Millionen, dann sogar bei 1:10 Milliarden.

Angesichts dieser Indizien und Beweise scheint die Schlinge, die sich um den Onkel der beiden Mädchen zieht, mit jedem Prozesstag, mit jedem Zeugenauftritt enger zu werden. Während der Angeklagte selber nach außen hin unbeeindruckt wirkt, kommentiert sein Verteidiger in einer Prozesspause die Spuren im Gespräch mit stern.de: "Wir werden mit unserem Mandanten darüber sprechen. Wir sind nicht blind, wir verkennen nicht die Situation."


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